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Schön, dass du dabei bist!

Hier schreibt heute Nicole. Normalerweise starten wir ja immer eher enthusiastisch in den Newsletter, diesmal ist das Thema, das wir mitgebracht haben, etwas ernster. Sport soll Spaß machen, aufregend sein, Emotionen auslösen. Trauer und Enttäuschung gehören dazu, aber niemals Hass oder Aggression.

Aber genau darum geht es heute. Denn leider gehört es für viele Sportlerinnen zum Alltag, obszöne Online-Kommentare unter ihren Social-Posts vorzufinden, beleidigende Nachrichten und sogar Drohungen zu erhalten. Diese digitale Gewalt hinterlässt nicht selten spürbare Folgen, von mentalen Blockaden und Angstzuständen über Schlafstörungen bis hin zu Depressionen, Selbstverletzung und sozialem Rückzug. 

Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: Tennisspielerin Coco Gauff, die derzeitige Nummer 4 der Weltrangliste, wurde während der China Open heftig rassistisch beleidigt. Die US-Amerikanerin Gauff hatte einen kritischen Ballwechsel gegen Sun Xinran wegen flackernder Bandenwerbung unterbrochen. Der Punkt wurde wiederholt. Gauff gewann das Match anschließend. Als Gauff die digitale Hasswelle auf X öffentlich machte, bezog sogar das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte Stellung: Es sei “entsetzlich und zeigt, dass Schwarze Sportlerinnen gezielt Zielscheibe von hasserfüllten Angriffen und rassistischen Beleidigungen sind.” Zwei Tage später schied Gauff aus dem Turnier aus. Sie habe keine Energie mehr gehabt, sagte sie danach.

Digitale Gewalt an der Tagesordnung

Studien zeigen auf, was Athletinnen ertragen müssen: Eine Auswertung von World Athletics während der Olympischen Spiele in Tokio 2021 ergab: 87 % der beleidigenden Posts richteten sich gegen Athletinnen. Mehr als die Hälfte aller Beleidigungen war sexistisch oder rassistisch, und 63 % trafen nur zwei Sportlerinnen, beide sind Persons of Colour. 

Die Anfang dieses Jahres veröffentlichte britische Studie “Misogyny, Misogynoir and Violent Online Rhetoric Against Women and Girls in Sport: The Case of Joey Barton” zeigt zudem, wie Social Media Frauenhass und Rassismus gegen Sportlerinnen verstärkt. Die Forschenden sprechen von einer allgegenwärtigen Kultur der Misogynie sowie Online-Gewalt gegen Frauen im Sport. Angriffe richteten sich vor allem gegen das Geschlecht und gegen die Hautfarbe, sind also sexistisch und rassistisch.

Wie allgegenwärtig digitaler Hass ist, haben wir bei ERSTE selbst erlebt. In unserem letzten Newsletter sprachen wir mit Tennisspielerin Noma Noha Akugue. Unter unserer Instagram-Ankündigung dazu fanden wir rassistische Kommentare. Wir haben sie gelöscht und gemeldet – und später auch die Kommentarspalte ganz geschlossen.

Viele unserer Interviewpartnerinnen kennen digitale Übergriffe: Kathrin Marchand, paralympische Ruderin und Skilangläuferin, veröffentlicht regelmäßig Sammlungen der schlimmsten Kommentare, die sie erreichen. Und auch mit der fünffachen Downhill-Weltmeisterin Vali Höll hätten wir über Online-Hass und ihre “Love-Hate-Relationship” zu Social Media sprechen können. Auch wenn wir also den Fokus auf sportliche Leistungen legen, könnte digitale Gewalt in fast jedem Gespräch zum Thema werden, weil sie so viele Athletinnen betrifft.  

Deshalb sprechen wir heute im Interview mit Olympiasiegerin und Fußball-Expertin Tabea Kemme und mit der Mit-Gründerin von PENEMUE, Sara Egetemeyr. Tabea erzählt uns, wie sie auf die Morddrohungen reagiert hat, die sie über Social Media erreicht haben. Vom BKA, das plötzlich bei ihr in der Wohnung stand und von der Notwendigkeit den – wie sie sagt – “Pakt mit dem Teufel” Social Media einzugehen. Denn leider ist es oft so, dass Athletinnen die digitale Reichweite benötigen, um Sponsoren und Verbände glücklich zu machen. Damit sie sich dabei nicht schutzlos im Internet bewegen müssen, hat PENEMUE eine Art “digitalen Personenschützer” entwickelt. Ein KI-Tool, das Hass-Kommentare erkennt und filtert – und Nutzer*innen so die Kontrolle über ihre digitalen Kanäle zurückgibt. 

Mehr Empowerment

Ganz ohne positive Nachrichten kommt dieser Newsletter dann aber doch nicht daher. Denn wir möchten uns ja auch den schönen Seiten des Sports widmen. Los geht’s mit der Ankündigung des Halbmarathons nur für Frauen in Hamburg im August 2027 in den Spotlights. Wir sagen: Laufschuhe schnüren, Freundinnen einsammeln, Trainingsplan rausholen. Zehn Monate sind genau die richtige Vorlaufzeit. Wer hat Lust, mit uns zu laufen?

Außerdem: Für mehr Komfort und Empowerment für Fußballerinnen hat die Österreicherin Nadine Jochum eine praktikable Regel für menstruationsbedingte Pausen vorgestellt. In diesem Sinne:

Ready, set, go!

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PROJEKT: ERSTE

Wir sind Journalistinnen, Fotografinnen, Sportlerinnen und Fans – und im Begriff, mit euch zusammen eine wundervolle Community aufzubauen. Wir lieben Sport, vor allem den Sport der Frauen. Wir wissen: Everyone watches women’s sports. Nur gibt es noch nicht genug Möglichkeiten, ihn zu schauen, zu erleben oder zu teilen.

Deswegen haben wir ERSTE gegründet: Eine Medienmarke für den Sport der Frauen. Unser Newsletter erscheint alle zwei Wochen, im kommenden Jahr wollen wir mit eurer Hilfe ein gedrucktes Magazin auf den Markt bringen.

ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN – das heißt auch: Wir brauchen euch. Teilt den Newsletter mit anderen Sportbegeisterten, mit eurem Basketballteam, euren Tennis-Kolleginnen, eurer Fußballmannschaft. Wir freuen uns über alle, die mitlesen. Und über eure Ideen und Gedanken unter [email protected]

Transparenzhinweis/Werbung: Dieser Newsletter wurde von PENEMUE unterstützt. Dafür sind wir den Gründer*innen sehr dankbar – nicht nur, weil wir ihr Produkt für extrem sinnvoll halten. Sondern auch, weil ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN ein Format ist, das wir neben unseren regulären Jobs gestalten, bislang ohne Einnahmen, dafür mit Ausgaben für Fotografinnen und Newsletter-Tools. Kooperationen wie diese ermöglichen es uns, einen Teil der bisherigen Investitionen aufzufangen und das Projekt langfristig weiterzuentwickeln.

Die digitale Gewalt habe sich verändert, sagt Tabea Kemme: “Auffällig ist, dass viele Nachrichten inzwischen von Bots oder leeren Profilen kommen.” Foto: Lina Retzlaff

“Ich will nicht akzeptieren, dass das normal ist.”

Tabea Kemme begann ihre Fußballkarriere beim 1. FFC Turbine Potsdam. Mit dem Verein wurde sie viermal hintereinander deutsche Meisterin (2009-2012) und 2010 Champions-League-Siegerin. Mit der deutschen Nationalmannschaft feierte sie 2016 die Olympische Goldmedaille. Seit 2021 ist sie als TV-Expertin tätig. Schon als Fußballerin erlebte sie online Hass. Auch deshalb arbeitet sie mit dem Start-up PENEMUE zusammen. 

Sara Egetemeyr hat 2023 das Freiburger Unternehmen mitgegründet. Als Kulturwissenschaftlerin war es ihr immer wichtig, die Sichtbarkeit von Frauen und diversen, marginalisierten Stimmen in der Gesellschaft zu fördern. Als Co-Gründerin und Geschäftsführerin von PENEMUE sorgt sie nun dafür, Menschen vor Hass im Netz und digitaler Gewalt zu schützen.

Wie Tabea und Sara dem Hass im Netz Grenzen aufzeigen, erzählen sie im Gespräch mit Katalina und Nicole.

Tabea, du hast mal in einem Interview gesagt, dass Morddrohungen als Frau im Fußball dein Tagesgeschäft sind. Muss man das hinnehmen?

Tabea: Bei mir war das normal, bis ich Grenzen gesetzt und öffentlich über das Thema gesprochen habe. Morddrohungen gehören nicht mehr zu meinem Alltag. Aber während der WM der Männer gab es sehr viel mehr Aufmerksamkeit für uns Experten und Expertinnen, also Jürgen Klopp, Mats Hummels, Thomas Müller und mich. Natürlich auch Aufmerksamkeit, die viel Zeit für Community Management mit sich bringt. Aber die digitale Gewalt hat sich verändert: Auffällig ist, dass viele Nachrichten inzwischen von Bots oder leeren Profilen kommen.

Sara, du beschäftigst dich berufshalber täglich mit digitaler Gewalt. Was macht das mit dir?

Sara: Es kommt auf die Tagesform an. Manchmal schüttle ich nur den Kopf, manchmal bin ich geschockt. Und manchmal gehe ich inhaltlich gar nicht rein. Was bei den Frauen andauernd vorkommt, sind Angriffe auf den Körper, das Aussehen, die Kompetenz – misogyner Mist. Das überrascht mich leider nicht, denn Menschen sind sexistisch und misogyn. Aber ich will nicht akzeptieren, dass das normal ist. 

Besonders stark sehe ich das übrigens in vermeintlich männlichen Bereichen: Wenn eine Frau dort Kompetenz zeigt und dann auch noch über Männer redet, ist das ein Doppeltrigger. Ich hoffe, dass sich das irgendwann normalisiert: Wenn Frauen und Männer gemeinsam sichtbar sind, wenn Frauen Fußball kommentieren und Männermannschaften trainieren. Dann machen sich die Leute vielleicht irgendwann eher lächerlich, wenn sie sich darüber aufregen.

Warum ist es euch wichtig, öffentlich über digitale Gewalt zu sprechen?

Tabea: Ich bleibe nicht in einer Opferrolle. Ich habe die Kontrolle. Ich mache alles transparent. Jedes Verhalten hat Konsequenzen. Als ehemalige Polizistin interessiert es mich auch, welche Motive hinter solchen Taten stecken. Wenn ich betroffen bin und es nicht melde, fühle ich mich außerdem – da spreche ich nur für mich – als Mittäterin. 

Sara: Ich glaube, es gibt immer noch viele Menschen, die denken, sie müssten digitale Gewalt aushalten, wenn sie im Netz unterwegs sind. Und das finde ich falsch. Ich sehe, dass bestimmte Leute sich nicht mehr trauen, online sichtbar zu sein. Es sind meistens Leute, deren Stimme ich total wichtig finde. Oft sind es mehrfach diskriminierte Personen. Und oft sind es Frauen.

Kennt ihr Frauen, die sich deshalb aus den sozialen Netzwerken zurückziehen?

Sara: Ich habe es erlebt, als ich Gründerinnen beraten habe. Viele Frauen hätten irgendwann für ihr Business digital sichtbar werden müssen. Sie haben sich aber nicht getraut, weil sie Angst vor dem Hass hatten, der ihnen begegnen könnte. Je mehr wir über digitale Gewalt, aber auch über Strategien und Möglichkeiten der Gegenwehr sprechen, desto weniger hält sie Menschen davon ab, öffentlich aufzutreten.

Tabea: Ich weiß, dass ich eine Person der Öffentlichkeit bin und dass damit gewisse Konsequenzen einhergehen. Ich bekomme es bei anderen Personen in der Öffentlichkeit mit, die sich zurückziehen. Es liegt nicht in meiner Kontrolle, sie dazu zu bewegen, wieder sichtbar zu werden. Ich habe Verständnis für die Entscheidung und sehe wie energieziehend es ist, ständig Bewertungen anderer ausgesetzt zu sein.

“Ich will nicht akzeptieren, dass das normal ist”, sagt PENEMUE-Mitgründerin Sara Egetemeyr über Hass im Netz. Foto: Silvia Wolf

Warum benehmen sich Menschen so unverhohlen im Netz?

Tabea: Die Anonymität. Menschen können sich verstecken. Ich bin sehr dankbar für meine Community, die organisch gewachsen ist und bei Angriffen oft selbst reagiert. Das ist eine sehr unterstützende Dynamik. Häufig muss ich gar nicht selbst eingreifen – oder ich lasse Sara machen.

Sara: Eine Community kann viel auffangen, aber nicht jeder Mensch hat ein solches Netzwerk. Deshalb braucht es zusätzliche Schutzmechanismen. Und wenn man es den eigenen Followern überlässt, besteht die Gefahr, dass die Absender der Hasskommentare zusätzliche Reichweite bekommen. Weil jede Interaktion, jeder Kommentar für weitere Aufmerksamkeit sorgt. Ich finde es manchmal eleganter, die Hater einfach stumm zu stellen. Damit nimmt man ihnen Aufmerksamkeit und Bühne.

Wer ist in euren Augen dafür verantwortlich, Sportlerinnen vor digitaler Gewalt zu schützen?

Sara: Das müssten die Arbeitgeber übernehmen oder die, die fordern, dass man an die Öffentlichkeit geht. Wenn man weiß, dass Menschen angefeindet werden, kann man sie nicht einfach in die Öffentlichkeit schicken, ohne sich Gedanken über die Folgen zu machen. Ein digitaler Personenschutz sollte eigentlich ein No-Brainer sein. Die Möglichkeiten dafür bestehen ja. Sei es durch Community Management oder einem Tool wie PENEMUE, das dafür sorgt, dass bestimmte Sachen einfach nicht mehr zu den Leuten durchdringen.

Tabea: Wenn Sportlerinnen Verträge unterschreiben – ob auf Club- oder Verbands-Ebene – geben sie quasi ihre Persönlichkeitsrechte ab. Gleichzeitig wird von ihnen erwartet, ihre Community aufzubauen und auf Social Media präsent zu sein. Dann werden sie in einen ungeschützten Raum geschickt. Das finde ich problematisch.

Ist die Erwartungshaltung an Sportler*innen, sich öffentlich zu zeigen, Teil des Problems?

Sara: Social Media ist sehr persönlich. Es wird oft erwartet, dass Menschen ihr Privatleben zeigen und das bietet eine krasse Angriffsfläche. Nehmen wir Stalking, das ist ja auch digitale Gewalt. Ich kenne Leute, die mussten umziehen, weil irgendwer ihre Adresse herausgefunden hat. Das ist belastend und schlimm – und Frauen sind auch hier viel stärker betroffen. Daran sieht man auch: der Übergang von digitaler Gewalt zu analogen Problemen ist fließend. Man kann das eigentlich nicht mehr trennen und sagen, ja, schalt doch deine Kommentare ab, oder lies’ sie einfach nicht. Das reicht nicht.

Tabea: Ich habe schon bei meinem ersten Profivertrag bei Turbine Potsdam erlebt, dass Morddrohungen beim Verein eingingen. Das BKA stand vor meiner Haustür, weil der Verein die Polizei informiert hatte. Aber es gab keine Handlungsstrategien, keine Nachbetreuung und keine Unterstützung im Umgang mit der Situation.

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WISSEN TO GO: PENEMUE

PENEMUE ist ein Freiburger Trust-Tech Start-up, das Sportclubs, Spieler*innen und Fans vor Hass, Desinformation und digitalen Angriffen schützt. PENEMUEs eigene KI erkennt und entfernt toxische Inhalte in Echtzeit und schützt so besonders exponierte Personen, Marken und Unternehmen im Netz. Strafbare Inhalte können mit Hilfe von rechtssicher verfolgt werden; hierfür kooperiert das Start-up mit Staatsanwaltschaften und mit HateAid.

Müsste man die Social-Media-Plattformen stärker in die Verantwortung nehmen?

Sara: Darauf zu warten, bis die Plattformen etwas verändern, ist keine Option. Ich glaube auch nicht, dass die Plattformen die Kommentar-Ebene stärker regulieren werden. Man kann selbst Blacklists anlegen bei Instagram – also Listen mit Begriffen, die ausgeblendet werden sollen. Da kann man die typischen Beschimpfungen reinschreiben. Aber Hass äußert sich oft auch implizit. Ich darf ein Beispiel von Tabea vorlesen: “Wie unauthentisch kann ein Mensch überhaupt sein? Unerträglich, die Tante.”  Oder auch Begriffe wie “lecker Mädche” oder “geile Zunge”... Ich will gar nicht weiter lesen. Leute sind so verrückt. Deshalb brauchst du ein System, das den Kontext kennt, um solche Nachrichten herauszufiltern. Die Meinungsfreiheit geht in Deutschland sehr weit. Vieles, was rechtlich erlaubt ist, finde ich trotzdem nicht akzeptabel. Auf meinen Social-Media-Kanälen habe ich Hausrecht. Da möchte ich nicht nur einen strafrechtlich legalen Umgang, sondern kann einen respektvollen Umgang einfordern. Ich muss mich nicht auf das beschränken, was gerade noch strafrechtlich erlaubt ist.

Da setzt PENEMUE an. Euer Tool ermöglicht es, Kommentare direkt auszublenden, außerdem werdet ihr in Zukunft auch Direktnachrichten filtern können. Wie entscheidet ihr, welche Kommentare rausgezogen werden?

Sara: Unsere Software ordnet Kommentare ein, beispielsweise als rassistisch oder sexuell anzüglich. Die Nutzerinnen und Nutzer entscheiden aber selbst, welche Inhalte sie auf ihren Kanälen zulassen möchten. Manche wollen nur strafrechtlich relevante Inhalte herausfiltern, andere ziehen ihre Grenze früher. Wir entscheiden nicht, was gelöscht werden muss. Wir geben eine Orientierung, damit Betroffene selbstbestimmt handeln können.

Wie wichtig ist es, neue Codes, Emojis und sprachliche Veränderungen zu erkennen?

Sara: Das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Das Tolle ist, dass auch alle, die jetzt PENEMUE nutzen, uns das mitgeben können. Da entsteht so eine Gruppenintelligenz, das heißt, man kann uns jederzeit Feedback geben und sagen, hey guck mal, das ist mir jetzt begegnet und uns auf Sprachanwendungen aufmerksam machen. 

Im zweiten Teil den Interviews sprechen wir über Grenzen der strafrechtlichen Verfolgung und der Notwendigkeit, dennoch hartnäckig die Täter anzuzeigen. Direkt nach den Spotlights.

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SPOTLIGHTS

Sisterhood auf 21,1 Kilometern Hamburg bekommt eine Premiere: Am 22. August 2027 findet erstmals der 21K Women’s Half Hamburg statt, der erste eigenständige Halbmarathon in Deutschland, der ausschließlich Frauen offen steht. Start und Ziel liegen an der Hamburg Messe, dazwischen geht es über die Reeperbahn, durch Altona und die HafenCity bis an die Alster. Wir sagen: Laufschuhe schnüren, Freundinnen einsammeln, Trainingsplan rausholen. Zehn Monate sind genau die richtige Vorlaufzeit.

Eine Regel für die Regel Als Nadine Jochum während eines Fußballspiels ihren Tampon verlor, befand sie sich in einer doppelt misslichen Lage. Laut Regelwerk dürfen Fußballer*innen den Platz nicht unerlaubt verlassen. Es folgte eine umständliche, und für sie unangenehme Diskussion mit ihrem Trainer und dem Schiedsrichter. Damit andere Spielerinnen dieses schamvolle Prozedere nicht durchmachen müssen, hat Jochum „Period Out” ins Leben gerufen: Mit einem Handzeichen signalisiert eine Spielerin, dass sie wegen ihrer Periode kurz zur Toilette muss. Das Spiel läuft weiter, sie kehrt auf Zeichen der Schiedsrichterin zurück, nur bei Torhüterinnen wird kurz unterbrochen. Immer mehr Teams nutzen das Zeichen bereits auf eigene Faust, Jochums Ziel ist ein Eintrag ins offizielle Regelbuch. Wir finden: höchste Zeit.

Round and round, Teil 2 Letztes Mal hatten wir euch vom Start der Bahnrad-WM in Shanghai erzählt, jetzt ist die Bilanz da, und sie kann sich sehen lassen. Pauline Grabosch legte nach Bronze im Teamsprint noch Gold im 1000-Meter-Zeitfahren nach, ihr erster WM-Titel in einer Einzeldisziplin. Der Frauen-Vierer mit Franziska Brauße, Lisa Klein, Mieke Kröger und der erst 20-jährigen Messane Bräutigam holte Bronze im kleinen Finale gegen die Niederlande. Lisa Klein sicherte sich außerdem Bronze in der Einerverfolgung. Und am Schlusstag fuhr Lea Sophie Friedrich im Keirin zu Silber, in einer echten Millimeter-Entscheidung: Auf Siegerin Alina Lysenko fehlten ihr gerade einmal sechs Tausendstelsekunden. Neun Medaillen hat das deutsche Team insgesamt geholt, fünf davon gehen auf das Konto der Frauen. Und ein Gruß an Emma Hinze, die diesmal nicht dabei war, da sie vor wenigen Monaten Mutter eines Sohnes geworden ist.

Mit Kante Bei der Tischtennis-EM in Ljubljana hat Annett Kaufmann Gold nur um Haaresbreite verpasst. Im Einzelfinale verlor die 20-Jährige gegen die Russin Elizabet Abraamian mit 3:4, nachdem sie sich aus einem 0:2-Rückstand zurückgekämpft hatte. Auf dem Weg dorthin schlug sie Han Ying glatt mit 4:0 und Nina Mittelham im deutsch-deutschen Halbfinale mit 4:3. Dazu kommt Bronze im Doppel mit Mittelham. Dass Kaufmann nicht nur an der Platte Haltung zeigt, hat sie in diesem Jahr schon bewiesen: Im Frühjahr machte sie öffentlich, dass sie in den sozialen Medien Morddrohungen und massenhaft sexistische Kommentare bekommen hatte. Sie meldete die Absender und entschied sich bewusst, darüber zu sprechen, weil man so etwas nicht einfach hinnehmen dürfe. Wir ziehen den Hut vor der Rückhand und vor der Haltung.

“Manche Verbände haben zunächst bezweifelt, wie groß der Bedarf ist”, sagt Sara Egetemeyr. Foto: Silvia Wolf

“Viele haben Angst, Grenzen zu setzen, weil sie den Erfolg nicht beschädigen wollen.”

Sara, können Betroffene strafrechtlich relevante Kommentare über eure Software anzeigen?

Sara: Ja, wenn sie es wollen. Wir brauchen in Deutschland den Anzeigewillen, das kann keine KI übernehmen. Es braucht eine Person. Aber über unsere Plattform können Betroffene in ein paar Klicks eine Anzeige auf den Weg bringen. Das landet dann bei Staatsanwaltschaften, die mit uns kooperieren, und die sich vor allem um Hasskriminalität kümmern. Sie kennen sich mit dem Thema aus. Das ist wichtig, weil Betroffene oft davon berichten, dass sie schlechte Erfahrungen mit Strafverfolgungsbehörden gemacht haben. Wir versuchen den Prozess so einfach wie möglich zu gestalten, damit wirklich jeder Kommentar, der zu weit geht, zur Anzeige gebracht werden kann. 

Hat eine Anzeige denn tatsächlich Konsequenzen? Die Angst ist ja sicher oft, dass dann einfach alles versandet und nichts passiert.

Sara: Wie ein Verfahren ausgeht, erfahren wir, wenn Betroffene uns darüber informieren. Wir wissen, dass manche Verfahren eingestellt wurden. Andere haben zu Verurteilungen geführt, meistens zu Geldstrafen. Manchmal fragen uns Nutzer*innen, ob sie etwas anzeigen sollten. Ich sage immer: Probiert es in jedem Fall aus. Das vermitteln uns auch die Staatsanwaltschaften. Lieber einmal zu viel melden. Es hilft im Übrigen auch, wenn Betroffene die Erfahrung gemacht haben, von der Staatsanwaltschaft ernst genommen zu werden. Dann macht die Hemmschwelle niedriger, weitere Vergehen anzuzeigen.

Welche Unterstützung gibt es, wenn Betroffene rechtlich gegen Hass vorgehen wollen?

Sara: Das Problem ist, dass die Staatsanwaltschaft bei Beleidigungen gegen Sportlerinnen nicht immer ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung sieht. Dann müssen die Betroffenen selbst zivilrechtlich klagen. Also auf eigene Kosten. Dafür braucht man Zeit und finanzielle Mittel. Wir kooperieren eng mit HateAid. HateAid unterstützt Betroffene und kann unter bestimmten Voraussetzungen die Prozesskosten übernehmen. Einige Sportverbände haben außerdem gefordert, Sportler*innen strafrechtlich ähnlich zu schützen wie Politiker*innen, weil sie ebenfalls in der Öffentlichkeit stehen und ihr Land repräsentieren. Diese Anfrage ist aber noch offen. 

Tabea: Der zeitliche Aufwand, den eine zivilrechtliche Klage mit sich bringt, steht für mich persönlich in keinem Verhältnis zu dem, was ich mir davon verspreche. Ich weiß, dass ich einen Pakt mit dem Teufel schließe, weil ich Konsumentin dieser Plattform bin. Ich lasse mich auf Spielregeln ein, die ich selbst so nicht gestalten würde. Deswegen hole ich mir Unterstützung, sei es jetzt über PENEMUE oder auch über Athleten Deutschland, die viel Aufklärungsarbeit zu dem Thema betreiben.

Um in der Metapher zu bleiben. Habt ihr PENEMUE gegründet mit der Vision, dem Teufel etwas entgegenzusetzen?

Sara: Mein Mitgründer Jonas und ich, wir haben beide jeweils Väter, die aus Ländern kommen, wo es weder Pressefreiheit noch Meinungsfreiheit noch Frauenrechte gibt. Das ist eine starke persönliche Motivation. Denn natürlich ist das Internet nicht nur voller Hass. Es bietet einen Raum für Demokratie und freie Meinungsbildung. Diesen Raum zu erhalten und so zu schützen, dass sich jeder frei fühlt oder sicher fühlt, ist enorm wichtig.

Gibt es mittlerweile ein größeres Bewusstsein dafür, dass Sportlerinnen und andere Personen in der Öffentlichkeit Schutz benötigen?

Sara: Ja, ich habe das Gefühl, dass sich etwas verändert. Manche Verbände haben zunächst bezweifelt, wie groß der Bedarf ist. Mittlerweile merken sie, dass es nicht bei einem kurzen Shitstorm bleibt, sondern die Angriffe immer mehr werden und Betroffene stark belasten. Und auch in anderen Branchen setzt sich ein Umdenken durch: In der Werbung beispielsweise gibt es Brands, die merken, dass sie die Influencer schützen müssen, mit denen sie zusammenarbeiten. Insbesondere, wenn es Menschen aus marginalisierten Gruppen sind.

Tabea Kemme: “Ich weiß, dass ich einen Pakt mit dem Teufel schließe, weil ich Konsumentin dieser Plattform bin.” Foto: Lina Retzlaff

Übernehmen Vereine denn mittlerweile mehr Verantwortung?

Sara: Ja. Viele Vereine setzen unsere Software nicht nur ein, um Spielerinnen, Spieler und Trainer zu schützen, sondern sprechen auch öffentlich darüber. Und das hat wiederum eine Signalwirkung. Wir machen öffentlich, dass wir uns wehren. Dass wir Schutzräume schaffen. Es ist nicht so, dass wir einfach nur irgendein Dienstleister sind. Ich verstehe uns schon als Teil einer inhaltlichen, wertgetriebenen Vision. Und das finde ich sehr schön.

Tabea: Auch mit Blick auf die Gründung einer Sportagentur und das Sportfördergesetz sollte die Frage nach Schutzräumen eine Rolle spielen. Die Verantwortlichen müssen sich damit beschäftigen, wie Sportlerinnen und Sportler auch im digitalen Raum geschützt werden können. Meine Vision ist, dass dieser Schutz verbindlich mitgedacht wird.

Welche Rückmeldungen bekommt ihr von Sportlerinnen, die eure Plattform nutzen, oder auch aus ihrem Umfeld?

Sara: Mir fällt ein Fall ein, in dem der Vater einer Sportlerin ihren Social-Kanal betreut. Es ist eine junge Sportlerin, die sich in einem von Männern geprägten Bereich bewegt. Der Vater hat mir erzählt, wie sehr es ihn belastet, dass seine Tochter permanent so krass sexualisiert wird. Er hat schon einige Kommentare angezeigt und ist total froh, weil das gut funktioniert hat. Für ihn war es die größte Erleichterung, sich wehren zu können. Sein Wortlaut: “Ich fand es immer so schlimm, dass das anscheinend dazugehört.” Also die sexualisierenden Kommentare. Das Entscheidende ist das Gefühl: Ich bin wieder handlungsfähig. Ich habe wieder Kontrolle und bin dem Hass nicht einfach ausgeliefert.

Tabea: Das kann ich voll unterstützen. Auch bei Athleten Deutschland sprechen wir über Anlaufstellen und Möglichkeiten, gegen analoge und digitale Gewalt vorzugehen. Das ist großartig, in allen Sportarten, den olympischen und paralympischen Sportarten, wo vielen diese Handlungsmöglichkeiten gar nicht bewusst waren. Und eigentlich ist es doch so simpel: Wir müssen Nein sagen. Nein sagen, Grenzen setzen. Mehr müssen wir nicht machen. Diese Dominanz von Hass ist vermehrt männlich geprägt, wir alle haben eine Verantwortung uns selbst gegenüber, wenn wir wollen, dass es besser wird.

Und es ist sicherlich leichter, wenn man dabei Partner*innen hat. Wenn man nicht alleine dasteht, mit dem Rücken zur Wand, und alleine Nein sagen muss.

Tabea: Genau! Es ist auch okay, wenn man es gerade nicht kann. Jeder ist auf einem anderen Energiebarometer unterwegs, darauf muss man achten. Ich kenne auch viele, die es aus dem Grund eben nicht schaffen, selbst Nein zu sagen. 

Sara: Da ist Tabea – ob freiwillig oder unfreiwillig – eine tolle Vorbildfunktion. Bei dir sieht man: Du kannst sehr erfolgreich sein und trotzdem Grenzen setzen. Viele haben am Anfang ihrer Karriere Angst, Grenzen zu setzen, weil sie ihren Erfolg nicht beschädigen wollen. Und deshalb finde ich das so wichtig, dass man positive Beispiele sieht. Das hilft dir vielleicht sogar auch bei deinem sportlichen oder beruflichen Erfolg. 

Foto: Lina Retzlaff

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WHAT TO WATCH

29.10., 17:30 Uhr | Basketball | WNBA-Finale: Spiel 6 Die Golden State Valkyries könnten sich im sechsten Spiel der Finalserie gegen die Atlanta Dream die WNBA-Meisterschaft sichern, einen der wichtigsten Titel der Basketballwelt. Europäische Fans freuen sich über das Nachmittagsspiel, in den USA wird der frühe Spieltermin (12:30 Uhr Ortszeit) allerdings mindestens so heftig kritisiert wie hierzulande die Montagsspiele der Frauen-Fußball-Bundesliga. Die Terminfindung chaotisch zu nennen, wäre beinahe euphemistisch. Anyways – wir freuen uns über das frühe Spiel, das ihr mit dem WNBA League Pass schauen könnt.

7.11., 19:00 Uhr | Eishockey | Weltmeisterschaft | Deutschland – Österreich Die besten Frauen-Eishockeynationalmannschaften der Welt werden am 6. November 2026 im dänischen Herning und Esbjerg in das Turnier starten. Zehn Mannschaften kämpfen um den Weltmeistertitel. Die Vorrunde läuft bis zum 11. November, danach geht das Turnier in die Playoff-Phase über. Die Spiele um die Medaillen finden am Montag, den 16. November, statt. Mit dabei ist natürlich auch wieder Sandra Abstreiter – und Laura Kluge, die uns demnächst auf Instagram Frage und Antwort stehen wird. Das erste Spiel des deutschen Teams gegen Österreich findet am 7.11. um 19:00 Uhr statt, danach stehen Gruppenspiele gegen die USA, Tschechien und die Schweiz an. Magenta Sport überträgt.

8.11., 14:00 Uhr | Fußball | Zweite Bundesliga Berlin will zur Fußball-Hochburg werden – gleich zwei Teams drängen in die erste Liga, wo bereits Union Berlin spielt: Der FC Viktoria Berlin und Hertha BSC. Das Derby steigt am 8. November, Viktoria empfängt die Hertha! Das lassen wir uns nicht entgehen und sind vor Ort – oder schauen das Spiel bei Leagues im Livestream.

bis 22.11. | Kunst & Fotografie Die Sammlungsausstellung “Sprint Gleichschritt Dauerlauf” in der Rathaushalle Frankfurt (Oder) widmet sich mit rund 140 Arbeiten aus Malerei, Grafik, Zeichnung, Skulptur und Fotografie den vielen Facetten des Sports. Darunter befinden sich auch die tollen Bilder von Sophie Kirchner aus ihrer Serie “Männersport” von 2012, in der sie Sportlerinnen porträtiert hat, die in Sportarten unterwegs sind, die oft als männlich dominiert verstanden werden, zum Beispiel Wasserball oder Eishockey. Lieben wir! Hier findet ihr mehr Infos zur Ausstellung.

ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, eine Mission. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr findet, dass Sportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über jegliche Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]

Redaktion und Lektorat: Nicole McDermott, Katalina Farkas, Verena Beck, Aron Farkas. Fotos: Lina Retzlaff und Silvia Wolf.

Unser nächster Newsletter erscheint am Donnerstag, den 12. November.