Schön, dass du dabei bist!

Wir müssen erst einmal durchatmen. Die vergangenen zwei Wochen waren wild! Und das nicht nur, weil wir nach unserem ersten Newsletter so viele tolle Rückmeldungen erhalten haben. Wild waren auch die Olympischen Winterspiele, dieser Wirbelwind aus Gänsehaut, irrer Freude und schlimmen Schockmomenten. Dass wir zu Abstreiter-Ultras geworden sind, erwähnten wir ja bereits im ersten Newsletter, dass wir Franzi Feldmeiers späten Treffer im Eishockey-Viertelfinale gegen Kanada gefeiert haben, als wäre es ein Siegtor gewesen (Spoiler: war es nicht), ist also selbstverständlich.

Blut, Schweiß und Tränen

Einmal mehr wurde aber auch deutlich: Wenn Sportlerinnen zeigen, dass sie mehr als gut funktionierende Maschinen sind, ernten sie nicht nur Verständnis. Sondern mitunter auch Häme und Hass.

Biathletin Dorothea Wierer wurde online angefeindet, als sie ihre Periode thematisierte – und dass sie sich daher schlapper gefühlt habe als sonst. “Peinlich” und “so eine Ausrede habe ich noch nie gehört”, zählten zu den weniger schlimmen Kommentaren. Als die Skispringerin Agnes Reisch wegen ihrer einsetzenden Periode und damit einhergehender Ängste auf einen Trainingssprung verzichtete, folgte im Internet ebenfalls eine Welle teils heftiger Reaktionen. 

Dabei war Reischs Entscheidung reflektiert und nachvollziehbar. Und selbst, wenn sie das nicht gewesen wäre – es war ihre Entscheidung. Die Kommentarspalten unter den Posts offenbaren, schreibt der Tagesspiegel, ein grundlegendes Problem: Wer Offenheit bestraft, verhindert echte Gleichberechtigung. Wir finden: Wer jene Art von Offenheit bestraft, spricht es Frauen ab, selbst über ihren Körper – und wo sie ihn hinunterstürzen – zu entscheiden. 

In eine ähnliche – wenngleich weniger drastische – Richtung ging der Tonfall all jener, die sich darüber beschwerten, dass einige Biathletinnen die Rosen, die sie nach ihrem Wettkampf am Valentinstag erhielten, nicht mit einem strahlenden Lächeln quittierten. Es scheint, als meinten manche Menschen noch immer, dass Frauen beim Sport bitte sympathisch, dankbar und dekorativ wirken sollen – auch dann, wenn sie gerade einen 7,5-Kilometer-Sprint absolviert haben.

Und jetzt zum Sport (nach den Spielen)

Während der Spiele scheint es fast selbstverständlich: Sportlerinnen bekommen Sendezeit, Analysen, Memes. Logisch, sie bestreiten ja auch fast die Hälfte der Wettbewerbe (Hallo, Nordische Kombination!). Livestreams ermöglichen es öffentlich-rechtlichen Sendern, die Frauen proportional zur Teilnahme zu zeigen. Auch eine Studie von Media Affairs, die zwischen 2023 und 2024 österreichische Zeitungen und TV-Sender ausgewertet hat, zeigt, dass Athletinnen während der Spiele deutlich sichtbarer sind als sonst. Es herrscht also nicht nur unter den Teilnehmenden beinahe Parität. Aber danach? Sind es vermutlich vor allem wieder Sportler, die Zeitungsseiten und Sendungen zieren. 

Para-Athletinnen und -Athleten sind dort übrigens noch seltener zu sehen. Warum ihre sportlichen Leistungen viel ernster genommen werden sollten, hat uns Kathrin Marchand erzählt. Kathrin ist die erste Athletin weltweit, die bei den Olympischen Sommerspielen, den Paralympischen Sommerspielen und den Paralympischen Winterspielen startet. Egal, wie es in Milano Cortina ausgeht: Wir würden ihr gerne jetzt schon eine Goldmedaille verleihen. Warum? Weil ihre Fähigkeit, sich zurückzukämpfen, nicht von dieser Welt ist. Im Interview erfahrt ihr mehr.

Hier kommt: ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN

Auch daher haben wir ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN gestartet. Weil wir all jene Geschichten aus dem Sport der Frauen erzählen wollen, die bislang schlichtweg aussortiert oder übersehen wurden. Unser Newsletter kommt alle zwei Wochen, im Sommer starten wir unseren Podcast. Unser gedrucktes Magazin soll im späten Herbst erscheinen. Es ist das erste in Deutschland, das sich einzig und allein dem Sport der Frauen widmet. Auf unserer Website erfahrt ihr mehr über unsere Pläne. Dort könnt ihr euch auch für den Newsletter anmelden, sollte euch diese Ausgabe von anderswo zugespielt worden sein.

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ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, der Name ist Programm. Das heißt auch: Wir brauchen euch. Teilt den Newsletter mit anderen Sportbegeisterten, mit eurem Handballteam, eurer Slopestyle-Crew, euren eiskunstlaufbegeisterten Schwiegereltern oder euren neuen Curling Buddies. Wir freuen uns über jede (und jeden!), die (oder der) mitliest. Und auf eure Ideen, Gedanken und Vorschläge unter: [email protected]

Ready, set, go!

“Para-Sport ist ziemlich krass”, sagt Kathrin Marchand. Sehen wir auch so. Foto: Sofia Brandes

“Para-Sport ist keine Resterampe für Menschen, die ein Hobby brauchen.”

Es liegt in ihrem Naturell, Grenzen auszutesten und sich immer wieder neue Ziele zu setzen. Kathrin Marchand, 35, fährt erstmals zu den Paralympischen Winterspielen. 2012 und 2016 war sie als Ruderin bei den Olympischen Sommerspielen. Nach einem Schlaganfall musste sie ihr ganzes Leben neu sortieren, ihren Beruf als Ärztin, ihre Perspektiven. Sie stieg wieder ins Boot, wurde Weltmeisterin im Para-Rudern, nahm an den Paralympics 2024 in Paris teil und fuhr haarscharf an einer Medaille vorbei. Dann lernte sie eine neue Sportart, auch aus Trotz. Um sich – und den Kritiker*innen – zu beweisen: Para-Sport ist ein Privileg. Und ziemlich krass.

Kathrin, mit welchen Vorurteilen kämpfst du als Para-Athletin – und wie reagierst du darauf? 

Ich reagiere gar nicht auf Vorurteile, ich versuche, möglichen Vorwürfen zuvorzukommen. Ich werde oft gefragt, warum ich Para-Sport mache, weil ich ja ganz normal aussehen würde. Aber es gibt auch Erkrankungen, die man nicht direkt sieht, und mit denen man trotzdem kämpft. Ich habe mich nach 14 Monaten im Skilanglauf für die Winterspiele qualifiziert. Da hieß es auch: “Dann kann es ja nicht so schwierig gewesen sein.” Dabei mache ich seit 20 Jahren Leistungssport. Ich habe nicht neu mit dem Sport angefangen, sondern eine neue Sportart gelernt. Ich weiß, was ich machen muss, um gut zu werden. Das schafft nicht jeder. Ich habe auch hart dafür gearbeitet. Aber viele sehen das nicht. Die sagen sich: “Jetzt hat sie sich so schnell für die Winterspiele qualifiziert, und dann sieht sie auch noch so gesund aus. Dann kann die Einschränkung ja nicht so schlimm sein.”

Auf Instagram machst du aktiv auf die Situation von Para-Sportlerinnen aufmerksam. Warum ist dir das wichtig? 

Ich möchte weg von dem Gedanken, dass Para-Sport die Resterampe für Menschen ist, die ein Hobby brauchen. Oder so nach dem Motto: “Ich hatte eine Knie-OP, wann kann ich mich für die Paralympics anmelden?” Ich trainiere 15 Stunden in der Woche, um erfolgreich zu sein. Natürlich kann man auch mit weniger Leistung nominiert werden. Aber um erfolgreich zu sein, muss man Vollgas geben. Ich will Aufmerksamkeit dafür schaffen, was Para-Sport eigentlich ist.

Ich weiß, was ich machen muss, um gut zu werden.

Kathrin Marchand

In deiner Heimat Köln ist der Skilanglauf nicht unbedingt die bekannteste Disziplin. Wie kamst du dazu, vom Rudern in eine Wintersportart zu wechseln? 

Das war gar nicht der Plan. Bei den Paralympics in Paris 2024 haben wir keine Medaille geholt, mit sechs Hundertstel Unterschied. Das war ein Wimpernschlag, mit dem wir sie verpasst haben. Ich war gefrustet, weil wir im Vierer echt gut waren. Im Deutschen Haus laufen bei den Spielen immer viele andere Menschen rum. Unter anderem ein Skilanglauf-Trainer. Er hat mich angesprochen. Es ist im Para-Sport erwünscht, zwei Sportarten zu machen. Das hat auch finanzielle Gründe: Im Winter werde ich über den Skilanglauf gefördert, im Sommer über das Rudern. Ich hatte aber auch Lust, etwas anderes zu machen, weil Paris so frustrierend war. Ich habe damals gar nicht damit gerechnet, dass wir zwei Jahre später so erfolgreich sind.

Du bereitest dich jetzt auf deine ersten Winterspiele vor, bist bis vor Kurzem aber noch viel gerudert. Hilft dir das auf der Loipe? 

Die beiden Sportarten ergänzen sich. Beine und Arme werden intensiv trainiert, man braucht viel Ausdauer. Rudern erfordert mehr Kraft, aber man kann das gut kombinieren. Im Skilanglauf lerne ich, meine Schultern locker zu lassen und weniger verkrampft zu sein, das hilft mir beim Rudern. Nächstes Jahr wollen wir auch nochmal einen schnellen Zweier fahren. Valentin Luz und ich sind im letzten Jahr ja Weltmeister im Mixed-Doppelzweier geworden. Den Titel wollen wir natürlich verteidigen. Es macht auch einfach Spaß, zwischendurch den Sport zu machen, den ich seit meiner Kindheit ausübe. 

Wir haben Kathrin Marchand in die Geschäftsstelle des Deutschen Behindertensportverbandes und Nationalen Paralympischen Komitees begleitet – dort hat sie die offizielle Teambekleidung abgeholt, die sie mit zu den Winterspielen nimmt. Foto: Sofia Brandes

2016 hast du deine Karriere nach den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro beendet, um dich auf dein Medizinstudium zu konzentrieren. War das auch der finanziellen Situation geschuldet? 

Klar, man könnte sich viel mehr auf den Sport konzentrieren, wenn man nicht so viel arbeiten oder studieren müsste. Das ist schade. Aber es geht einfach nicht anders. Man muss sich einfach früh überlegen, wie man später Geld verdient. Mit dem Sport ist es ja auch irgendwann vorbei. Außerdem fordert es die Sporthilfe ein, dass man sich beruflich orientiert, studiert, eine Ausbildung macht oder arbeitet. Selbst jetzt, wo ich super erfolgreich bin, kann ich davon nicht leben, was ich mit dem Sport verdiene. Auch mit Sponsoren reicht es nicht.

Ist das für Para-Sportlerinnen noch einmal schwieriger als für Sportlerinnen ohne Behinderung?

Auf jeden Fall. Im olympischen Bereich werden mehr Athletinnen und Athleten finanziell unterstützt, als am Ende tatsächlich zu den Spielen fahren. Im Para-Sport werden nicht mal alle Teilnehmer gefördert. Und es gibt auch Förderungen, die im Para-Bereich fehlen, wie die der Bundeswehr beispielsweise. Das funktioniert bei mir nicht, ich würde ausgemustert werden. Es gibt vergleichbare Stellen, aber nur sehr wenige. Wenn wir es schaffen, finanziell gefördert zu werden, kriegen wir die Grundförderung. Das sind 800 Euro. Das ist nichts, wovon man leben kann. Ich glaube, vor fünf Jahren sah das auch noch ganz anders aus. Es wird immer mehr angeglichen. Aber es ist noch kein Gleichstand. 

Du hast ein paar Sponsoren, die dich unterstützen? 

Ja, da kümmere ich mich selbst drum. Ich habe einen Manager. Aber vieles mache ich auch selbst. 

Nach den Spotlights kommt der zweite Teil des Interviews. Und ganz am Ende folgen noch die What-to-Watch-Tipps! Also: Dranbleiben, bitte. Es lohnt sich.

SPOTLIGHT

Superwoman Mit der Schweizer Flagge als Cape fliegt Mathilde Gremaud zu ihrem zweiten Slopestyle-Gold. Kurz darauf stürzt sie im Training, muss das Big-Air-Finale sausen lassen. Ihr Victory Run wird dennoch zum Olympia-Moment, an den wir uns noch lange erinnern werden. Wer mehr sehen möchte: Die Red-Bull-Dokumentation She Who Flies zeichnet die Karriere der Ausnahme-Skifahrerin nach.

Eiskalt Goldverdächtig ist auch die supercoole Reaktion von Eileen Gu, die nach dem Gewinn ihrer zweiten Silbermedaille von einem Reporter gefragt wird, ob sie Gold “verloren” hätte. “Ich bin die am höchsten dekorierte weibliche Freeskierin”, sagt sie lachend, “ich glaube, das reicht als Antwort.” Finden wir auch.

Royales Erbe Snowboard-Queen Anna Gasser reicht die Big-Air-Krone weiter. Die fünffache X-Games-Gewinnerin und zweifache Olympiasiegerin wird in Livigno Achte. Nach dem Wettbewerb sagte sie (so wohlwollend, wie es einer echten Königin gebührt): “Ich wusste, dass dieser Moment irgendwann kommen wird. Miterlebt zu haben, wie sich der Snowboardsport bei den Frauen entwickelt und welche Bühne er bekommen hat, das macht mich stolz.“

Ganz neues Bild Die Sportfotografie ist oft immer noch männlich besetzt, Fotografinnen sind in der Minderheit. Bei einem Eiskunstlauf-Wettbewerb in der vergangenen Woche sah es anders aus: Sieben von acht Pool-Fotografinnen (wir verwenden an dieser Stelle das generische Feminin) waren weiblich – ein Foto der Gruppe von Danielle Earl ging um die Welt.

Side Hustle US-Eishockey-Goalie Aerin Frankel hält hauptberuflich den Kasten sauber (sorry, die Floskel wollten wir schon immer mal verwenden) und hat Geschichte geschrieben als erste Torhüterin, die gegen Kanada null Gegentore kassierte. In ihrer Freizeit bewertet sie Caesar Salads auf ihrem Instagram-Kanal painbyromaine. Lieben wir. Und wissen jetzt auch, was wir morgen zu Mittag essen.

Guter Move Breanna Stewart, WNBA-Star, Vizepräsidentin der Spielerinnengewerkschaft und Unrivaled-Gründerin, kehrt nach Europa zurück: Im April läuft sie für Fenerbahçe Opet beim Final-Six-Turnier der EuroLeague Women auf. Zum Start der neuen WNBA-Saison will Stewart wieder in den USA sein. Vorher werden dort aber noch erbitterte Debatten geführt, sogar ein Streik steht im Raum: Die Basketballerinnen der WNBA setzen sich für höhere Gehälter, bessere Arbeitsbedingungen und einen größeren Anteil an Liga-Einnahmen ein. Sportschau.de hat den Stand des Tarifstreits zusammengefasst.

Die Allererste Eine Schottin schreibt Rugby-Geschichte. Holly Davidson trat als erste Schiedsrichterin bei einem Spiel der Six Nations Championship an (einem Turnier der Männer) und pfiff das Duell zwischen Irland und Italien, das am 14. Februar in Dublin stattfand. Davidson ist seit 2017 Profi-Schiedsrichterin – die erste, die es jemals im schottischen Rugby gegeben hat. Rugby World hat ihre (Rugby-)Geschichte aufgeschrieben.

Beim Para-Skilanglauf läuft Kathrin ganz vorne mit – sie macht ja auch seit 20 Jahren Leistungssport, betont sie. Foto: Sofia Brandes

“Eigentlich hätte ich sterben müssen.”

Teil zwei unseres Interviews mit Kathrin Marchand. Sie spricht darüber, wie sie als Ärztin manchmal mit ihrem Sportlerinnen-Ich hadert, wie 80-Jährige sie beim Brettspiel abgezogen haben und wo große finanzielle Unterschiede zu olympischen Sportler*innen liegen. 

Du bist auf dem Papier schwerbehindert und berufsunfähig. Wie wirkt sich das in deinem Alltag aus?

Also ich sage mal so, ich habe mir mein Leben auch anders vorgestellt. Ich dachte, ich werde Ärztin, mache einen Facharzt und werde dann irgendwann in einer Praxis arbeiten. Momentan arbeite ich vier, fünf Tage im Monat. Berufsunfähig heißt nicht arbeitsunfähig. Nach meinem Schlaganfall habe ich in Teilzeit gearbeitet. So vier, fünf Stunden am Tag. Das war das absolute Limit. Und an Tagen, wo viel los ist, kann es sein, dass ich ziemlich schnell sehr fertig bin.  

Du hast Konzentrationsschwächen, erzählst du in deinen Videos auf Instagram…

Ja, ich vergesse einfach viel. Ich muss mir alles aufschreiben, auch ganz banale Sachen. Blut abnehmen, wenn es der Chef bei der Visite anordnet. Das müsste ich mir ja eigentlich merken können. Aber wenn ich aus dem Zimmer gehe, ist der Gedanke weg. Ich habe Mechanismen, das zu umgehen. Meine Kollegen und Vorgesetzten kennen meine Situation und unterstützen mich. Es gab noch nie eine brenzlige Situation. Ich muss mich einfach für alles mehr anstrengen. 

Aber es gibt auch Dinge, die werde ich nie mehr schaffen. Facharztprüfungen, Operationen. Das ist doof. Da muss man sich eben überlegen, was man für andere schöne Sachen tun kann. Ich habe dann schnell wieder mit dem Sport angefangen, in dem Fall mit dem Para-Sport. Und es motiviert wahnsinnig, zu sehen: Es gibt Bereiche, die ich super gut machen kann. Wo ich die Anerkennung bekomme, die ich im Beruf nicht mehr bekommen werde. Also klar, ich bin auch eine gute Ärztin. Aber ich werde nie Chefärztin werden. Ich habe keine Karrierechancen. Und das muss man irgendwie kompensieren. 

Das heißt, die berufliche Karriere ist im Prinzip vorgezeichnet. Wie sieht es beim Sport aus?

Da gibt es noch keine Grenzen. Ziel müsste es sein, zehnmal Paralympics-Siegerin zu werden. Da ist ja open end, sozusagen.

Wusstest du, was dir passiert ist, als du den Schlaganfall hattest? Konntest du sofort die Symptome zuordnen? Wolltest du sie richtig zuordnen? 

Ich habe relativ schnell an einen Schlaganfall gedacht. Aber auch, dass es sehr unwahrscheinlich ist. Dann habe ich Gründe dagegen gesucht. Unterzuckert, zu wenig geschlafen, zu viel Sport gemacht. Nach einer Stunde habe ich den Notarzt gerufen, weil ich gemerkt habe: Das geht nicht weg, das ist jetzt nicht mehr normal. 

Danach hast du eine Zeit lang das Gefühl in deiner linken Seite verloren, konntest dich nicht selbst anziehen, hast dich in deiner Wohnung verlaufen. Wie sah die Reha aus – mental und körperlich? 

Ich war einen Monat in der Reha, das war mental sehr anstrengend. Ich wurde von 80-jährigen Omas beim Rummikub abgezogen. Es war sehr herausfordernd, zu merken, was man alles nicht kann. Ich war auch nicht bereit, mich dem zu stellen, was passiert ist. Ich war ganz froh, als die Reha vorbei war und ich nicht mehr mit älteren Menschen im Kreis laufen und Hände oder ein Bein heben musste. Ich dachte mir: Ich war zweimal bei Olympia, das ist nicht das, was ich machen will. 

Hast du dir dann selbstständig Unterstützung gesucht? 

Ich habe immer Sport gemacht, auch viele Koordinations- und Gleichgewichtsübungen. Ich dachte mir, dass der Alltag die beste Reha ist. Ich wollte nicht, dass Freunde für mich einkaufen oder mir im Haushalt helfen. Ich wollte alles selbst machen, wollte autark und unabhängig sein. Am allermeisten hat mir geholfen, dass ich nach acht Monaten wieder gearbeitet habe. Immer nur scheibchenweise, weil ich mich ein bisschen übernommen habe und manchmal dachte, es geht nicht. Aber dann ging es irgendwann. 

"Eigentlich sollte ich tot sein", hast du selbst einmal gesagt. Ziehst du daraus jetzt die Motivation, noch einmal richtig anzupacken, dir alles selbstständig anzueignen und auch im Leistungssport aktiv zu sein?

Ich hatte eine Thrombose in der Nackenarterie. Normalerweise nimmt der Thrombus eine andere Richtung. Bei mir ist er zum Glück nicht in dem Bereich gelandet, der für die Atmung und die lebenswichtigen Funktionen zuständig ist. Also ja, eigentlich hätte ich sterben müssen durch den Schlaganfall. Sich dann bewusst zu machen, dass es ja ein Privileg ist, dass ich überhaupt noch das machen kann, was ich mache – das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen.

Das Niveau im Para-Sport ist mittlerweile einfach krass.

Kathrin Marchand

Warum wolltest du zurück in den Leistungssport? 

Ich bin mit Leistungssport groß geworden. Seit ich krabbeln kann, habe ich Sport gemacht. Mit 14 Jahren habe ich angefangen, täglich zu rudern. Das ist in mir drin. Ich habe wieder mit dem Rudern angefangen, weil ich nach Paris wollte, zu den Paralympics. Dann noch Weltmeisterin und Europameisterin zu werden und jetzt zu den Winterspielen zu fahren, das war ja nicht mein Ziel. Die Paralympics haben mich motiviert. Ich bin aber auch sehr ehrgeizig. Ich wollte natürlich nicht nur hinfahren. Ich wollte um eine Medaille rudern. 

Was ist das Ziel für die kommenden Spiele?

Mein Ziel für Milano und Cortina ist in erster Linie, dass ich gute Rennen fahre und mit den Bedingungen gut zurecht komme. Wenn dann noch eine Medaille dabei rauskommt, wäre das natürlich sensationell. 

Was wünschst du dir für die Paralympischen Spiele? 

Es wäre schön, wenn man gleichwertig berichtet und die Eröffnungsfeier genauso gezeigt wird wie die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Und gar nicht erst die Frage gestellt wird, ob das die Leute überhaupt interessiert. Ob das überhaupt gleichwertiger Sport ist. Es mag vor acht Jahren anders gewesen sein. Aber das Niveau im Para-Sport ist mittlerweile einfach krass. Und das sollte auch gezeigt werden.

Der Newsletter heißt ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Das gilt ja nicht nur für den Sport. Wer hat dir auf deinem Weg nach oben geholfen?

An erster Stelle meine Eltern, die mich immer gefördert haben. Sie waren bei den Olympischen und bei den Paralympischen Spielen. Meine Brüder waren auch in Paris. Das ist so viel wert, dass man merkt: Die unterstützen mich, es interessiert sie. Und natürlich auch die Trainer, die meine Einschränkungen verstehen und wissen, dass ich nicht dreimal am Tag trainieren kann, weil es für den Kopf einfach zu anstrengend ist. 

Ich würde am liebsten viel mehr trainieren. Wenn sie sagen, dass ich Pausen machen soll, rege ich mich immer auf. Auch wenn sie Recht haben. Aber selbst, wenn der Körper noch kann, braucht der Kopf manchmal eine Pause. Das verstehen meine Trainer besser als ich.

Spricht da manchmal die Medizinerin gegen die Sportlerin?

Der Leistungssport hat jetzt natürlich nicht zum Schlaganfall geführt, aber es war auch nicht gerade förderlich, dass man seine Grenzen eben nicht respektiert. Dass man immer denkt, es geht noch weiter. Wir haben ja vor Rio 25 Stunden die Woche trainiert. Das ging schon irgendwie. Aber gesund war es nicht. Und das ist schon so ein Learning, dass man einfach mal auch sagen muss: Es reicht jetzt. Hier ist die Grenze.

Danke für das Gespräch, liebe Kathrin! Wir drücken dir die Daumen für die Spiele. Und freuen uns über jedes neue Reel, das wir auf deinem Instagram-Kanal sehen.

Nicole McDermott hat Kathrin zum Video-Interview getroffen, bevor die Athletin sich zum Trainingslager ins Val di Fiemme aufgemacht hat. Dort bereitet sie sich jetzt intensiv auf die Winterspiele vor – in ihrer Heimat Köln geht das in der Regel nur auf Rollski.

Für die Fotos hat Sofia Brandes die Spitzensportlerin zur Abholung ihrer Teambekleidung nach Frechen begleitet. Die Übergabe der Koffer fand – abseits des Glanzes der Einkleidung – ganz bodenständig statt. Ein Moment, der zeigt: Auch das ist Leistungssport. Für Sofia eine ganz neue Situation: “Im ersten Moment wirkte die Abholung unspektakulär, da am Abholort so wenig los war. Aber dann haben wir die Taschen geöffnet, und Kathrin hat sich sehr über die Ausstattung gefreut. Es war sehr schön, den Moment zu begleiten.”

Redaktion und Lektorat: Katalina Farkas, Nicole McDermott, Fred Grimm, Nina Probst. Fotos: Sofia Brandes. Fotoredaktion: Katrin Binner.

Beim Termin in der Geschäftsstelle des DBS war nicht viel los, auf den Fluren herrschte gähnende Leere. Die Freude über die voll gepackten Taschen war trotzdem groß. Fotos: Sofia Brandes

WHAT TO WATCH

Das Champions-League-Viertelfinale ist das Ziel: Die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg spielen am Donnerstag in Turin. Nach einem hart umkämpften 2:2 im Hinspiel gegen Juventus will es das Team um das Kapitäninnen-Trio Huth, Popp und Minge nun wissen. 19.2., 18:45 Uhr (Disney+).

Turnerinnen aus aller Welt kommen vom 19.2.-22.2. nach Cottbus zum Turnier der Meister. An vier Geräten – Sprung, Stufenbarren, Schwebebalken und Boden – messen sich Lea Marie Quaas und Karina Schönmaier sowie Debütantin Madita Mayr, die erstmals bei einem Weltcup im Seniorenbereich startet. Live-Übertragung der Finals ab dem 21.2., ab 13:55 Uhr (SportEurope.tv & World Gymnastics).

Im Wasserball wollen die Wasserfreunde Spandau 04 endlich ihren ersten Sieg in der Champions League einfahren. Nachdem das Team im vergangenen Jahr als erstes deutsches Team das Qualifikationsturnier überstanden hat, geht es nach einer Niederlagenserie nun gegen die starken Griechinnen aus Vouliagmeni. 21.02., 18:00 Uhr (European Aquatics TV).

Bevor am 06.03. in Italien die Paralympischen Winterspiele starten, messen sich am 28.02. Para-Athletinnen bei der Internationalen Deutschen Hallenmeisterschaft der Para-Leichtathletik in Erfurt. 28.02., ab 09:30 Uhr (keine Übertragung, Leichtathletikhalle Erfurt).

In Dortmund finden die Deutschen Leichtathletik-Hallenmeisterschaften statt. Malaika Mihambo, Yemisi Ogunleye und Sprint-Nachwuchshoffnung Philina Schwartz stehen auf den Starterinnenlisten, ebenso Hürdenlauf-Vorjahressiegerin Marlene Meier. Spannend auch: Wie hoch geht es für Stabhochspringerin Jacqueline Otchere, die nach einer jahrelangen Pechsträhne wieder an die Tür zur europäischen Spitzenklasse anklopft? Ab dem 27.02., 18:00 Uhr (Deutscher Leichtathletikverband).

Im September findet die Basketball-Weltmeisterschaft der Frauen in Berlin statt, am letzten Februarwochenende stimmt uns das DBBL-Pokal-TOP4 darauf ein. Saarlouis, Keltern, Marburg und Berlin kämpfen um den Pokal und wir freuen uns – ganz berlinerisch – wie Bolle darauf. Ab dem 28.02., 15:00 Uhr (Dyn/Youtube).

ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Profisportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über jegliche Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]

Unser nächster Newsletter erscheint am Donnerstag, den 5. März.