Schön, dass ihr dabei seid!
hier schreibt Katalina von ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Ich hoffe, dass ihr sicher durch die Hitzewelle kommt und die ein oder andere Trainingseinheit entweder in die frühen (und kühleren) Morgenstunden verschieben könnt – oder sie gleich ganz ausfallen lasst. Dieser Newsletter wäre übrigens auch beinahe ausgefallen, bei der Hitze scheint mein Gehirn unter Wortfindungsstörungen zu leiden. Die Wörter fließen dann nicht mehr, sie dümpeln eher.
Ich finde, wir sollten nachsichtig sein mit uns im Sommer, sage das aber natürlich aus der Warte der Amateursportlerin, bei der höchstens die Smartwatch meckert, wenn sie nicht zur geplanten Rennrad-Runde erscheint – und deren Karriere nicht davon abhängt, dass sie ihre Einheiten absolviert.
Ganz klar: Wer bei Hitze Sport treibt, belastet den Körper. Die Women’s Tennis Association (WTA) hat daher schon vor Jahren verbindliche Heat Rules eingeführt (auch wenn Kritiker*innen behaupten, dass diese nicht weit genug führten). Die Regeln sehen Pausen und Spielabbrüche bei hohen Temperaturen vor. Die ATP-Tour (man könnte sagen: das Pendant für Männer) hat die Regeln erst in diesem Jahr und nach massivem Druck durch Öffentlichkeit und Spieler übernommen.
Aber auch kleinere und weniger finanzstarke Turniere müssen sich anpassen. Darunter auch die Hamburg 7s Europameisterschaften im olympischen 7er-Rugby, die am ersten Juliwochenende stattfinden: Die Veranstalter*innen entwickeln Maßnahmen wie Trinkpausen (duh!) oder Kühlräume für die Sportler*innen, erproben aber auch Kommunikationsstrategien und arbeiten vor Ort mit Klimabeauftragten. Das DOSB-geförderte Pilotprojekt soll künftig als Blaupause dienen für andere Outdoor-Sport(groß)veranstaltungen.
Wir bei ERSTE gehen dem Thema natürlich nach, befragen Sportler*innen und Expert*innen, und würden gerne von euch wissen: Wie geht ihr mit Training bei großer Hitze um? Schreibt es uns unter [email protected] oder via Instagram – wir sind buchstäblich heiß auf eure Antworten (sorry, could not resist)!
Und jetzt zum Sport
Dieser Newsletter führt uns komplett wetterunabhänig nach Österreich. Genauer gesagt: nach Saalfelden-Leogang, mitten rein in den Epic Bikepark, der nach meinem Dafürhalten seinen Namenszusatz völlig zurecht trägt. Dort habe ich am zweiten Juni-Wochenende die Downhill-Fahrerin Valentina – Vali – Höll getroffen, die sich als Mountainbike-Profi steile Abhänge hinunterstürzt.
Darin ist sie eine echte Ausnahme-Erscheinung. Und das nicht nur, weil sie seit ihrer Jugend auf dem Rad am Berg (oder eher: bergab) Rekorde bricht und die anderen Fahrerinnen dabei hinter sich lässt. Seit Jahren schon – und dabei ist sie selbst erst 24 Jahre alt – setzt sie sich öffentlich für eine fairere Bezahlung von Sportlerinnen sowie Regelungen ein, um die Professionalisierung ihres Sports voranzutreiben. Unlängst hat sie zudem ein Camp für junge Fahrerinnen angekündigt, um den Downhill-Nachwuchs zu stärken. Grund genug, ihr in ihrer Heimat einen Besuch abzustatten.
Mission: ERSTE
Ihr kennt es schon, aber wir können es trotzdem nicht oft genug sagen. ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, eine Community, eine Mission. Wir sind eine neue Medienmarke – und wollen ein gedrucktes Magazin auf den Markt bringen, das sich einzig und allein dem Sport der Frauen widmet. Weil Sportlerinnen und ihre Leistungen vom klassischen Sportjournalismus viel zu lange übersehen und ihre Geschichten immer noch viel zu selten erzählt werden.
Unser Weg dorthin läuft vielleicht nicht ganz geradlinig, aber wir sind immer wieder begeistert von den positiven Zusprüchen, die uns erreichen (Keep ‘em coming!), von den Gesprächsangeboten und dem Austausch, den ihr uns ermöglicht. Danke! 💛💜
PS: Das Magazin Working Women hat uns und unsere Mission vorgestellt. Darüber freuen wir uns riesig! Wer wegen der Hitze den Kioskbesuch lieber sausen lässt, kann sich auf LinkedIn ein paar der Fragen (und natürlich unsere Antworten) anschauen.
PPS: Habt ihr schon bei unserer Umfrage mitgemacht? Wir wollen von euch wissen, welche Inhalte ihr euch für ein richtig gutes Magazin zum Sport der Frauen wünscht (und noch ein paar andere Dinge). Die Umfrage läuft noch bis zum 30.6., teilt sie gerne auch in euren Netzwerken. Unter allen Teilnehmer*innen verlosen wir ein Trikot der London City Lionesses (hier findet ihr Teilnahmebedingungen und Datenschutzhinweise).
Ready, set, go!

Foto: Monica Gasbichler
“Wir sind eine neue Generation an Fahrerinnen, die sagen, was sie wollen”
Vali Höll, 24 Jahre alt, ist jetzt schon eine echte Ikone. Aufgewachsen in Saalbach – nicht weit vom Epic Bikepark in Leogang entfernt –, schwingt sie sich schon früh aufs Mountainbike und zeigt ebenso früh, wie furchtlos (und schnell) sie sämtliche Abfahrten bezwingt. Die Konkurrenz lässt sie dabei immer weit hinter sich. Mit 13 erhält sie ihren ersten Profivertrag, mit 16 dominiert sie bei ihrem Debüt die Junioren-Rennserie und krönt das Jahr mit dem Junioren-Weltmeistertitel. Es folgen vier Elite-Weltmeistertitel in Serie (2022–2025) und vier Gesamtsiege im Weltcup der Elite, also der Rennserie der Erwachsenen. Mit 22 Jahren hat sie in ihrem Sport bereits alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt.
2025 verläuft – für ihre Verhältnisse – allerdings eher holprig. Sie gewinnt nur ein Weltcuprennen, liegt aber am Ende der Saison in der Gesamtwertung vorn. 2026, mit einem neuen Team, definiert Vali Höll die Bedeutung von Erfolg neu und startet mit drei Siegen in die Saison. Dass ihr der Hattrick – also der dritte Sieg – zuhause gelingt, in Saalfelden-Leogang, verleiht ihrer Leistung eine weitere, emotionale Komponente. Nach dem Sieg stürmt sie ins Publikum, wirft sich in die Arme von Freund*innen und Familie. Während der anschließenden Siegerehrung trinkt sie – like a true GOAT in the making – den Siegeschampagner aus ihrem Rennschuh.
Wir treffen uns am Tag nach ihrem Sieg zum Frühstück. Mit am Tisch ist Valis Managerin, Daniela Bauer. Die beiden kennen sich aus Jugendtagen. Auch ihre Freundin ist dabei – Freeski- und Slopestyle-Olympiasiegerin Mathilde Gremaud.
Vali, du hast mit deinem Sieg gestern Geschichte geschrieben und zum ersten Mal in deiner Karriere drei Weltcups in Folge gewonnen. Wie ist die Gefühlslage jetzt, am Tag nach dem Sieg?
Dass es der dritte Sieg in Folge war, das war mir eher egal. Aber zu Hause ein Rennen fahren zu dürfen, ist mega speziell. Die Crowd ist komplett insane, die ganze Familie ist da, alle Freunde. Das passiert ja bei den anderen Weltcup-Rennen leider nicht. Weil ich hier schon gewonnen habe, weiß ich auch, wie schön das Gefühl ist, und will das einfach wieder und wieder erleben. Gleichzeitig ist es sau viel Druck, jeder will was von einem, jeder schreit deinen Namen und du hörst Menschen über dich reden. Aber das ist schon auch sehr cool. Downhill war in Österreich früher nicht so extrem groß. Aber wir arbeiten ja seit ein paar Jahren darauf hin, den Sport hier größer zu machen. Jetzt kommen eben mehr Zuschauer, daher muss man auch irgendwie damit umgehen.
In der Downhill-Ecke des Internets spricht man von einem Vali-Höll-Effekt, der besagt, dass du massiv zur Professionalisierung des Sports beigetragen hast. Was bedeutet das?
Entscheidend ist, dass man übers Geld redet. Man muss seine Verträge mit denen der anderen Girls vergleichen, damit alle das nächste Level erreichen. Es gibt immer noch Fahrerinnen, die kein festes Gehalt kriegen. Sie sollten froh sein, überhaupt einen Spot im Team zu haben, heißt es dann von den Teammanagern. Und dann fahren sie for free, aber das darf halt nicht sein. Wir fahren Weltcup, das ist auf dem allerhöchsten Niveau, alle trainieren das ganze Jahr dafür. Du riskierst so viel, ein Fehler kann zu dummen Verletzungen führen – dazu, dass du deinen Sport nicht mehr machen und vielleicht auch nicht mehr normal arbeiten kannst. Es kann nicht sein, dass jemand kein Geld damit verdient.
Vom Preisgeld kann man sicherlich nicht leben. Für einen Weltcupsieg bekommen Fahrer*innen 3.750 Euro. Ist das eine nette Anerkennung?
Ich finde, das ist nicht mal eine nette Anerkennung. Das ist ein Joke. Daher ist es halt auch so wichtig, dass du deine eigenen Sponsoren hast, dass du gescheite Bonusstrukturen hast, aber eben auch eine Base-Salary, ein Basis-Gehalt.
Die von den Teams bezahlt wird, für die du antrittst?
Genau. Das ist dann dein fixes Einkommen. Es gibt ein paar Fahrerinnen, die dazu noch ihre eigenen Sponsoren haben. Ich kann mir zum Beispiel aussuchen, welche Schuhe ich fahre, welche Goggles, habe einen Helm-Sponsor, und so weiter. Aber manche Mädels sind einfach eingeschränkt, weil im Teamvertrag schon steht, mit welcher Ausrüstung du fährst. Da hast du kaum Möglichkeiten für ein zusätzliches Einkommen.
Und bist damit komplett abhängig vom Team.
Mein altes Team hat letztes Jahr Konkurs angemeldet. Weil ich noch andere Sponsoren hatte, war ich abgesichert. Aber die Base-Salaries bleiben das größte Problem. Viele Teams können die Frauen einfach nicht wirklich wertschätzen. Auch bei uns ist das noch so. Ich kriege nicht so viel wie der Herren-Beste.
Womit begründen die Teams das?
Die Hauptaussage ist: Fahrerinnen verkaufen keine Bikes. Die Male Riders verkaufen die Bikes, und wir nicht. Aber wenn jetzt ein kleines Mädel vor mir steht und sagt: Ich will biken, und sie hat mein Jersey an, dann würde ich behaupten, dass sie das Bike haben will, das ich fahre. Wir sind jetzt einfach eine neue Generation an Fahrerinnen, die das feiern und die laut sagen, was sie wollen. Das ändert sich also gerade. Aber im Marketing der großen Brands sitzen einfach noch viele, die eher fifty plus sind. Die sind aus einer anderen Generation. Die sind noch so weit hinten, die kommen gar nicht mit der Pace mit, in der sich alles verändert.
Dabei rühmt sich die Downhill-Szene doch eigentlich damit, schon sehr weit vorne in Sachen Gleichberechtigung zu sein. Ihr fahrt die gleichen Strecken wie die Männer und bekommt die gleichen Preisgelder, auch wenn sie gering sind. Du sagst: Man muss bei den Teams ansetzen?
Es ist doch auch unglaublich, gerade weil wir genau die gleiche Strecke fahren. Wieso kriegen wir so viel weniger? Klar, wir sind langsamer. Das ist Fakt. Aber die Boys werden jedes Jahr schneller, und wir werden auch schneller, wir bleiben nicht stehen. Wir ziehen mit. Dadurch, dass wir offener miteinander reden, können wir auch anders in die Verhandlungen gehen. Da sind manche Team-Manager richtig geschockt, weil sie denken, wir tauschen uns gar nicht aus.
Ist diese Solidarität und Offenheit unter den Fahrerinnen eine neue Entwicklung?
Ich denke schon. Ich bin in eine coole Zeit reingekommen, wo sich das Frauenfeld verändert, wo alles ein bisschen netter wird. Früher gab es nur fünf Frauen, da hatte wahrscheinlich jede Angst, dass die andere ihr was wegnimmt. Und jetzt sind wir so viele, wir müssen schauen, dass mehr für uns alle da ist. Aber das schaffen wir nur, wenn wir gemeinsam anziehen.
Kurzer Interview-Break, hier kommen die Spotlights und unser Wissen to go. Danach geht es direkt weiter. Es geht um Learnings aus Valis Karriere und Rennen, die immer schneller werden.
SPOTLIGHTS
Eiskalt Stephanie Case ist Menschenrechtsanwältin bei den Vereinten Nationen, Gründerin einer NGO, die Frauen in Konfliktgebieten durchs Laufen stärkt – und außerdem die Frau, die den Ultra-Trail Snowdonia 100K gewann, sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter, die sie zwischendurch stillte. Jetzt bereitet sie sich auf ihr nächstes Abenteuer vor: Im November wird sie als erste Frau am Antarctic Ice Ultra teilnehmen. Sie wird, sofern sie das Rennen beendet, automatisch einen Rekord aufstellen. “There is no women's record because no woman has run it”, sagte sie gegenüber The Athletic. “I want to change that. Not to beat anyone, but to make sure women are on the map.” Wir auch, Stephanie. Wir auch.
Wer braucht schon Windschatten? Sarah Ruggins ist der schnellste Mensch, der Europa auf dem Rad durchquert hat: 6.042 Kilometer vom spanischen Tarifa bis ans norwegische Nordkapp in 13 Tagen, 20 Stunden und 27 Minuten – drei Tage schneller als der bisherige Rekordhalter. Besonders beeindruckend: Sarah hat schon den ein oder anderen Langstreckenrekord pulverisiert, obwohl sie erst seit drei Jahren auf dem Fahrrad sitzt. Davor kämpfte sie gegen CRPS („complex regional pain syndrome“), einer seltenen Erkrankung, die mit extremen Schmerzen einhergeht und sie zwischenzeitlich in den Rollstuhl zwang.
Neuer Name Bislang tragen nur sehr wenige Fußballstadien die Namen von Frauen. Im rheinland-pfälzischen Dudenhofen ändert sich das jetzt. Dort hat der Gemeinderat beschlossen – einstimmig und ohne Diskussion – das Verbandsgemeindestadion künftig nach Jule Brand zu benennen. Die Fußball-Nationalspielerin hat in Dudenhofen das Kicken gelernt, heute spielt sie mit Olympique Lyon in der Champions League. Und trainiert, wenn sie zu Besuch ist, noch immer auf dem alten Platz ihrer Eltern um die Ecke – das erzählt man sich zumindest in Dudenhofen. Lieben wir.
Die Allererste US-Amerikanerin Tori Penso war die erste Schiedsrichterin, die bei der diesjährigen Fußball-WM der Männer ein Spiel pfiff (und die insgesamt zweite Schiedsrichterin, die je bei einem solchen Turnier mit dabei war). Nach ihrem Debüt bei der Partie Tschechien gegen Südafrika begleitet sie am heutigen Donnerstag das Spiel der deutschen Fußballer gegen Ecuador. Jetzt schon ikonisch ist der Clip, in dem sie einen tschechischen Spieler zu sich zurückrief, um ihre Erklärung zu Ende zu führen. Der Tagesspiegel ordnet den Hype um ihre Person ein.
WISSEN TO GO: DOWNHILL-WETTBEWERBE
Weltcup, WM, wie bitte? Wir dröseln es für euch auf: Die UCI Mountain Bike World Cup ist eine Rennserie, die je nach Saison aus etwa 8-10 Rennen weltweit besteht, 2026 sind es neun. Die Rennen finden an unterschiedlichen Orten statt – im österreichischen Leogang beispielsweise oder im schweizerischen Lenzerheide. Kick-off war in diesem Jahr in Seoul, Südkorea, zum Saisonabschluss geht es nach Nordamerika. Im Weltcup fahren die Athlet*innen für private Rennställe mit Sponsorenstruktur. Der nächste Downhill-Weltcup findet vom 3. bis 5. Juli im italienischen La Thuile statt.
Die Weltmeisterschaft (WM) ist davon unabhängig: Die UCI Mountain Bike World Championships werden als eigenes Event einmal pro Jahr ausgetragen. In diesem Jahr findet die Downhill-WM im italienischen Val di Sole statt. Wichtig: Die WM hat keinen Einfluss auf die Weltcup-Gesamtwertung – hier geht es nur um den Einzelsieg, und damit um das Regenbogentrikot (jenes Trikot, das Vali Höll auch zu unserem Fotoshooting dabei hatte).

Foto: Monica Gasbichler
“Die Fahrer denken, sie sind die Big Players, und wir sind halt die Pre-Show und wärmen das Publikum auf”
Gestern sind die Frauen zum ersten Mal in der Geschichte des Leogang-Weltcups nach den Männern gefahren. Was bedeutet es für euch als Fahrerinnen, das "große Rennen” zu fahren?
Naja, es ist schon traurig, dass man sagt, das späte Rennen ist das “große Rennen“ und die Frauen fahren halt das kleine Rennen. Ich finde es mega cool, dass wir es mal ausprobiert haben. Und es hat auch gut funktioniert. Es geht einfach um die Sichtbarkeit, oder? Und man muss dann auch nicht darüber diskutieren, ob Leute abschalten. Wir haben mal mit Warner Bros. Discovery [dem offiziellen Medienpartner des internationalen Radsportverbands UCI] ein Meeting gehabt. Es heißt immer, dass Frauenrennen niemand anschaut im Fernsehen – und Männerrennen schon. Aber Fakt ist, dass im vergangenen Jahr die meisten Leute das Frauen-Downhillrennen in Loudenvielle geschaut haben. Aber so was wird nicht kommuniziert, und das finde ich so mega schade. Wenn es kommuniziert würde, dann würde es auch bei den Male Riders ankommen. Die denken, nur sie sind die Big Players, und wir sind halt die Pre-Show und wärmen das Publikum auf.
Wann hast du angefangen, den Status quo zu hinterfragen?
Ich glaube, es gibt viele Rennfahrerinnen, denen es egal ist. Die sind halt da, um Rennen zu fahren. Aber ich habe schon das Gefühl, dass ich jetzt in einer Position bin, die ich nutzen kann. Ich habe meine Träume schon erfüllt. Ich bin Weltmeisterin geworden, ich habe den Weltcup overall gewonnen. Ich diskutiere jetzt gerne mit ein paar Leuten und sage: Hey, das läuft jetzt nicht, wir müssen das ändern. Natürlich helfen die Titel. Ich merke aber auch, dass mir viele Leute nicht zuhören, weil ich noch jünger bin.

Foto: Monica Gasbichler
Du bist 24 Jahre alt und kannst jetzt schon auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken. Tust du das schon, zurückblicken? Oder eher nicht, weil du ja eigentlich noch mittendrin bist?
Ich versuche schon, es mittlerweile mehr zu genießen. In den letzten Jahren habe ich eher durchgezogen, weil ich mir gedacht habe: Okay, morgen hat den Sieg eh jeder vergessen. Und dann letztes Jahr, wo ich so lange keinen Weltcup gewonnen habe, dachte ich mir: Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder gewinne. Und ich habe den letzten Weltcup nicht mal gefeiert. Jetzt denke ich mir immer: Ich muss das genießen, weil wer weiß, das kann ja auch das letzte Mal gewesen sein. Hier in Leogang finde ich es einfach so krass, die ganzen kleinen Girls und Kids, die mein Jersey anhaben. Man hinterlässt schon irgendwas. Und gleichzeitig schaue ich ja selbst noch auf zu den Fahrerinnen, gegen die ich Rennen fahre. Vielleicht habe ich mehr Siege, aber ich finde sie trotzdem mega inspirierend. Sie waren einfach meine Heroes.
In der letzten Saison sind die Erfolge dann zum ersten Mal ausgeblieben.
Ja, das war eye-opening. Es wird schwierig, wenn man merkt, es macht keinen Spaß mehr. Denn man fängt ja meistens einen Sport an, weil es einem Spaß macht. Und dann wird es auf einmal der Beruf und man redet immer vom Spaß, aber meistens ist der Spaß gar nicht mehr da. Man kann es zeitweise durchziehen, aber irgendwann geht es einfach nicht mehr, weil man keine Endorphine mehr hat, wenn man Training hat und denkt: Jetzt muss ich schon wieder biken gehen. Man macht es, weil es im Trainingsplan steht, aber es ist keine Qualität dahinter, du machst es nur, damit dein Coach es sieht.
Haben solche Themen denn überhaupt einen Platz in eurer Szene, die sich ja extrem über Lässigkeit und Fun definiert?
Als Profi-Athletin beschwert man sich nicht, aber manchmal ist es schon hart. Du hast so hohe Erwartungen an dich selbst, du machst dir so viel Druck. Das können viele Außenstehende vielleicht nicht immer verstehen, weil sie denken, du hast das geilste Leben, reist um die ganze Welt und kannst Rennen fahren. Aber der Druck, die Emotionen, der Stress… Es wird immer cooler, dass man über seine Troubles redet. Mental Health ist extrem wichtig. Da habe ich von Mathilde auch viel gelernt, weil Mathilde ja nach Olympia auch sehr gekämpft hat. Es ist schön, dass wir darüber reden können. Auch in meinem Umfeld haben einige früh gesehen, dass es mir nicht gut geht, bevor ich es selbst gecheckt habe. Aber dann hat sich alles zum Glück sehr schnell gewandelt, weil mein altes Team Konkurs angemeldet hat. Das war meine Chance, das Team zu wechseln und die alten Strukturen zu verlassen. Jetzt bin ich mega happy mit den Leuten, mit denen ich unterwegs bin.
Das heißt, das professionelle Umfeld macht einen Unterschied?
Oh ja. Ich muss auch zugeben, dass ich mich wahrscheinlich damals auch von dem Team-Deal habe locken lassen, weil mir einfach sehr viel Geld angeboten wurde. Ich habe es im Endeffekt nicht gekriegt, weil sie ja insolvent gegangen sind. Aber das Umfeld ist entscheidend. Der Physio, der Mechaniker, die Teamstruktur. Das Bike ist eher zweit- bis drittrangig. Wenn du überzeugt bist von dir selbst und wenn es dir gut geht, dann musst du nicht das allerbeste Bike haben zum Rennen und zum Gewinnen. Aber ja, jetzt habe ich beides (sie lacht).

Foto: Monica Gasbichler
Neben den sportlichen Erfolgen hast du eine YouTube-Serie, Merchandise, eine kleine Brand. Gehört das zu einem modernen Sportlerinnen-Dasein dazu?
Ich finde es schon mega cool, sich selbst etwas aufzubauen. Du investierst in dich selbst. Ich fahre ja für Commencal, die erwarten von mir, dass ich Rennen fahre. Aber außerhalb der Bike-Bubble ist das anders. Nur Rennen zu fahren, das lockt nicht mehr. Nur weil ich Weltmeisterin bin, heißt das nicht, dass ich automatisch Sponsoren kriege. Wir stecken viel Arbeit in die Konzepte und neue Projekte. Man will ja auch nicht jeden Scheiß machen. Man will das machen, was einem am Herzen liegt. Deswegen habe ich auch mein Performance Camp für die Girls gestartet. Das macht sonst keine andere Fahrerin, aber für meine Partner ist es interessant. Und wenn ich damals mit 13 oder 14 Jahren die Möglichkeit gehabt hätte, mit einer von den Weltcup-Girls zu fahren: Ich wäre explodiert!
Es gibt hier in Leogang einen Streckenabschnitt, der nach dir benannt ist – eine Ehre, die nur wenigen Fahrer*innen zuteil wird. Der Teil heißt, sehr charmant, Valis Hölle. Hast du dir den Titel ausgedacht?
Nein, das war jemand anders. Ich weiß auch nicht, warum es dieser Abschnitt geworden ist, ich hasse den eigentlich. Ich verliere da immer Zeit und habe mir 2020, bei der Heim-WM, mein Sprunggelenk dort zerstört. Aber natürlich ist es auch eine große Ehre.
Der Abschnitt liegt in einem Waldstück. Was zeichnet ihn aus?
Es ist brutal steil da, es gibt extrem viele Wurzeln, viele Absätze, wenig Grip. Und ja, es ist eigentlich immer nass da drin, weil der Boden nie ganz trocknet. Und dann ist da noch ein Riesensprung am Schluss.
Wie kommt man da am besten durch?
Einfach committed bleiben und nicht auf den Wurzeln bremsen. Gutes Speedmanagement ist wichtig, damit man nicht zu schnell irgendwo reinfährt.
Es gibt nicht nur technische Streckenabschnitte beim Downhill, ihr rast auch mit bis zu 75 km/h über die Strecke, dazu kommen die Sprünge. Was gefällt dir am besten?
Ich mag eher die technischen Abschnitte. Obwohl ich nicht so schlecht bin bei den ganz schnellen Sachen. Aber es kostet mich schon immer mehr und mehr Überwindung, dass man so schnell fährt.
Ist das auch etwas, das mit dem Alter dazukommt?
Auf jeden Fall. Ich merke es komplett. Man merkt ja auch, wie der Körper sich verändert und man kriegt viel mehr Informationen von seinem Körper und muss mit ihm umgehen. Allein schon der Zyklus: Mit 16, 17 war alles mega easy, und jetzt hast du auf einmal jeden Monat andere Symptome und Beschwerden.
Und stellt sein ganzes Leben infrage.
Voll! Früher hat es einen null beeinträchtigt. Und jetzt verändert sich alles. Es ist so krass. Und man lernt halt auch, wenn man älter wird, seinem Körper ein bisschen mehr zuzuhören. Und zu verstehen, was brauche ich jetzt, was will der Körper. Und dementsprechend ist auch Rennen fahren schwieriger.
Die Rennen werden ja immer schneller. Wie siehst du das?
Das wird extrem von Warner Bros. Discovery gepusht, also vom TV-Sender, damit die Übertragung der Rennen spannender ist. Das Problem ist nur, dass das Thema Safety nicht so schnell nachziehen kann. Also Protektorenstandards, oder Helmstandards. Man müsste das gleichzeitig machen. Aber die kommen nicht so schnell hinterher. Und die Crashes passieren einfach immer schneller. Auch Airbags: Bei der Skiabfahrt sind sie Pflicht. Bei uns redet kein Mensch drüber.

Foto: Monica Gasbichler
Hast du dich schon mal gefragt, warum du so gut in deinem Sport bist? Und wenn ja, hast du eine Antwort darauf?
Ich habe mir schon oft überlegt, wieso ich immer so viel Glück habe oder wieso ich genau die richtigen Leute zur richtigen Zeit getroffen habe. Aber ich glaube, man muss auch nicht so viel hinterfragen, sondern die Möglichkeiten sehen und nehmen. Ich investiere ja auch viel. Also, ich trainiere sau viel. Auch früher. Ich habe es sehr gerne gemacht, aber ich war in den Ferien immer im Trainingslager, bin halt nicht jedes Wochenende auf Partys gegangen, sondern habe gewusst, entweder gehen wir am nächsten Tag biken, oder ich muss ins Fitnessstudio.
Du und Mathilde, ihr seid beide als Profisportlerinnen extrem erfolgreich. Wie sehr hilft es, wenn man eine Partnerin hat, die auch versteht, was das alles mit sich bringt?
Am wichtigsten ist vielleicht, dass die Person versteht, dass man viel weg ist. Wir sind ja so viel unterwegs, teilweise sehen wir uns extrem wenig. Aber jeder weiß das und respektiert das. (Sie dreht sich zu Mathilde.) Und es ist so, du gehst in deine Welt, ich gehe in meine Welt und manchmal bin ich bei dir dabei und manchmal bist du auch in meiner Bubble drin und wenn wir daheim sind, sind nur wir zwei.
Und wie gut klappt es, die Terminkalender übereinander zu legen?
Ja, also Urlaub geht sich nicht so gut aus. (Mathilde schaltet sich kurz ein: Ja, aber das haben wir uns ja auch genau überlegt. Du bist so ein Talent, wenn du das jetzt nicht ausübst…) Jeder gibt sein Bestes, so viel wie möglich dabei zu sein. Ich bin im Dezember mit nach China geflogen für den Weltcup von Mathilde, und sie ist auch oft bei meinen Weltcups dabei. Und ich habe sie gerne dabei, es stört mich wirklich überhaupt nicht, weil sie ja auch ein mega Ruhepol ist.
Gestern warst du vor dem Rennen sehr nervös. Wie findest du in den Wettkampfmodus?
Gestern war es schwierig, weil wir später gestartet sind. Normalerweise sind es zwei Stunden zwischen Training und Wettkampf, gestern habe ich vier Stunden Zeit gehabt, um nervös zu sein. Ich habe kurz mit meiner Sportpsychologin geschrieben. Ich muss gar nicht viel mit ihr kommunizieren, sie weiß genau, wie es mir geht. Ich bin dann hoch zum Start, dort machen wir immer das Warm-Up. Ich stelle mein Bike auf die Rolle [eine Vorrichtung, mit der man auf der Stelle fahren kann] auf und mache meine Intervalle und Sprints. Ich habe immer Musik drin. Ich bin eigentlich keine Person, die Pep-Talk macht oder mit mir selber redet, und sagt: Ah, du kannst es, du schaffst es! Ich finde das mega cringe. Aber wir haben ein Tool entwickelt, eine Routine: Ich sage mir extra, dass ich es kann, dass ich es schaffen kann, damit ich lache und der Stress rausgeht. Das war früher oft das Problem, dass ich die Rennen so mega ernst genommen habe. Als müsste ich mich Gewalt fahren. Jetzt versuche ich einfach, locker zu sein.
Unser Newsletter heißt ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Wer hilft dir auf deinem Weg?
Mein Coach, Cécile Ravanel. Sie ist eine echte Legende, war selbst erfolgreiche Fahrerin und hat alles gewonnen, was man gewinnen kann. Sie hat mich von Anfang an durchgezogen. Sie hat mir gesagt, dass es nicht läuft, wenn ich nicht happy bin. Und hat alles in die Wege gesetzt, damit ich zu ihnen ins Team kommen kann. Und dann natürlich meine Familie, Dani, meine ganzen Friends – alle einfach. Ich habe das Glück, so einen coolen Close Circle zu haben. Mein Line-Coach ist auch mein bester Freund von daheim. Ich habe jetzt einfach so viele Freunde mit, die immer mit mir traveln und das ist einfach mega cool.
Redaktion und Lektorat: Katalina Farkas, Nicole McDermott, Fred Grimm, Aron Farkas. Fotos: Monica Gasbichler. Layout und Umsetzung: Anna Kraus

ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, das gilt auch für die Erfolge von Vali Höll. Links im Bild: Freeski- und Slopestyle-Olympiasiegerin Mathilde Gremaud; rechts steht Valis Managerin, Daniela Bauer. Foto: Monica Gasbichler
WHAT TO WATCH
23.06.-28.06. | Beach-Handball | Weltmeisterschaften Drei Spiele, drei Siege. Das ist die bisherige Ausbeute der deutschen Beachhandballerinnen bei den aktuell stattfindenden Weltmeisterschaften in Kroatien. Die amtierenden Weltmeisterinnen ziehen damit mit einem vollen Punktekonto in die Hauptrunde ein, die es zu überstehen gilt, um erneut in Medaillenreichweite zu kommen. Alle Spiele werden live auf DYN übertragen. Für die Deutschen geht es am Donnerstag, den 25.06., um 11:00 Uhr gegen Puerto Rico weiter.
28.06. & 04.07. | Leichtathletik | Diamond League Mit den Wettkämpfen in Paris und Eugene geht die Veranstaltungsserie in die heiße Phase. Mit dabei sind unter anderem die aktuelle Olympiasiegerin im Kugelstoßen Yemisi Mabry, die Goldmedaillengewinnerin der Spiele in Tokio im Weitsprung Malaika Mihambo sowie 3000-Meter-Hindernislaufspezialistinnen Gesa Krause und Lea Meyer. SPORTEUROPE.TV überträgt am 28.06. ab 17:45 Uhr sowie am 04.07. ab 21:45 Uhr live.
03.07.-05.07. | 7er-Rugby | Europameisterschaften Heimspiel heißt es für das deutsche 7er-Rugby-Team, wenn im Juli in Hamburg die Europameisterschaften stattfinden. In der Gruppenphase treffen die Spielerinnen unter anderem auf die Vorjahressiegerinnen der Hamburg 7s aus Polen und haben bei einem erfolgreichen Turnierverlauf sogar die Chance, sich den noch verfügbaren Platz für die Weltserie SVNS 3 zu sicher. Sportdigital + überträgt alle Spiele live, beginnend mit dem 1. Spieltag am 03.07. ab 08:55 Uhr.
ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Spitzensportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]
Unser nächster Newsletter erscheint am Donnerstag, den 9. Juli. Und wenn ihr wirklich bis hierhin gelesen habt: Leitet den Newsletter doch an eine Person weiter, von der ihr denkt, er könnte ihr gefallen! 💛💜