
Schön, dass du dabei bist!
Hier schreibt Katalina von ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Was waren das für aufregende Tage! Die Basketball-Weltmeisterschaft ist vorbei und wir wühlen uns immer noch durch die schönsten Erinnerungen und Fotos. Nicht nur, weil wir unser erstes Event mit euch zusammen veranstaltet haben. Sondern auch, weil diese WM ein Meilenstein für den Sport der Frauen war und wegweisend sein könnte. Wenn denn endlich an den richtigen Stellschrauben gedreht würde.
Und jetzt zum Sport
Am Basketball-Firmament strahlt weiterhin ein star spangled banner, auch wenn wir während der ersten Halbzeit des Finales am Sonntagabend schon mit der Schlagzeile “Allez, der Basketball-Himmel erstrahlt jetzt bleus!” geliebäugelt hatten. Letztlich bewies Team USA wieder einmal, dass es über Nerven aus Stahl verfügt, sowie über Basketball-Wunderwaffe Breanna Stewart. Die Amerikanerinnen, die zuvor an der ein oder anderen Stelle durchaus Schwächen gezeigt hatten, putzten die Französinnen in der zweiten Halbzeit mit einer Deutlichkeit vom Platz, die ihresgleichen sucht.
Frankreich, das zuvor so leichtfüßig durch das Turnier spaziert war wie kaum eine andere Equipe, lag zwischenzeitlich mit 14 Punkten vorne und ging mit einem knappen Vorsprung in die Halbzeit. Wir wüssten gerne, welche magischen Worte US-Head Coach Kara Lawson ihrem Team daraufhin mitgegeben hat. Auf jeden Fall stand es am Ende 97:79 – für die USA.

Foto: Loredana Zafisambondaoky
Ein historisches Ereignis
Wir wollen (müssen!) aber auch über die deutschen Spielerinnen sprechen. Vor dem Turnier hatten sie immer wieder betont – wie Marie Gülich bei uns im Interview –, dass sie in Berlin um eine Medaille spielen wollen. Ein Ziel, das viele Expert*innen zwar öffentlich bekräftigt, hinter vorgehaltener Hand doch auch immer wieder leise angezweifelt haben.
Stattdessen konzentrierten sich Medienvertreter*innen lieber auf das Verletzungspech des deutschen Teams oder darauf, dass die in der amerikanischen WNBA unter Vertrag stehenden deutschen Spielerinnen erst kurz vor dem WM-Start anreisten (wie übrigens auch alle WNBA-Spielerinnen, insgesamt 51, darunter das komplette Team USA).
So oder so: Ihr Ziel haben die Spielerinnen erreicht, sie haben um die Bronzemedaille gespielt – und trotz Niederlage gegen Spanien einen historischen vierten Platz erreicht.
Historisch waren auch die Dimensionen des Turniers: 16 Teams, 236.015 Zuschauer*innen vor Ort, mehrere ausverkaufte Partien mit 12.650 Fans in der Uber Arena.
Für uns ebenso wichtig waren aber die Momente zwischen den Zahlen. Kleine Stimmchen, die “Frieeeeda!” in die Stille vor dem Freiwurf plärrten. Kinder, und zwar nicht nur Mädchen, die Trikots trugen von Nyara Sabally, Leonie Fiebich oder Alex Wilke. Ehemalige Nationalspielerinnen am Spielfeldrand, die zuschauten in dem Wissen, dass sie den Weg bereitet haben – lange bevor es Zuschauer*innen gab. Das vertraute Quietschen von Basketballschuhen, das auf einem Schulturnhallenboden ganz genau so klingt wie auf Weltmeisterschaftsparkett. Die Erkenntnis, dass 12.650 Zuschauer*innen ziemlich viel Lärm machen können. Das Gruppenfoto mit den vielen fantastischen Frauen, die den Sport der Frauen nach vorne tragen wollen. Und die Tatsache, dass ich (Katalina) aus beinahe jedem Basketballverein, in dem ich jemals gespielt habe, jemanden bei diesem Turnier getroffen habe. Es ist ein Dorf, diese hiesige Basketballwelt.

Foto: Loredana Zafisambondaoky
Eine Frage der Prioritäten
Ein Dorf, an dessen Weiterentwicklung nicht allen gelegen ist. Denn während wir gerne noch etwas länger auf unserem Höhenflug verweilt hätten, hat uns Herbert Hainer, seines Zeichens Präsident des FC Bayern, ganz schnell auf den unbequemen Boden der Tatsachen zurückgeholt. “Wir gucken jetzt erstmal, dass wir Männerbasketball richtig auf Vordermann bringen”, sagte er am Rande der 80-Jahr-Feier der Basketballabteilung des FC Bayerns. Er antwortete damit auf die Frage eines Reporters nach der Kritik von Bundestrainer Olaf Lange an den Strukturen in der DBBL und der mangelnden Professionalität der Liga. Er erkenne zwar an, dass es Verbesserungsmöglichkeiten gebe, sagte Hainer, machte aber eben auch deutlich, welche Sportler (muss leider nicht gegendert werden) der FC Bayern prioritär behandelt.
Die Haltung, auf der seine Aussage fußt, ist leider nicht neu – in der Vergangenheit hätten die Basketballerinnen des FC Bayern wiederholt in die zweite Bundesliga aufsteigen können (trust me, ich war 2014 dabei), wenn es der Verein finanziell unterstützt hätte. Diese Unterstützung bleibt scheinbar auch im Jahr 2026, nach der Erfolgs-WM, bis auf Weiteres aus. Dieses Signal, aus einem der finanzstärksten deutschen Sportvereine, ist fatal.
(Fun plot twist: In dem oben verlinkten Artikel geht es um die Geschichte, wie die Spielerinnen doch noch aufsteigen konnten – mithilfe des Münchner Basketballvereins BC Hellenen. Völlig blauäugig habe ich damals den Trainer mit folgendem Satz zitiert: Frauenbasketball sei einfach kein Zuschauermagnet. Oh, how times have changed!)
Ready, set, go!

Foto: Loredana Zafisambondaoky
Projekt: ERSTE
Wir sind Journalistinnen, Fotografinnen, Sportlerinnen und Fans – und im Begriff, mit euch zusammen eine wundervolle Community aufzubauen. Wir lieben Sport, insbesondere den Sport der Frauen. Und wir haben ERSTE gestartet, weil gerade etwas Großes passiert. Wir haben es während der Basketball-WM erlebt, der Fußball-EM und der Handball-WM 2025, sowie in Stadien und Hallen in Hamburg, München, Dortmund oder Köln. Ein kribbelndes Gefühl, das sich überall ausbreitet und vermittelt: Everyone watches women’s sports.
Der Sport der Frauen ist kein Trend mehr, kein Hype. Das hier – die Sportlerinnen, die Teams, die Leidenschaft, der Einsatz, die Leistung – das alles bleibt. Die Fans sind da. Sie schauen hin. Und sie wollen mehr.
Eine Medienmarke für den Sport der Frauen ist überfällig. Unser Newsletter erscheint alle zwei Wochen, im kommenden Jahr wollen wir mit eurer Hilfe ein gedrucktes Magazin auf den Markt bringen.
ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN – das heißt auch: Wir brauchen euch. Teilt den Newsletter mit anderen Sportbegeisterten, mit eurem Basketballteam, euren Bolzplatz-Kolleginnen, eurer Hockeymannschaft oder eurer Oma. Wir freuen uns über jede (und jeden!), die (oder der) mitliest. Und auf eure Ideen und Gedanken unter: [email protected]

Foto: Loredana Zafisambondaoky
“Ich möchte Menschen darin bestärken, sich den Raum zu nehmen, der ihnen zusteht.”
Wir möchten noch einmal zurückblicken auf unser erstes Event. Denn: Wir sind Journalistinnen – ein Public Viewing zu veranstalten, hatten wir 2026 ganz sicher nicht auf unserer Bingo Card. Gleichzeitig lieben wir es, uns neuen Herausforderungen zu stellen (sonst würden wir ja auch nicht den verrückten Plan verfolgen, ein gedrucktes Magazin auf den Markt zu bringen). Ganz besonders, wenn wir dabei fantastische Partner*innen an unserer Seite wissen: Safa Semsary und Lukas Blaß von Polar Pinguin, Franzi Keich von Türkiyemspor Berlin, und Sinduya Jeevaratnam von Here to Hoop (sowie den Landessportbund Berlin, der das Event mit Mitteln zur Förderung von Gleichstellung und Vielfalt im Sport unterstützt hat).
Im Jungen Tanzhaus Berlin haben wir mit euch das deutsche Gruppenauftaktspiel gegen Spanien geschaut. Und im Anschluss nicht nur coole Dinge verlost (wie das tolle Equality-Trikot!), sondern auch ein Gespräch geführt, an das wir noch lange denken werden.
Weil wir so beeindruckt waren von unseren Gesprächspartnerinnen und dem Wissen, das sie mitgebracht haben, haben wir die wichtigsten Fragen und Antworten hier noch einmal aufbereitet.
Das Panel
Was brauchen Mädchen, damit sie im Sport bleiben, sich dort wohlfühlen und ihr Potenzial entfalten können? In unserem Panel “Keeping Girls in the Game – Mädchen im Sport stärken” haben wir mit drei Expertinnen aus dem Breitensport über Barrieren, Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und echte Teilhabe gesprochen. Dabei stand nicht im Vordergrund, wie man möglichst viele Profisportlerinnen hervorbringt. Vielmehr ging es darum, Räume für junge Menschen zu schaffen, in denen sie erleben: Ich werde gesehen, meine Stimme zählt, ich kann Verantwortung übernehmen – und ich bin stärker, als ich dachte. Außerdem ging es um “Mini-Menschen”, die einfach Spaß am Sport haben. Aber dazu später mehr.

Nicole McDermott, Marion Vaur und Aziza Egla.
Foto: Loredana Zafisambondaoky
Die Panelistinnen
Aziza Egla spielt Basketball bei Türkiyemspor und war dort nicht nur als Schiedsrichterin aktiv, sondern hat auch verschiedene Jugendteams trainiert. 2024 wurde sie mit dem Jugendengagementpreis von Friedrichshain-Kreuzberg ausgezeichnet.
Maike Neubert spielt Fußball, ist Trainerin beim FC Internationale Berlin und hat beim Programm “Ready. Set. Coach.” mitgewirkt. Das Programm des Berliner Fußball-Verbands unterstützt Mädchen und Frauen dabei, den Weg ins Coaching zu gehen und sich als Trainerinnen weiterzuentwickeln. Dazu gehören individuelle Begleitung, praktische Erfahrungen, Austausch und Empowerment sowie die Möglichkeit, fußballspezifische Qualifizierungen zu absolvieren.
Marion Vaur ist Tackle- und Flag-Football-Spielerin und trainiert Kinder und Jugendliche. Als Projektmanagerin des American Football und Cheerleading Verbands Berlin-Brandenburg setzt sie sich dafür ein, den Sport weiterzuentwickeln.
Die tollen Fotos hat Loredana Zafisambondaoky gemacht, die Fragen stellte Nicole McDermott.

Maike Neubert.
Foto: Loredana Zafisambondaoky
Aziza, Maike und Marion, auch wenn wir alle aus verschiedenen Sportarten kommen, haben wir sicherlich ähnliche Erfahrungen gemacht, was Strukturen, Umgang oder Anerkennung betrifft. In meiner U14-Fußballmannschaft mussten wir in alten XXL-Trikots der Männer spielen. Das hat mich zwar nicht abgehalten, ist aber leider symptomatisch für die Behandlung von Mädchen und Frauen im Sport. Meine Fragen an euch daher: Warum liebt ihr euren Sport? In welchen Momenten habt ihr gezweifelt – und warum seid ihr am Ball geblieben?
Aziza: Ich liebe an Basketball, dass es ein Teamsport ist. Ein vollständiges Team zu haben ist für mich nicht unbedingt selbstverständlich, da ich zu einer Zeit angefangen habe zu spielen, in der viele Vereine gerade erst damit begonnen hatten, Basketball für Mädchen anzubieten. Deshalb haben Spielerinnen gefehlt und im Training waren die Altersgruppen zusammengewürfelt, die im Spielbetrieb gar nicht zusammen antreten durften. Nach den meisten Spielen sind wir frustriert nach Hause gegangen, weil wir auf Teams gestoßen sind, die vom Niveau schon viel weiter waren. Ich erinnere mich an ein Spiel, in dem wir 4:102 verloren haben. Es gab generell wenig Perspektiven für uns junge Mädchen. Ich wusste nie, welche Möglichkeiten es im Basketball gibt und hatte auch kein Ziel vor Augen. Das lag wahrscheinlich daran, dass es keine Vorbilder gab oder die Sichtbarkeit gefehlt hat. Ich bin eine Zeit lang unregelmäßig zum Training gegangen, habe dann aber im letzten Moment noch mehr Mädchen kennengelernt, die auch Basketball gespielt haben. Ich bin dann geblieben, weil ich gesehen habe, dass es noch mehr Menschen bei Türkiyemspor gibt, die Freude am Basketball haben.
Marion: Ich kam vom Basketball, habe aber aktiv nach einer Football-Mannschaft gesucht, weil ich mal jemanden umrennen wollte – und jetzt renne ich eben Leute um. Also, ich bin der Meinung, dass jede Person jede Sportart betreiben dürfen sollte – unabhängig davon, wie sie aussieht, wie sie gebaut ist und so weiter. Beim Football ist es so, dass wir Menschen verschiedener Körpergrößen und Körpertypen brauchen aufgrund der verschiedenen Positionen und der Art, wie es gespielt wird. Wenn elf Spieler*innen auf dem Platz stehen, die so aussehen wie ich, werden wir platt gemacht. Wenn es nicht gemischt ist, dann kann man nicht erfolgreich sein. Und deswegen kann jede Person ihren Platz finden.
Maike: Für mich ist eigentlich der schönste Teil daran: Wenn man merkt, dass jemand plötzlich mehr an sich glaubt und sich Dinge zutraut, die vorher vielleicht gar nicht selbstverständlich waren. Und genau das möchte ich als Coach ermöglichen: Nicht nur bessere Fußballerinnen auszubilden, sondern Menschen zu stärken. In meiner Fußball-AG mit kleinen Kindern geht es deshalb für mich gar nicht darum, wer die besten fußballerischen Fähigkeiten hat. Ich nenne sie manchmal liebevoll meine “Mini-Menschen” und jede einzelne von ihnen ist wichtig. Ich möchte ihnen vermitteln: Du musst nicht die Beste sein. Aber du bist ein wichtiger Teil unseres Teams.

Foto: Loredana Zafisambondaoky
Marion, du hast beschrieben, dass Zugehörigkeit ein wichtiges Element im Football ist. Welche Barrieren gibt es dennoch im Flag und Tackle Football, und eröffnet eine Nischensportart eventuell sogar neue Möglichkeiten, Menschen anzuziehen?
Marion: Tackle Football ist ein Sport, der sehr teuer ist, weil das Equipment teuer ist. Und wenn man jetzt auf höherem Niveau spielen will, zum Beispiel in der Nationalmannschaft, dann muss man alles selber zahlen. Für die EM im Sommer – bei der die deutsche Nationalmannschaft übrigens Silber geholt hat, worauf die Spielerinnen sehr stolz sein können – gab es eine Ausnahme: viele Menschen haben gespendet, aber das Geld kam eben nicht vom Verband. Das hindert uns gerade ein bisschen, um noch auf das nächste Level zu kommen. Aber als Nischensportart finden Menschen schon auch andere Wege zu uns, weil es ja selten ist, dass jemand von klein auf Football spielt. Es sind oft Menschen, die eine andere Sportart gemacht haben, so wie ich, und später eingestiegen sind. Oder Menschen, die gar keinen Sport gemacht haben und das ausprobieren wollen.
Maike, warum ist Empowerment für junge Spieler*innen, aber auch Coaches so wichtig?
Maike: Für mich bedeutet Empowerment vor allem, jungen Menschen das Gefühl zu geben: Du bist wichtig, du wirst gebraucht und du darfst so sein, wie du bist. Gerade bei Kindern und Jugendlichen finde ich es wichtig, dass sie nicht nur lernen, besser Fußball zu spielen, sondern auch lernen, sich selbst etwas zuzutrauen, Verantwortung zu übernehmen und als Teil eines Teams ihren Platz zu finden. Ich studiere Soziale Arbeit und merke dadurch noch einmal mehr, wie wichtig diese Haltung für meine Arbeit als Trainerin ist. Auch Coaches müssen empowered sein, um Räume schaffen zu können, in denen Kinder sich ausprobieren dürfen, Fehler machen dürfen und trotzdem das Gefühl haben, gesehen und wertgeschätzt zu werden. Bei Ready. Set. Coach. habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, dass Empowerment auf beiden Seiten stattfindet – bei den Spielerinnen genauso wie bei den Coaches. Wenn ein Coach selbst erlebt, dass die eigene Perspektive zählt und dass man etwas bewirken kann, kann man dieses Gefühl auch an die Spielerinnen weitergeben.
Fühlen sich Spieler*innen nun mehr gesehen – welche Rückmeldungen bekommst du?
Maike: Ja, ich glaube, dass Spielerinnen sich dadurch stärker gesehen fühlen. Gerade, wenn man nicht nur auf Leistung und sportliche Entwicklung schaut, sondern auch darauf, wer vor einem steht, was diese Person mitbringt und welche Erfahrungen sie macht. Ich bekomme zum Beispiel Rückmeldungen, dass Spielerinnen sich trauen, mehr Fragen zu stellen, ihre Meinung zu sagen oder einfach selbstbewusster aufzutreten.

Foto: Loredana Zafisambondaoky
Breitensportvereine funktionieren ja meist nur, weil Sportbegeisterte als Coaches mithelfen, Eltern Kuchen backen, Spieler*innen Plätze herrichten und so weiter. Aziza, du hast in einem Interview mal gesagt, das Ehrenamt sterbe gesellschaftlich aus. Welche Rahmenbedingungen wünschst du dir, damit Engagement im Sport leichter möglich ist?
Aziza: Ich wünsche mir zugänglichere Strukturen. Dazu gehören für mich klare Ansprechpersonen. Ich hatte damals auch junge Trainerinnen und habe dadurch zum ersten Mal selbst darüber nachgedacht, auch irgendwann mal als Coach in der Halle zu stehen. Ich hätte aber gar nicht gewusst, wo ich mich melden kann, oder ob überhaupt Leute für solche Stellen gesucht werden. Deshalb müssen wir daran arbeiten, Angebote sichtbarer zu machen. Ich denke, dass es eigentlich viel mehr Leute gibt, die sich gerne engagieren würden. Es ist nur schwer an die Stellen zu kommen, wenn man nicht die richtigen Menschen kennt. Außerdem müssen wir verstehen, dass Ehrenamt flexibel ist. Viele Menschen denken, dass Ehrenamt im Sport langfristige Arbeit bedeutet.
Das ist ein guter Punkt. Es gibt sicherlich Menschen, die gehemmt sind, weil sie glauben, sie müssten jede Woche an drei Abenden in die Halle oder auf den Platz und am Wochenende zum Spiel. So viel Zeit können sie nicht aufbringen, aber vielleicht wäre der Verein ja offen für Teilzeitcoaches…
Aziza: Ja, genau. Es gibt ja auch viele andere Möglichkeiten, sich zu engagieren. Die meisten Vereine veranstalten Events oder Feste, bei denen Aufgaben übernommen werden können. Am Ende trägt jedes Ehrenamt, egal ob jahrelang als Trainer*in oder für ein paar Stunden am Kuchenverkauf, zur Entwicklung von Sport bei.
Was können andere Vereine von Türkiyemspor Berlin lernen?
Aziza: Ich schätze an Türkiyem besonders, dass wir auf unsere Community setzen. Wir haben viele junge Trainerinnen und Schiedsrichterinnen, weil wir unseren Spielerinnen die Möglichkeit geben, sich auch über das Spielfeld hinaus zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Dadurch haben wir ein Team, in dem unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, in dem viel Energie stecken und Menschen, die bereit sind zu lernen. Denn wir wissen, dass der Mädchen- und Frauenbasketball noch nicht dort ist, wo er sein könnte.

Foto: Loredana Zafisambondaoky
Wenn ihr eine Sache ändern könntet im Sport, was wäre das?
Marion: Man muss unseren Sport zugänglicher für Mädchen und MINTA*-Kinder machen. Im April haben wir das allererste MINTA*-Flag-Football-Event bei den Berlin Kobras organisiert. Das war super. Da kamen aber auch ziemlich viele Rückmeldungen von Menschen, die diesen Begriff MINTA* nicht unbedingt mochten oder fanden, dass das wenig zu tun hat mit Mädchensport. Aber solange wir diesen Schritt nicht machen und nicht sagen, wir wollen das Angebot für alle erweitern und gucken, dass wir ein diskriminierungssensibles Umfeld kreieren, so lange gibt es keine wahre Inklusion. Wenn wir wollen, dass unser Sport größer wird und wir wollen, dass die Menschen dran bleiben, die drin sind, dann müssen wir für Strukturen sorgen, wo wirklich alle willkommen sind.
Stichwort Inklusion. Marion, du arbeitest im Verband auch mit den Special Olympics. Was würdest du dir wünschen?
Marion: Das ist auf jeden Fall ein Thema, was oft untergeht. Auch Menschen mit geistigen oder physischen Beeinträchtigungen müssen mitgedacht werden. Dafür sind Vereine in ihren alten Strukturen noch sehr, sehr festgefahren. Es gibt wenig Geld, es gibt wenig ehrenamtliche Personen, und so weiter. Aber ja, ich würde behaupten, man muss den Fokus auf Inklusion setzen und unsere Strukturen so adaptieren, damit jede Person, die sagt, Hey, ich hätte Lust, diese Sportart auszuprobieren, sich ermutigt fühlt, teilzunehmen. Das wäre das Wichtigste.
Maike, was wünschst du dir?
Maike: Ich möchte Menschen darin bestärken, an sich selbst zu glauben, die eigene Stimme zu nutzen und sich den Raum zu nehmen, der ihnen zusteht. Gerade für FLINTA* im Fußball finde ich das unglaublich wichtig, weil wir uns in einem Sport bewegen, der historisch sehr männlich geprägt ist. Es geht also nicht nur darum zu sagen: Du kannst das. Sondern auch darum, Strukturen zu hinterfragen und Räume zu schaffen, in denen Mädchen und Frauen sich sicher fühlen, ausprobieren und Verantwortung übernehmen können.
Im kommenden Newsletter findet ihr, wie gewohnt, wieder ein Interview mit einer Spitzensportlerin. Weil uns der Breitensport aber ebenso am Herzen liegt wie die Spitze, wollten wir das Panelgespräch unbedingt noch einmal mit euch teilen.
Wir sind wahnsinnig happy, dass Maike, Marion und Aziza ihre Einblicke mit uns geteilt haben. Und haben das Gefühl, dass die Zukunft des Sports der Frauen zumindest bei ihnen in guten Händen ist. Jetzt müssten die restlichen Verantwortlichen nur noch nachziehen. Da das wahrscheinlich noch etwas dauern wird – hier erst einmal die Spotlights.
SPOTLIGHTS
Auf Medaillenkurs Wie ihr bereits mitbekommen habt, sind wir nicht nur Basketball-Aficionados, sondern haben ebenfalls eine Schwäche fürs Radfahren. Umso mehr freuen wir uns auf die Straßenrad-WM im kanadischen Montréal. Im Einzel- und im Mixed-Relay-Teamzeitfahren und im Straßenrennen über 180,4 km mit insgesamt 2.570 zu bewältigenden Höhenmetern wird der hügelige Kurs den Fahrerinnen einiges abverlangen. Das dürfte wiederum Antonia Niedermaier in die Karten spielen, die bekanntlich stark am Berg ist und bei der diesjährigen Tour de France Femmes das Weiße Trikot als beste Nachwuchsfahrerin gewann (und sprachen wir nicht davon, demnächst wieder eine Spitzensportler im Interview zu haben…? Stay tuned!) Am 20.9. steht das Einzelzeitfahren der Frauen-Elite auf dem Programm, am 22.9. das Mixed-Relay-Teamzeitfahren und am 26.9. das Straßenrennen der Frauen-Elite. “Das Ziel muss eine Medaille sein“, so Frauen-Bundestrainer André Korff.
Derby, aber ohne Stress Die Frauen-Bundesliga erlebt an diesem Wochenende Historisches: Zum einen bestreiten die Mainzerinnen ihr erstes Pflichtspiel-Derby gegen Eintracht Frankfurt (wir lieben das Reel von “Die Liga lebt“), zum anderen steht beim außerordentlichen DFB-Bundestag am Freitag die Ausgliederung der Liga auf der Tagesordnung. Ab dem 1. Juli 2027 soll der neu gegründete FBL e.V., der von den 14 Vereinen ins Leben gerufen wurde, die Verantwortung für die Organisation der Liga übernehmen. Aktuell wird laut ZDF zudem über neue Anstoßzeiten und eine Sonntagskonferenz sowie die Einführung von Playoffs diskutiert. Es bleibt also spannend. Und beim Derby? Bleibt es friedlich.
Gemeinsame Sache Für vier deutsche Boxerinnen wird die bulgarische Hauptstadt Sofia zum Schauplatz eines großen europäischen Wettbewerbs: Vom 17. bis 25. September kämpfen bei den European Boxing Elite Championships die besten Boxerinnen Europas in zehn Gewichtsklassen gegeneinander. Maxi Klötzer (bis 51 kg), Jule Woche (bis 65 kg), Leonie Müller (bis 70 kg) und Helena Engels (bis 75 kg) treten für Deutschland an. Der Deutsche Boxsport-Verband (DBV) wird mit insgesamt 13 Boxerinnen und Boxern in der bulgarischen Hauptstadt vertreten sein, denn erstmals werden die Europameisterschaften für Frauen und Männer gemeinsam ausgetragen.

Meet the founders: Nicole McDermott und Katalina Farkas.
Foto: Loredana Zafisambondaoky
ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Profisportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über jegliche Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]
Redaktion und Lektorat: Katalina Farkas, Nicole McDermott, Aron Farkas, Fotos: Loredana Zafisambondaoky.
Unser nächster Newsletter erscheint am Donnerstag, den 1. Oktober.

Foto: Loredana Zafisambondaoky