Schön, dass du dabei bist!

Wir sind starstruck: Here2hoop hat vor einigen Tagen ein Basketballcamp in Berlin veranstaltet – mit prominentem Support. A’ja Wilson war vor Ort, und hat gezeigt, dass sie nicht nur eine der wichtigsten Basketballerinnen unserer Zeit ist (mit mehr Auszeichnungen in der Vitrine als ein Westberliner Altbau Quadratmeter hat), sondern auch ein extrem netter, zugewandter Mensch mit einer komplexen Biografie. Eine sportliche Spätstarterin, eines der wenigen Schwarzen Mädchen an ihrer Schule in South Carolina, dazu eine diagnostizierte Lese- und Rechtschreibschwäche – und jetzt eine der höchstdekorierten Basketballerinnen des Planeten.

Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte

Der Besuch gehörte zu einer Europatour, um für den Nike A’Two zu werben, ihren zweiten Signature Shoe. Sleekes Marketing? Auf jeden Fall. Wir feiern die Aktion trotzdem. Denn erstens ist die Anzahl der Signature Shoes, die von Spielerinnen gestaltet sind, immer noch verschwindend gering, jeder neue Schuh also ein Signal für die wachsende (wirtschaftliche) Bedeutung des Sports. Und zweitens durften fast 50 Nachwuchsspielerinnen zwei Stunden mit einer echten Basketball-Legende verbringen, im Shootout gegen sie antreten und ihr danach ein Loch in den Bauch fragen.

Auch wir konnten exklusiv mit A’ja sprechen – und vor allem, was sie über die Bedeutung von Sichtbarkeit gesagt hat, räsoniert: “Sichtbarkeit, und zwar die richtige Sichtbarkeit, lässt unseren Sport wachsen. So können Menschen sich auf uns einlassen: durch die Geschichten und indem wir zeigen, dass wir mehr sind als nur Athletinnen.” Hier könnt ihr das Interview sehen.

Back to reality

Definitiv nicht die Art von Sichtbarkeit, die A’ja anspricht, hat vor einigen Tagen die ehemalige Fußballnationalspielerin Tabea Kemme erfahren. Als Expertin für Prime Video stand sie nach einem Fußball-Champions-League-Spiel der Männer mit ihren männlichen Ko-Kommentatoren am Spielfeldrand. Die Bayernspieler klatschten am Ende mit den Experten ab – und ja, wir lassen das Gendersternchen bewusst weg, denn nur zwei Spieler, Serge Gnabry und Nicholas Jackson, kamen auf die Idee, auch Tabea die Hand zu geben. Kann passieren, könnte man jetzt sagen. Man könnte aber auch fragen: Warum passiert es denn immer wieder?

The League Community (❤️) hat den Vorfall – und insbesondere die vielen relativierenden und delegitimierenden Kommentare dazu – hier eingeordnet. Tabea Kemme selbst hat mit dem Tagesspiegel über die Situation gesprochen. “Für mich ist das nichts Neues”, so ihr nüchternes Fazit, “ich habe diese Dynamiken bereits als Fußballerin erfahren.“ Sie sehe hinter dem Vorfall kein individuelles Fehlverhalten, sondern ein strukturelles Problem. Selbst bei arrivierten Vereinen trainierten Männer- und Frauenteams oftmals an unterschiedlichen Standorten, die Belegschaft in den Vereinen sei auch nicht unbedingt divers aufgestellt: “Dadurch entsteht ein fehlendes Bewusstsein für Frauen im Fußball.” Umso wichtiger ist es, immer wieder auf strukturelle Missstände hinzuweisen, in den Dialog zu gehen – um gemeinsam besser zu werden. Und sich dann auf die guten Headlines zu konzentrieren.

Und jetzt zum Sport

Die derzeit beste deutsche Fechterin Anne Kleibrink tritt in der kommenden Woche beim Grand-Prix im peruanischen Lima an. Zuvor hat sie bei uns im Newsletter vorbeigeschaut. Anne trainiert am Olympiastützpunkt NRW/Rheinland – als einzige Fechterin unter männlichen Fecht-Kollegen. Wir haben mit ihr über ihren Trainingsalltag gesprochen, über die Besonderheit des Florettfechtens und über ihren Umgang mit Instagram, wo Anne sehr präsent ist. Dass Athletinnen die Plattform nutzen (müssen), um dort Sponsoren zu platzieren, ist mittlerweile gesetzt.

Dass Social Media nicht nur fun and games ist, zeigt sich immer wieder, wenn Athletinnen von negativen Kommentaren berichten, die ihnen dort begegnen, von Häme, die mitunter in Hass umschlägt: Die Tischtennisspielerin Annett Kaufmann berichtete sogar von Morddrohungen, die sie über Instagram erhalten hat. Bei Anne läuft der Austausch mit ihren Follower*innen zum Glück meist friedlich ab. Wie sie die Notwendigkeit digitaler Präsenz erlebt, hat sie uns im Gespräch erzählt. Wir freuen uns riesig, dass Anne uns einen Einblick in ihr Athletinnenleben gegeben hat – und auch, dass sie unser Format von Anfang an unterstützt hat! ❤️

Projekt: ERSTE

ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN ist eine neue Medienmarke für den Sport der Frauen. Das hier ist unser vierter Newsletter. Hier kannst du ihn abonnieren, sollte er dir von anderswo zugespielt worden sein. Parallel planen wir ein Magazin, für das wir jetzt schon auf der Suche nach Partner*innen sind. Ihr wollt dabei sein? Meldet euch bei uns!

Ansonsten gilt wie immer: Unterstützt uns, in dem ihr anderen vom Projekt erzählt. Leitet den Newsletter an Sportbegeisterte und Fans weiter, folgt uns bei Instagram, tauscht euch mit uns aus. Wir freuen uns über jede und jeden, der oder die mitliest. Und auf eure Ideen, Gedanken und Vorschläge unter: [email protected]

Ready, set, go!

Foto: Sebastian Wolf

“Man muss immer einen Schritt voraus sein.”

Man merkt, dass Anne Kleibrink in einer Sportart erfolgreich ist, die von schnellen Entscheidungen lebt. Ihre Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen – im Interview ebenso wie in den WhatsApp-Nachrichten zu Abstimmungen und Terminen. Anne hat sich dem Fechten verschrieben, seitdem sie elf Jahre alt ist. Mittlerweile zählt sie, 34-jährig, zu den erfolgreichsten Fechterinnen der Bundesrepublik. 2025 hat sie sich ihren 13. Deutschen Meistertitel gesichert, dazu zweimal Bronze bei den Europameisterschaften gewonnen. Ihr nächstes großes Ziel sind die Olympischen Spiele 2028. Und ganz generell: Mehr Aufmerksamkeit für den Sport zu schaffen. Vor ihrer Teilnahme am Grand Prix in Lima hat sie sich mit Katalina zum Video-Interview getroffen.

Liebe Anne, ganz ehrlich: Ich kannte in meiner Kindheit einige Fechterinnen, der Sport war mir also ein Begriff. Es ist aber schon eine echte Nischensportart, oder?

Ja, total. Die meisten fangen damit an, weil jemand aus ihrer Familie bereits gefochten hat. Und es ist ein bisschen klischeemäßig: aber es gibt viele Ärzte, die ihre Kinder zum Fechten schicken. Vielleicht weil es so elitär wirkt oder es zumindest früher mal war.

Wie hast du denn zum Fechten gefunden? Kommst du auch aus einer Ärztefamilie?

Nee, gar nicht! Bei mir war das ganz zufällig. Ich war sehr sportlich, sehr hyperaktiv, war gerne mit den Jungs auf dem Bolzplatz. Meine Eltern haben mich einfach alles ausprobieren lassen. Tennis, Mittelstrecke, Fußball, Turnen. Aber irgendwie hat mir nichts zugesagt. Zum Glück war der Olympiastützpunkt (OSP) Tauberbischofsheim nur eine halbe Stunde von uns entfernt. Irgendwann haben wir von einem Probetraining beim FC Hardheim-Höpfingen gelesen, das war ganz in der Nähe vom OSP. Dort haben sie mir ein Florett in die Hand gedrückt. Und da war die Leidenschaft dann entfacht.

Florett ist ein bisschen wie Schnickschnackschnuck: Man muss immer einen Schritt voraus sein.

Anne Kleibrink

Du bist dann beim Florett geblieben. Warum?

Am Anfang habe ich Florett und Degen gemacht, weil die sich sehr ähnlich sind. Aber irgendwann muss man sich entscheiden. Degen ist sehr taktisch, und dafür bin ich zu ungeduldig. Vielleicht war es mir auch ein bisschen zu langweilig.

Was macht einen zu einer guten Florett-Fechterin?

Viele sagen, dass es wie Schach auf der Fechtbahn ist, aber die Beschreibung gefällt mir eigentlich nicht. Es ist sehr physisch, man muss sehr fit sein. Man braucht starke Beine, einen sehr starken Rumpf, starke Arme. Es ist technisch und taktisch sehr anspruchsvoll. Man muss mental super präsent sein. Es ist ein bisschen wie Schnickschnackschnuck: Man muss immer einen Schritt voraus sein und antizipieren, was der oder die andere als nächstes tut.

Foto: Sebastian Wolf

Fällt es dir grundsätzlich leicht, dich schnell zu entscheiden?

Ja, sehr. Das habe ich beim Fechten gelernt. Man muss in Bruchteilen von Sekunden Entscheidungen treffen und ich merke, dass ich das mittlerweile überall gut kann. Ich will alles am liebsten sofort nach Bauchgefühl entscheiden. Ich bin gar nicht so der Typ, der gerne eine Nacht drüber schläft, weil ich mir denke: Ich weiß es ja jetzt schon.

Du hast eher spät angefangen mit dem Sport und hast in einem Interview erzählt, dass du anfangs gar nicht mal so gut warst. Was hat dich bewogen, dabei zu bleiben?

Ich war elf, als ich angefangen habe, und die anderen hatten so fünf, sechs Jahre Vorsprung, was natürlich extrem viel ist in so einer technischen Sportart. Ich habe immer alles verloren und war oft Letzte. Aber das hat nur meinen Ehrgeiz geweckt. Ich dachte mir: Ich kann den Rückstand aufholen, wenn ich nur hart genug arbeite. Das ist bis heute mein Credo. Am Anfang ist die Lernkurve ja hoch, das war super motivierend. Ich bin dabeigeblieben, habe die anderen schnell eingeholt, und dann überholt. Wir waren ein starker Jahrgang, aber irgendwann war ich die Einzige, die übrig geblieben ist.

Wie sieht denn so eine klassische Fecht-Karriere aus?

Die Wettkampferfahrung ist wichtig. Mein Vater ist damals mit mir durch ganz Deutschland zu Turnieren gefahren. Das hat mir extrem dabei geholfen, den Rückstand aufzuholen, mental stärker zu werden, und Routinen zu entwickeln gegen die Nervosität. Dann hat mich der damalige Bundestrainer entdeckt. Ich bin dann aufs Sportinternat gegangen, konnte aber zuhause schlafen. Dann kamen die Jugendnationalmannschaften, und dann geht man zu den Erwachsenen über und muss sich entscheiden: Will man in die Sportförderung der Bundeswehr? Will man studieren oder arbeiten? Vollzeitprofi kann man aber nur sein, wenn man bei der Bundeswehr angestellt ist. Dort wird man freigestellt für den Sport und die Wettkämpfe.

Du hast dich erst einmal für das Studium entschieden.

Meine Eltern haben darauf gepocht. Darauf habe ich mich eingelassen und dann Lehramt in Regelstudienzeit durchgezogen. Ich habe meine Bachelorarbeit abgegeben und bin am Tag danach zur Grundausbildung der Bundeswehr gefahren. Ich wollte da so schnell es geht rein, um Profi zu werden. Aber das Studium war schon hart. Ich habe bei den Erwachsenen gefochten und studiert. Ich habe um 7 Uhr morgens Tutorien besucht, um danach mit den anderen zu trainieren. Aber ich bin sehr froh, dass ich es so gemacht habe.

Was hat dich angetrieben: ein konkretes Ziel oder der Spaß an der Sache?

Ich hatte am Olympiastützpunkt die Frauen-Nationalmannschaft ja direkt vor der Nase und habe gesehen, dass sie durch die Welt fliegen konnten, zu den Weltcups und den Olympischen Spielen. Aber anfangs habe ich mir das nicht zugetraut, deswegen habe ich mir erstmal das Ziel gesetzt, es in die Sportfördergruppe zu schaffen. Dafür muss man ja erstmal gewisse Leistungen bringen. Das hat mich schon sehr motiviert.

Wann Anne zum ersten Mal ernsthaft von den Olympischen Spielen geträumt hat – und was passiert ist, als dieser Traum vorläufig geplatzt ist – lest ihr nach den Spotlights, unseren Highlights aus der Welt des Sports der Frauen.

SPOTLIGHT

Ausgezeichnet Die Initiatorinnen und Investorinnen hinter dem Frauenteam von FC Viktoria Berlin wurden mit dem Berliner Frauenpreis 2026 ausgezeichnet. „Ich weiß, wie es ist, Preise zu gewinnen. Aber der hier steht für das große Ganze. Nicht nur für den Fußball und den Sport, sondern auch für die Dinge, die wir für die Gesellschaft tun“, sagte Mitinitiatorin (und zweifache Weltmeisterin) Ariane Hingst. Angetreten mit der Mission, die verstaubten Strukturen im deutschen Frauenfußball aufzubrechen, übernahmen Hingst und ihre Mitstreiterinnen 2022 die Frauensparte des Clubs und bauten sie strategisch neu auf. 2025 folgte der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Viktoria ist damit nicht nur sportlich auf Vormarsch – für Aufmerksamkeit sorgte auch das Investment von Monarch Collective im vergangenen Jahr, einem globalen Investor, der unter anderem an Angel City FC beteiligt ist.

Gewinnerinnen Nach 14 Paralympics-Medaillen in sechs Spielen durfte Andrea Rothfuss die deutsche Fahne bei der Abschlussfeier in Cortina dAmpezzo tragen. Die Skifahrerin war erst im Dezember nach Verletzung und einer depressionsbedingten Pause in den Wettkampf zurückgekehrt. Im Super G und Riesenslalom belegte sie Platz vier, in der Super-Kombi wurde sie Sechste. Kathrin Marchand, vor vier Wochen bei uns zu Gast, musste sich ebenfalls mit dem leidigen vierten Platz zufriedengeben. Für sie ist klar: Sie will jetzt mehr.

Die Allererste Hinter den Kulissen im Sportbusiness sind Frauen in Führungspositionen noch immer die Ausnahme. Nur 6 von 100 Top-Management-Positionen sind in der 1. und 2. Frauen-Fußballbundesliga mit Frauen besetzt. Im Basketball waren es bis zuletzt noch weniger. Das hat sich jetzt geändert! Dr. Ireti Amojo – ehemalige Nationalspielerin – wurde am 4. März zur ersten Vorsitzenden des DBBL-Vorstands gewählt und nimmt in Kürze ihre Arbeit auf. Lieben wir!

Rekordverdächtig Die Euphorie rund ums WM-Finale ist kaum verklungen, da stellen die Handballerinnen schon den nächsten Rekord auf: Beim Final-4-Wochenende um den DHB-Pokal fieberten knapp 7.000 Fans in der Stuttgarter Arena mit. Das Finale verfolgten 3.989 Zuschauer*innen vor Ort – so viele wie nie zuvor in Stuttgart. Borussia Dortmund bezwang die HSG Bensheim-Auerbach mit 30:25 und holte den Pokal – zum ersten Mal seit 29 Jahren.

Kollektives Aufatmen Nach monatelangen Verhandlungen haben sich die WNBA und die Spielerinnen-Gewerkschaft auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Das neue “Collective Bargaining Agreement” (CBA) gilt als Meilenstein: Gehälter werden künftig an die Ligaeinnahmen gekoppelt, die Bezahlung steigt deutlich an – das künftige Durchschnittsgehalt liegt bei 600.000 US-Dollar, das Mindestgehalt bei 300.000 US-Dollar – und auch soziale Leistungen wie Elternzeit werden verbessert. Große Erleichterung auch unter allen WNBA-Fans: Der Saisonstart ab Mai ist nicht gefährdet.

“Rowdy” Ronda Rousey, ehemalige MMA-Kämpferin und Olympia Bronze-Gewinnerin im Judo, will es noch einmal wissen. Am 16. Mai tritt sie gegen Gina Carano an – Netflix überträgt. Schon vorab keilt Rousey aus. Unlängst kritisierte sie den Zustand der UFC, der weltweit größten MMA-Organisation. Sie prangerte die Bezahlung der Kämpferinnen an und sprach davon, dass einige trotz Vollzeitkarriere im Sport “auf Armutsniveau” lebten. Ein Zeichen für ein strukturelles Problem, so Rousey. Und setzte noch einen drauf, ganz Rowdy-like: “It’s why their champions, like Valentina [Shevchenko], are selling pictures of their ti****s on OnlyFans.”

Foto: Sebastian Wolf

“Manchmal muss man auch einstecken.”

Yeah, ihr lest immer noch! Hier kommt der zweite Teil des Interviews mit Anne Kleibrink. Es geht um Sichtbarkeit einer Nischensportart, Druck auf Turnieren, und die Notwendigkeit von Social Media.

Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: Olympia ist vielleicht doch realistisch?

Ja, das war bei einem Heim-Weltcup in Tauberbischofsheim, 2010. Da habe ich es überraschend unter die Top 16 geschafft, obwohl ich noch im Juniorenbereich war. Das war ein echter Aha-Moment. Plötzlich dachte ich: Okay, das kann klappen. Kurz danach wurde ich Teil der Nationalmannschaft, und dann ging alles schneller als gedacht.

Du bist wahnsinnig erfolgreich, bist insgesamt 13 Mal Deutsche Meisterin geworden. Gewöhnt man sich daran?

Nein, eigentlich nicht. Wenn ich starte, will ich natürlich gewinnen, gerade national. Nach so vielen Titeln fährt man ja nicht hin und sagt: Hauptsache irgendwie aufs Podium. Ein deutscher Meistertitel ist immer etwas Besonderes. Trotzdem sind internationale Erfolge noch wichtiger, und auch deutlich schwerer zu erreichen.

Du hast ein Foto von einem Grand-Prix-Sieg gepostet, da hattest du Tränen in den Augen. Was war das für ein Moment?

Das war unglaublich. Es ist eines der höchsten Turniere, und wenn dann die Nationalhymne gespielt wird, ist das etwas ganz Besonderes. Außerdem war es mitten in der Olympia-Quali, und der Sieg hat mir extrem viele Punkte dafür gebracht. Da ist alles zusammengekommen. So ein Tag ist auch lang. Man ist ständig im Wechsel zwischen Anspannung und kurzer Pause. Wenn man dann gewinnt, fällt enorm viel Druck ab.

Du bist ja irgendwann von Tauberbischofsheim – dem Zentrum der Frauen-Fechtwelt – ins Rheinland gewechselt. Was hat sich dadurch verändert?

Ich habe mein ganzes Fechterleben in Tauberbischofsheim verbracht und dort alles gelernt. Aber dann habe ich mich 2020 nicht für Olympia qualifiziert. Da war ich am Boden zerstört und hab alles ein bisschen in Frage gestellt. Also, ob es richtig war, die letzten 20 Jahre diesen Weg zu gehen. Danach habe ich mich gesammelt und entschieden: Wenn ich es noch mal vier Jahre versuche, muss ich etwas verändern. Also bin ich nach Bonn gegangen, habe dort mit den Männern trainiert. Mein Freund hat dort als Trainer gearbeitet, das hat also gepasst. Seitdem hat sich viel verändert. Und ich habe meine größten Erfolge gefeiert.

Das Training mit den Männern ist hart, manchmal frustrierend, und oft richtig schmerzhaft.

Anne Kleibrink

Hat dich das neue Umfeld besonders gepusht?

Ja, extrem. Der Input meines Trainers hat viel gebracht, auch weil mein Fechten eher kraftbetont ist. Ich bin sehr groß und stark für eine Frau, deswegen passt das jetzt besser als vorher. Und das Training mit den Männern ist hart, manchmal frustrierend, und oft richtig schmerzhaft. Man merkt natürlich, dass sie nicht gegen eine Frau verlieren wollen. Was ich nachvollziehen kann. Würde ich wahrscheinlich auch nicht gerne, wäre ich ein Mann. Deswegen strengen die sich noch mehr an oder nutzen noch mehr Kraft. Damit muss ich natürlich umgehen können. Manchmal habe ich Tage, wo ich mich in die Umkleide verziehe und kurz weine, weil die letzten drei, vier Treffer besonders hart waren. Aber wenn ich wieder rauskomme weiß ich: Okay, meine Frustrationstoleranz hat sich gerade nach oben verschoben. Ich habe den Treffer nur abbekommen, weil der andere viel größer ist als ich. Und das zu akzeptieren, sich wieder hinzustellen und zu sagen: "Okay, next one!" hat mich krass weitergebracht. Außerdem habe ich einen eigenen Athletiktrainer, den ich selbst bezahle, weil es in der Randsportart nicht anders möglich ist. Aber der hat mich auch ein großes Stück vorangebracht.

Fechten kommt ja sehr elegant daher – trügt der Schein?

Ja, es sieht elegant aus. Aber Kraft, Physis, Schnelligkeit, Explosivität spielt definitiv eine Rolle. Und ja, manchmal muss man auch einstecken. Aber die schlimmsten Verletzungen durch die Klinge des Gegners sind blaue Flecken oder Striemen.

Foto: Sebastian Wolf

Du hast es eingangs schon angesprochen: Der Sport ist teuer. Mit was für Kosten rechnet man da?

Für den kompletten Anzug und drei Waffen ist man schon schnell bei 2000 Euro. Ich werde von Allstar gesponsert, das ist ein Fechtartikelhersteller, deswegen habe ich da keine Kosten mehr, glücklicherweise. Die Startgelder belaufen sich auf rund 600 Euro im Jahr. Und die Kosten für meinen Athletiktrainer kann ich natürlich nicht verraten, aber da sind wir im Bereich einer kleinen Monatsmiete. Auf den Reisen zu den Turnieren gibt man natürlich Geld aus, wobei die Reisekosten für die vier Besten vom deutschen Fechterbund übernommen werden. Wenn man nicht unter den Top 4 ist, dann wird es teuer.

Du hast deine Sponsoren angesprochen. Welche Rolle spielt Social Media in dem Zusammenhang?

Ich habe mit Instagram angefangen, weil ich dachte: Es kann nicht sein, dass so viele Leute Fechten noch nie gesehen haben, obwohl es so ein toller Sport ist. Ich wollte das teilen. Dann kam mehr Reichweite dazu, viele Nachwuchsfechterinnen, das fand ich schön, auch so als Vorbild. Und daraus hat sich dann die Vermarktung entwickelt, was in einer Randsportart extrem wichtig ist. Ich mache es heute aus beiden Gründen: Es macht mir Spaß und es hilft finanziell. Ich glaube auch, dass es schwierig wird, wenn man in einer Randsportart sagt: “Ich habe keinen Bock auf Social Media.“

Ist das manchmal Druck – dass du noch posten musst? Ein Job neben dem Job?

Nicht wirklich. Ich denke mir nie: “Boah, ich muss jetzt noch was hochladen.“ Das geht schnell, ich bin da drin. Aber ich denke schon oft: Es wäre cool, jemanden zu haben, der mich begleitet und Content macht. Da wäre noch viel mehr möglich. So muss ich immer jemanden fragen: “Kannst du kurz filmen?“ Das fühlt sich manchmal ein bisschen affig an, aber ich brauche es für Reichweite.

Wie ist der Austausch mit deiner Community?

Eigentlich richtig cool. Ich habe viele deutschsprachige Follower, das hilft. Klar, bei den Olympischen Spielen gab es mal ein paar negative Kommentare. Nichts krasses, aber so Sachen wie: “Ich fand dich sympathisch, aber warum schreist du so viel rum?” Da denke ich mir: Das gehört zu unserem Sport. Wenn es dir nicht gefällt, schalt um. Aber das war wirklich ein ganz kleiner Teil. Insgesamt ist es sehr positiv. Ich habe viel Austausch, auch mit Müttern von jungen Sportlerinnen, das finde ich schön. Und bei Themen wie meinem zyklusbasierten Training kamen super viele positive Nachrichten. Davor habe ich lange überlegt, ob ich das teilen soll. Und danach dachte ich mir: “Ich hätte es noch viel früher machen sollen.”

Foto: Sebastian Wolf

Dein großes Ziel, die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, sind noch ein bisschen hin. Was steht jetzt als Nächstes an?

Wir fliegen nach Lima zum Grand Prix, und im Mai bin ich vier Wochen am Stück unterwegs: In Vancouver, Seoul, und Shanghai. Danach sind die Deutschen Meisterschaften in Berlin, die EM in Paris und die WM in Hongkong.

Macht es einen Unterschied, ob Publikum vor Ort ist?

Ja, sehr. Bei der WM in Leipzig war es richtig voll, wie im Hexenkessel, das war mega. Bei Olympia ist es nochmal eine andere Dimension, davor hatte ich schon Respekt. Aber es pusht eher. Es ist sowieso immer laut bei uns, weil viele Gefechte gleichzeitig laufen. Aber es sind halt selten viele Zuschauer da. In Paris war es schon besonders, weil auf der Bahn neben mir die Französin gekämpft hat, und die Halle bei jedem Treffer ausgeflippt ist. Und wir haben ganz normal weitergekämpft. Aber es war trotzdem toll.  

Letzte Frage: Der Newsletter heißt ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Und du warst wirklich oft Erste. Wer hat dir auf deinem Weg geholfen?

Definitiv meine Familie. Meine Eltern sind tausende Kilometer mit mir gefahren, haben jedes Wochenende geopfert. Meine Mutter hat gewartet, mein Vater ist mit zu Wettkämpfen gefahren. Ohne sie hätte ich das gar nicht machen können, auch finanziell nicht. Mein Bruder hat ebenfalls oft zurückgesteckt. Wir waren viel unterwegs, er musste viel allein machen. Also ja, die drei waren immer für mich da.

Danke, liebe Anne, dass du dir die Zeit genommen hast. Wir drücken die Daumen für die anstehenden Wettkämpfe – und nehmen aus diesem Gespräch mit, dass es sich lohnt, dranzubleiben. Auch, wenn man das Gefühl hat, erst einmal alles zu verlieren oder es gerade mal nicht so läuft wie geplant. Am Ende könnte ein Schrank voller Meistertitel dabei rumkommen.

Redaktion und Lektorat: Katalina Farkas, Nicole McDermott, Aron Farkas, Fred Grimm. Fotos: Sebastian Wolf. Fotoredaktion: Katrin Binner.

Foto: Sebastian Wolf

WHAT TO WATCH

20.-22.03. | Leichtathletik: Hallen-WM Klein, aber fein ist das deutsche Aufgebot für die Wettkämpfe in Torun, Polen. Neun Frauen und fünf Männer sind am Start. Wir schauen besonders auf Yemisi Ogunleye im Kugelstoßen, Sandrina Sprengel im Fünfkampf und auf Jacqueline Otchere, die sich nach großen Verletzungsproblemen noch auf den letzten Drücker qualifizieren konnte (Eurovision Sport).

21.03. | 12:30 Uhr | Rennrad: Mailand-Sanremo Donne Bei frühlingshaften Bedingungen findet die zweite Ausgabe des neu aufgelegten Radsport-Klassikers in Norditalien statt. Als Teil der WorldTour verspricht das hügelige Finale viel Spannung bis zum Schluss (Discovery+).

21.03. | 14:30 Uhr | Snowboard: Weltcup-Finale Der Saisonabschluss und die Entscheidung im Gesamtweltcup fallen im Parallelslalom in Winterberg. Ramona Hofmeister, die erst im Januar nach langer Verletzungspause ihr Comeback gefeiert hat, hofft, ihre starke Form der letzten Wochen noch einmal zu bestätigen (ZDF).

22.03. | ab 10:30 Uhr | Fechten: Grand Prix Mit Anne Kleibrink geht im peruanischen Lima unsere Interviewpartnerin auf die Planche. Nach dem 10. Platz im vergangenen Jahr misst sich die 13-fache Deutsche Meisterin erneut mit den Besten der Welt. Wir drücken sehr, sehr fest die Daumen (fencingtv.com).

24.03. | 18:45 Uhr | Fußball: Champions League Coming home: Im Viertelfinale der Champions League steht einmal mehr Jule Brand im Fokus. Ist es ja ein erneutes Nach-Hause-Kommen an die alte Wirkungsstätte in Wolfsburg. Das letzte Aufeinandertreffen beider Teams ging klar an die Französinnen. Wir sind gespannt, wer diesmal das Rennen macht (Disney+).

ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Profisportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über jegliche Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]

Unser nächster Newsletter erscheint am Donnerstag, den 2. April.