Schön, dass ihr dabei seid!
Hier schreibt Katalina – im Urlaub, mit Blick auf das Kaisergebirge. Später steht ein Ausflug an den nahegelegenen Bergsee an, ansonsten übe ich mich im Abschalten (was zuletzt nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen zählte).
Sportliches Pflichtprogramm ist in diesen Tagen natürlich die Tour de France Femmes – als Fan vor dem Fernseher, nicht als Journalistin am Rechner (oder gar vor Ort). Das ist schön – geht aber auch, so ehrlich muss man sein, mit einem Hauch feinster fomo einher.
Die Tour feiert in diesem Jahr ihre fünfte Ausgabe und ich verfolge besonders die Performance von Kasia Niewiadoma-Phinney, die ich einmal für Die Zeit interviewt habe – und die mich im Interview mit ihrer Präzision und Schnelligkeit beeindruckt hat, aber auch mit der Leichtigkeit, mit der sie sämtliche Vergleiche mit dem Radsport der Männer ad absurdum geführt hat.
Kasia fährt in diesem Jahr wieder vorne mit – ob es für einen Sieg reicht, bleibt abzuwarten. Spannend wird aber auch sein, wie sich ihre Teamkollegin Antonia Niedermaier schlägt, die unlängst beim Giro d’Italia Zweite in der Gesamtwertung geworden ist und derzeit das Weiße Trikot trägt, das der besten Nachwuchsfahrerin vorbehalten ist. Oder auch, wie weit vorne Franzi Koch mitfahren wird, die erste Deutsche, die das Radrennen Paris-Roubaix gewonnen hat – und die bei der Tour de France Femmes als Edelhelferin für Titel-Anwärterin Demi Vollering am Start ist.
Wer die Tour ebenso spannend findet wie ich, dem lege ich die Texte von Katarina Schubert ans Herz. Sie ist als freie Journalistin vor Ort – und ihre Updates für die Sportschau vermitteln einen der in meinen Augen besten Überblicke über den Stand der TdFF: Weil sie sich auf Persönlichkeiten konzentrieren und auf die Geschichten der Fahrerinnen, die dort an den Start gehen. Einen ganz eigenen Blick wirft überdies Sportfotografin Anouk Flesch auf die Tour – zum Beispiel in dieser Instagram-Galerie.
Neben den sportlichen Leistungen der Fahrerinnen finde ich es besonders schön, wie viele Menschen sich am Rand der Strecke zusammenschließen und gemeinsam anfeuern, Watchparties veranstalten (zum Beispiel in Köln zum großen Finale) und zu TdFF-Community-Rides im “Party Pace” aufbrechen – oder, wie die Münchnerinnen von GRL PCK, direkt gemeinsam von München zum Start nach Lausanne gefahren sind, 10.000 Höhenmeter inklusive. Kein Wunder, dass die Tour de France der Frauen immer größer wird und immer mehr Sponsoren anzieht. Die Fans sind da. Und sie wollen mehr.
Und jetzt zum Sport
Lena Krey hat für diese Ausgabe ein spannendes Interview mit Elena Lilik geführt. Es geht um ein Thema, über das immer noch viel zu wenig gesprochen wird: um Schwangerschaft im Spitzensport. Weil so wenig Austausch dazu herrscht, sind die Athletinnen meist erst einmal auf sich allein gestellt. Nicht, weil die Verbände sie fallen lassen wollen. Sondern weil dort meist ebenfalls erst einmal eine gewisse Ratlosigkeit herrscht, wie man mit schwangeren Athletinnen umgehen sollte.
Ich finde das Interview sehr lesenswert – erstens, weil es sehr ehrlich und berührend ist. Und zweitens, weil es sehr deutlich aufzeigt, wie groß der Nachholbedarf bei diesem ganz besonderen Thema ist. Wie wenig die Athletinnen in dieser sensiblen Phase begleitet werden. Wie sehr sie auf sich allein gestellt sind – vor allem dann, wenn sie in Sportarten unterwegs sind, die etwas weniger im Rampenlicht stehen. Oder auch dann, wenn sich ihr sportliches Umfeld primär aus Männern zusammensetzt. Elena spricht all diese Themen an, ohne Fingerpointing zu betreiben.
Projekt: ERSTE
ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, eine Community, eine Mission. Wir sind eine neue Medienmarke – und wollen ein gedrucktes Magazin auf den Markt bringen, das sich einzig und allein dem Sport der Frauen widmet. Weil Sportlerinnen und ihre Leistungen vom klassischen Sportjournalismus viel zu lange übersehen und ihre Geschichten immer noch viel zu selten erzählt werden. Auf unserer Website seht ihr, mit welchen tollen Sportlerinnen wir schon gesprochen haben. Ansonsten gilt, wie immer: Erzählt von uns. Tragt das Projekt weiter. Schreibt uns: [email protected]. Spread the love. ERSTE wird man schließlich nicht allein.
Ready, set, go!

Foto: Paula Simon
"Ich bin momentan ein bisschen das Versuchskaninchen"
Elena Lilik, 27 Jahre alt, gehört zu DEN Gesichtern des deutschen Kanuslaloms. Bereits 2021 holte sie bei den Weltmeisterschaften gleich drei Medaillen, viele weitere folgten. Bei ihren ersten Olympischen Spielen 2024 in Paris krönte sie das Ganze schließlich mit Silber – dem bislang größten Erfolg ihrer Karriere.
Als wir mit Elena sprechen, läuft gerade die Kanuslalom-WM in Oklahoma City. Und ausgerechnet sie, die bei Weltmeisterschaften in den vergangenen Jahren Stammgast war, sitzt diesmal nicht im Boot. Der Grund dafür ist einer der schönsten, die es gibt: Die Olympia-Silbermedaillengewinnerin von Paris ist im siebten Monat schwanger – wie ihr auf den Fotos natürlich längst gesehen habt.
Apropos Fotos: Bei der Fotoproduktion mit Fotografin Paula Simon in Köln entstand dieses Bild, umringt von Blumen und ihren Medaillen, das definitiv hängen bleibt. Elena hat sich dafür von einem Foto der US-Turn-Ikone Simone Biles nach den Spielen in Paris inspirieren lassen. Die Blumen stehen für sie nicht nur für den Neuanfang, der mit der Geburt beginnt, sie sind für sie auch ein Sinnbild dafür, dass etwas nur aufblühen kann, wenn es im richtigen Umfeld wächst. Genau wie ihre sportlichen Erfolge, sagt Elena, nie isoliert entstanden sind, sondern immer durch Menschen, Vertrauen, Unterstützung und die richtigen Bedingungen.
Das könnten wir an dieser Stelle eigentlich so stehen lassen. Wenn da nicht ein paar Dinge wären, über die wir unbedingt sprechen müssen. Denn dass schwangere Sportlerinnen und Mütter im Profisport fast immer auf sich allein gestellt sind, mit einem System, das für sie schlicht nicht mitgedacht wurde, ist keine Neuigkeit. Elena Lilik leistet dafür gerade echte Pionierarbeit. Wie das gelingt, hat sie uns im Interview erzählt.

Foto: Paula Simon
Elena, deine Silbermedaille in Paris ist der größte Erfolg deiner bisherigen Karriere. Nach dem Rennen hast du gesagt, du hättest dir vor allem vorgenommen, mutig zu sein. War genau dieser Mut am Ende der Schlüssel zum Erfolg?
Auf jeden Fall. Man steht dort extrem unter Druck, weil nicht nur der eigene Erfolg davon abhängt, sondern auch die nächsten vier Jahre des Verbandes, die Fördermittel und vieles mehr. Du bist in dem Moment auch ein Stück weit verantwortlich für den Nachwuchs und dafür, wie deine eigenen nächsten vier Jahre aussehen. Wir hatten an den Tagen zuvor in anderen Kategorien, in denen fest mit Medaillen gerechnet wurde, nicht gut performt. Dadurch wuchs der Druck enorm. Für mich war das Wichtigste, mich davon nicht übermannen zu lassen. Unser Ziel war es, Spaß zu haben und uns am Ende nichts vorwerfen zu müssen. Ich habe mir am Start immer wieder gesagt, dass negative Gefühle oder Unsicherheiten gar nicht erst hochkommen dürfen.
Ich nehme dich als sehr leidenschaftliche Sportlerin wahr, die im Ziel auch mal einen lauten Schrei loslässt. Fällt in dieser Sekunde der gesamte Druck ab?
Das ist eins zu eins so. Ich bin eine sehr gefühlsgesteuerte und emotionale Sportlerin. Am Anfang meiner Karriere dachte ich immer, das sei eine Schwäche, weil mir von außen oft gesagt wurde, dass ich mich zu sehr von meinen Gefühlen leiten lasse, dass das zu viel Energie kostet und ich stattdessen immer komplett fokussiert sein müsse. Irgendwann habe ich aber verstanden, dass diese Emotionen meine größte Stärke sind. Wenn ich das einmal rauslasse, bekomme ich ganz neue Energie und Freiheit im Kopf. In Paris hat sich über die ganze Woche eine extreme Anspannung angestaut. Die Strecke war sehr anspruchsvoll, da ging einem schon ordentlich die Düse. Der Schrei im Ziel war der Moment, in dem sich die ganze Vorbereitung und diese enorme Spannung endlich entladen haben.
Nicht zu vergessen, dass du zusätzlich noch Probleme mit deiner Hand hattest.
Das wusste dort niemand. Ich hatte meine Hand im Training immer komplett ans Paddel getaped, weil ich es vor Schmerzen nicht festhalten konnte. Aber mir war es wichtig, das von den Medien fernzuhalten. Sobald eine Kamera an war oder wir Pressekonferenzen hatten, habe ich die Bandage abgemacht. Ich wollte nicht, dass mich ständige Nachfragen zu meinem Zustand mental beeinträchtigen. Am Wettkampftag selbst bin ich sogar komplett ohne Tape gefahren. Ich musste im Kopf einfach denken: Ich bin fit, ich bin verletzungsfrei, ich bin gut. Hätte ich ein Tape gesehen, wäre das Problem viel präsenter gewesen. Das war meine persönliche Strategie, um mich selbst zu überzeugen, dass da nichts ist.
Wie hat sich die Zeit nach Olympia angefühlt?
Anfangs dachte ich, ich komme nach Hause und mache einfach weiter, aber ich war wie überfahren. Mein Handy ist förmlich explodiert. Die Aufmerksamkeit ist für unsere Randsportart natürlich unglaublich wichtig und man will allen gerecht werden, aber ich kam überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Bei den anschließenden Weltcups habe ich dann enormen Druck verspürt, an die Silbermedaille anknüpfen zu müssen. Rückblickend wäre es besser gewesen, die Saison nach den Spielen einfach zu beenden. Stattdessen wurde die Situation mit meiner Hand immer schlimmer, bis klar war, dass operiert werden muss. Ich war mental von Olympia völlig ausgelaugt und der Körper hat signalisiert, dass nichts mehr geht. Gefühlt bin ich aus der absoluten Topform zu einem richtigen Wrack geworden.
Wie bist du aus diesem Tief wieder herausgekommen?
Die Zeit vor und kurz nach der Operation war mental und körperlich richtig schwer. Aber es gab plötzlich wieder ein neues Ziel, an dem ich mich festhalten konnte: Es war klar, ich will danach wieder zurückkommen. Als ich wieder trainieren konnte, habe ich mir in Augsburg eine eigene Trainingsgruppe mit jungen Nachwuchsfahrern zusammengestellt. Das war unglaublich angenehm, weil da diese ganze Perfektion und der Leistungsdruck überhaupt keine Rolle gespielt haben. Die waren einfach mit einer Leichtigkeit im Training unterwegs, dass mir das sehr geholfen hat, den Spaß am Sport wiederzufinden. Danach habe ich die Nachqualifikation geschafft und völlig unerwartet zwei Weltcup-Medaillen gewonnen. Da dachte ich mir schon: Es ist eben doch was dran an diesem Spruch von wegen come back stronger.

Foto: Paula Simon
Im April hast du deine Schwangerschaft verkündet. Warum war das für dich, wie du auf Social Media geschrieben hast, noch schöner als die Silbermedaille bei Olympia?
Es ist einfach etwas ganz anderes. Wir hatten kurz überlegt, ob wir es direkt nach Paris versuchen sollen, weil das für den nächsten Olympiazyklus und das Comeback Sinn gemacht hätte. Aber uns war schnell klar, dass das ein Fehler gewesen wäre. Meine Verfassung hätte das gar nicht hergegeben. 2025 war stattdessen unglaublich wichtig, um alles aufzuarbeiten, noch einmal Erfolge zu feiern und wieder in Topform zu sein – körperlich wie mental. Ich konnte mir selbst beweisen, dass es noch in mir steckt. Deshalb fühlt sich die Schwangerschaft jetzt so besonders an: Zum ersten Mal seit Langem bin ich einfach angekommen. Davor ist man jahrelang von Ziel zu Ziel gesprungen und wollte immer mehr. Jetzt kann ich zum ersten Mal auf die letzten Jahre zurückblicken und sagen: Ich bin stolz auf das, was ich geleistet habe.
Ich stelle mir den Druck enorm vor, im Leistungssport genau dieses eine, perfekte Zeitfenster für eine Schwangerschaft zu finden.
Ja, ich habe mich jahrelang unter Druck gesetzt und gedacht, ich muss mir beruflich etwas nebenher aufbauen, weil ich früh eine Familie möchte. Es stand immer die Frage im Raum: Lässt sich das alles irgendwie stemmen? Ich bin aber in der komfortablen Situation, lange in der Sportfördergruppe der Bundeswehr zu sein, wodurch ich für einen bestimmten Zeitraum abgesichert bin. Aber es ging wirklich nur, weil ich so konstant Leistung abgeliefert hatte und mir jetzt diese berufliche Ausgangslage erarbeitet habe. Als Frau ist die Familienplanung viel komplexer, weil es so viele Unsicherheiten gibt: Wie reagiert der Körper, wie wird das mit dem Reisen? Da haben es Männer, die Väter werden, deutlich leichter.
Ein Beispiel ist meine Mutter. Sie war Handballerin und hat nach der Geburt früh wieder mit dem Training begonnen. Im Nachhinein tat es ihr leid, dass sie mich dadurch nicht mehr weiterstillen konnte, weil die Muttermilch durch das Laktat sauer geworden ist.
Dinge, die man als Mann natürlich gar nicht auf dem Schirm hat.
Total. Die Sportwelt ist sehr männerdominiert, wir haben auch keine Trainerin im Umfeld. Die Nachricht wurde zwar positiv aufgenommen, was mich sehr dankbar gemacht hat, aber danach passierte nicht viel, weil sie mit der Situation nicht vertraut und auch überfordert waren. Die Kommunikation ist in diesem Bereich nicht offen oder enttabuisiert, ich wusste nicht: Kriege ich jetzt einen Trainingsplan, der einfach nur 50 Prozent reduziert ist? Es traut sich oft niemand zuzugeben, dass er noch keinen Plan hat und sich erst einarbeiten muss.

Foto: Paula Simon
Wie bekommst du trotzdem die nötige Sicherheit für dich selbst?
Ich habe die Zeit und die Kapazitäten genutzt und mich viel selbst in das Thema eingelesen. Das gab mir ein Gefühl von Sicherheit, weil es ja um meinen Körper geht. Wir haben aber vereinbart, dass sich die Trainer und der Verband bis nach der Geburt in das Thema einlesen, damit ich dann in guten Händen bin. Nach der Geburt hat man schließlich weniger Kapazitäten, sich selbst alles zu erarbeiten.
Das bedeutet, es gab im Vorfeld schlichtweg keinerlei Leitlinien, an denen man sich hätte orientieren können?
Ich denke zwar, dass sich in Zukunft viel tun wird, weil das einfach häufiger vorkommen wird. Aber Stand jetzt war die erste Reaktion eher: Oh shit, du bist mit die Erste, was machen wir denn jetzt? Dadurch bin ich momentan ein bisschen das Versuchskaninchen. Ich haue dann auch gerne mal auf den Tisch und sage, wie wir das machen müssen und wo man sich weiterbilden muss. Ich hatte noch nie ein Problem Vorreiterin zu sein – das betrachte ich eher als etwas Positives. Vor allem, weil es den Athletinnen hilft, die nach mir kommen.
WISSEN TO GO: die Disziplinen im Kanu-Slalom
Kanuslalom ist nicht gleich Kanuslalom – und Elena ist nicht nur mit Blick auf ihre Schwangerschaft eine der Ersten, sondern in Deutschland auch die Einzige, die gleich drei Disziplinen auf Weltklasse-Niveau fährt. Während sich die meisten Profis auf einen Bereich spezialisieren, startet Elena im Einer-Kajak, im Einer-Kanadier und im Kajak Cross.
Im klassischen Kanuslalom (Kajak und Kanadier) kämpfen die Athletinnen im Wildwasser-Parcours zunächst in zwei Vorläufen um den Einzug ins Halbfinale. Wer hier und im anschließenden Halbfinale fehlerfrei und schnell unterwegs ist, schafft den Sprung ins Finale der besten zwölf Boote.
Kajak Cross, auch als Extrem-Kanu-Slalom bekannt, war bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 zum ersten Mal Teil des Programms und setzt sportlich noch einen drauf: Hier stürzen sich vier Athletinnen gleichzeitig von einer Startrampe hoch über dem Wasser in ein direktes Kopf-an-Kopf-Rennen. Neben harten Bandagen auf der Strecke gehört auch eine obligatorische Eskimorolle dazu – wer am Ende als Erste die Ziellinie überquert, gewinnt.
Du bist Sportsoldatin bei der Bundeswehr. Gibt es dort klare Regelungen, was Absicherung und Mutterschutz angeht?
Ich habe sechs Wochen vor dem Termin Mutterschutz und acht Wochen danach und kann theoretisch regulär Elternzeit nehmen. Ich war vor dem Telefonat schon sehr aufgeregt, genau wie bei den privaten Sponsoren, weil man nie weiß, wie die Reaktionen ausfallen. Aber die Bundeswehr war direkt absolut unterstützend, genau wie meine Sponsoren. Alle haben gesagt: Mach dir keinen Stress, wir nehmen die Situation an, wie sie ist, und wir bleiben dabei. Das war eine Riesenerleichterung.
Du musst dir also keine Gedanken machen, dass du deinen Kaderplatz verlieren könntest?
Momentan habe ich noch meinen regulären Kaderstatus. Im April nächsten Jahres müsste ich dann einen Leistungsnachweis erbringen, anhand dessen entschieden wird, wie es kadertechnisch weitergeht. Ich glaube allerdings, dass man sich beim Verband selbst noch gar nicht darüber im Klaren ist, wie dieser Nachweis aussehen soll und was da genau von mir erwartet wird. Sollte es nicht klappen, müsste ich schauen, ob ich es vielleicht ein Jahr später mit mehr Eigeninitiative und weniger Verbandsunterstützung noch einmal schaffe, oder ob ich dann meine Karriere nach dem Sport einleite. Das ist eben das Risiko, von dem ich wusste, dass ich es eingehe.
Die Sporthilfe hat vor Kurzem verkündet, dass sie die Unterstützung für Mütter ausbauen will. Inwiefern profitierst du davon?
Ich wurde dazu nicht persönlich informiert, aber wir haben eine Rundmail bekommen. Darin stand, dass zum Beispiel Reisekosten und Betreuung für Kinder übernommen werden sollen und man sich an die Sporthilfe wenden kann. Das ist ein wichtiger Schritt, auch wenn es bei mir gerade noch nicht aktuell ist. Es gibt einem das Gefühl, abgesichert zu sein, falls man sich qualifiziert und mit Baby zu einem Weltcup fährt.
Wie sieht dein aktuelles Training aus? Man sieht dich tatsächlich immer noch auf dem Wasser, oder?
Ja, aber ich muss inzwischen schauen, dass ich überhaupt noch in mein Boot passe. Oft leihe ich mir eines von den Jungs aus, das mehr Volumen hat, das funktioniert noch. Ansonsten gehe ich viel schwimmen und bin noch zwei- bis dreimal die Woche im Kraftraum. Ich mache relativ normales Krafttraining, die Gewichte werden natürlich Schritt für Schritt angepasst. Bankziehen auf dem Bauch geht nicht mehr, und ich trainiere nur noch die seitliche, nicht mehr die vordere Bauchmuskulatur. Aber alles andere funktioniert sehr gut.
Kurze Unterbrechung: Hier kommen die Spotlights – die News aus der Welt des Sports der Frauen, die uns zuletzt bewegt haben. Anschließend erklärt uns Elena, wie sie am eigenen Leib erfahren hat, dass Leistungssport und Mutterschaft in den Köpfen der Gesellschaft noch immer nicht zusammengedacht werden.
SPOTLIGHTS
Die Allererste Säbelfechterin Larissa Eifler ist bei der Fecht-WM in Hongkong eine echte Sensation gelungen. Sie hat die erste deutsche Einzel-Goldmedaille bei einer WM seit 16 Jahren gewonnen – und das, obwohl sie nicht unbedingt als Favoritin an den Start gegangen ist. Vor der WM lag sie auf Weltranglistenplatz 33, besiegte dann bei der WM eine Olympia-Siegerin und eine Olympia-Zweite. Im Finale lag sie zunächst zurück – und kämpfte sich mit einer echten Leistungsexplosion zurück. “Ich habe darauf vertraut, dass ich die Fähigkeiten habe und dass ich das irgendwann auf die Bahn bringen kann.” Ein echtes Fecht-Märchen (zu dem wir bald noch mehr schreiben!).
Erste wird man nicht allein – erst recht nicht im Doppelzweier. Bei den Para-Ruder-Europameisterschaften im italienischen Varese bewiesen gleich zwei deutsche Boote ihr Können: Kathrin Marchand und Valentin Luz verteidigten im PR3-Mixed-Doppelzweier ihren EM-Titel, ebenso Jasmina Bier und Paul Umbach im PR2-Mixed-Doppelzweier. Nach ihrem historischen Abstecher zu den Paralympischen Winterspielen 2026 im Para-Langlauf ist Kathrin Marchand nun wieder dort angekommen, wo sie seit Jahren zur Weltspitze gehört: im Rudern. Erst im Winter hat sie uns – vor ihrem Start auf der Loipe – ein Interview gegeben. Umso schöner ist es, ihre Erfolge jetzt wieder auf dem Wasser und auf ihrem Instagram-Kanal zu verfolgen. Dort gibt sie nicht nur Einblicke in ihren (Trainings-)Alltag, sondern zeigt auch immer wieder, wie souverän sie mit Menschen umgeht, die sie und ihre Leistungen infrage stellen und dabei immer wieder auch unter die Gürtellinie gehen. Kathrin steht drüber. Und wie. Lieben wir.
Alles auf Birmingham Am 10. August startet die Leichtathletik-EM in Birmingham – und bei den deutschen Frauen gibt es gleich zwei Comeback-Geschichten, die für Gänsehaut sorgen: Weitspringerin Mikaelle Assani kehrte im Juni nach 15-monatiger Verletzungspause überhaupt erst in den Wettkampfbetrieb zurück. Bei den Finals in Hannover folgte dann die große Überraschung: Mit 6,67 Metern sicherte sie sich den deutschen Meistertitel, verwies Olympiasiegerin Malaika Mihambo auf Platz zwei und löste damit ihr EM-Ticket. „Es ist einfach unglaublich. Ich bin einfach nur dankbar und unglaublich glücklich“, sagte eine sichtlich überwältigte Assani nach dem Sieg.
Auch Sprintstar Gina Lückenkemper reist mit einer bewegten Vorgeschichte nach Birmingham. Ein Zeckenbiss am Hinterkopf sorgte bei ihr für gesundheitliche Probleme und beeinträchtigte ihr Training über mehrere Wochen. Bei der DM reichte es – trotz der widrigen Umstände – über 100 Meter immer noch zu einem starken Platz drei. In Birmingham wird sie im Einzel an den Start gehen und ist für die 4x100-Meter-Staffel eingeplant, in der auch Rebekka Haase eine wichtige Rolle spielen dürfte.

Foto: Paula Simon
“Die haben gedacht: Okay, die ist schwanger, jetzt macht sie das eh nur noch aus Spaß.”
Elena, den letzten Weltcup bist du Ende Mai gefahren. Warum hast du dich dafür entschieden, dass das der letzte Wettkampf ist?
Ich hätte eigentlich auch noch die Weltcups ein oder zwei Wochen danach mitgenommen. Der Verband hat dann aber entschieden, dass das vierte Boot der Qualifikation, das noch nie im Weltcup gefahren war, diese Erfahrung für die WM sammeln soll. Deshalb wurde beschlossen, dass ich nicht mehr mitfahre. Ich habe damit kurz gehadert, aber letztlich war es ein cooler Abschluss. Die Strecke hatte den größten Wasserfall der Weltcup-Serie, was richtig Nervenkitzel bedeutete, und es war einfach schön, das noch mal mitzumachen.
Gab es Momente, in denen du gemerkt hast: Ich bin jetzt nicht mehr alleine auf dem Wasser und trage die Verantwortung für jemand anderen?
Vor dem Weltcup war ich schon aufgeregt, weil ich durch den Bauch einfach unbeweglicher war. Ich wusste, ich muss meinen Fahrstil anpassen, mehr Platz in den Toren lassen und andere Wege fahren, um keine unnötigen Risiken einzugehen. Und bei so einem Naturelement kannst du das Wasser halt nie zu hundert Prozent berechnen. Ich habe mich von Einheit zu Einheit herangetastet, bis ich mich sicher gefühlt habe. Dabei habe ich enorm in mich hineingehört: Was ist noch vernünftig, was ist zu viel? Es ging dann auch nicht mehr darum, zu gewinnen, sondern einfach darum, schön und sicher zu fahren, ohne irgendwelche unnötigen Risiken einzugehen.
Beim Thema Schwangerschaft denkt ja oft jeder, er kann mitreden und wüsste es besser. Hast du auch negative Reaktionen mitbekommen?
Als ich es vor dem zweiten Wochenende der nationalen Qualifikation öffentlich gemacht habe, kamen gerade von Frauen Kommentare. Manche haben gefragt: Warum tust du dir das an? Fühlst du dich verpflichtet, jetzt hier am Start zu stehen? Dabei mache ich das, weil es mir Spaß macht und ich die Rituale der Wettkampfvorbereitung liebe. Solange es keine medizinischen Bedenken gibt, möchte ich darauf nicht verzichten. Auch eine andere Trainerin fragte mich, warum ich nicht zu Hause bleibe, aber dort würde mir die Decke auf den Kopf fallen. Bei vielen ging auch die Hemmschwelle verloren. Plötzlich kamen Leute mitten in meiner hochkonzentrierten Wettkampfvorbereitung auf mich und meinen Trainer zu, um mir zur Schwangerschaft zu gratulieren. Gefühlt haben die Leute nicht verstanden, dass das immer noch meine Arbeit ist und ich mich unbedingt qualifizieren wollte. Die haben gedacht: Okay, die ist schwanger, jetzt macht sie das eh nur noch aus Spaß.
Es wirkte so, als wärst du nach der Bekanntgabe plötzlich nur noch als werdende Mutter gesehen worden und nicht mehr als Profisportlerin…
So habe ich mich gefühlt. Es ist in der Gesellschaft noch nicht angekommen, dass man Mutter werden kann und gleichzeitig eine gute Profisportlerin ist. Genauso wie das Verständnis dafür, dass mir mein Sport trotzdem noch enorm wichtig ist.

Foto: Paula Simon
Dein Körper ist als Leistungssportlerin dein Kapital. Wie leicht oder schwer fällt es dir, die körperlichen Veränderungen anzunehmen, die jetzt ganz natürlich dazugehören?
Es ist ehrlicherweise schwierig. Ich war schon vor der Schwangerschaft sehr kritisch mit meinem Körper. Es war schon immer so ein Thema, mit dem ich mich nie wirklich wohlgefühlt habe. Jetzt wird das Gesicht runder, alles wird breiter, man passt nicht mehr in die Hosen. Da braucht man viel Vertrauen, dass sich das nach der Geburt wieder reguliert. Andererseits blicke ich auf die Zeit vor der Schwangerschaft zurück und frage mich: Wow, warum dachtest du, da noch irgendetwas optimieren zu müssen? Man reflektiert den eigenen Körper heute ganz anders. Man sieht, wie er vor der Geburt aussah und was er da geleistet hat, und ich schätze es unheimlich, was er auch jetzt immer noch leistet.
Vor allem, weil man als Sportlerin ohnehin unter ständiger Beobachtung steht und bewertet wird.
Als Sportlerin hat man oft dieses bestimmte Bild der perfekten Athletin im Kopf. Man denkt sich: Wie schön wäre es, wenn man Bauchmuskeln sehen würde. Ich hatte schon vor der Schwangerschaft Brüste, bei denen ich oft dachte, dass das eigentlich hinderlich ist. In meiner Vorstellung war wenig Brust immer ein Zeichen von Sportlichkeit, deshalb wollte ich am liebsten so wenig wie möglich haben. Jetzt wird alles noch größer, und man hat das Gefühl, sich immer weiter von der eigenen Idealvorstellung zu entfernen. Das ist völliger Wahnsinn. Es hat überhaupt nichts mit der Leistung zu tun, ob man große oder kleine Brüste oder ein ausgeprägtes Sixpack hat. Was der Körper sportlich und ganz allgemein leistet, ist trotzdem phänomenal.
Gerade findet die Kanu-WM statt. Wie fühlt es sich an, nicht dabei zu sein?
Ich genieße sogar ein bisschen die Ruhe. Es tut gut, mal weit weg zu sein von diesem Druck und der angespannten Stimmung, gerade jetzt, wo es um die Olympia-Quotenplätze geht. Andererseits kitzelt es natürlich, wenn ich die Bilder von der Strecke sehe. Es reizt mich und ich denke mir: Das wäre schon cool gewesen, dort zu fahren. Aber alles hat seine Zeit.
Hast du schon konkrete Pläne für dein Comeback nach der Geburt?
Ich habe mir auf jeden Fall das Ziel gesetzt, wieder zurückkommen zu wollen. Aber ich setze mich da nicht unter Druck. Ich lasse die Geburt auf mich zukommen und schaue dann, wie die Heilung verläuft, wie das mit dem Stillen klappt und wie wir uns einspielen. Ich weiß, dass ich viel Unterstützung habe – durch meinen Mann, der voll hinter mir steht, und durch Physiotherapeuten. Ich bin auch froh, dass der Verband sich dann mit dem Thema beschäftigen will. Den Rest kann man vorher ohnehin nicht planen.
Unser Newsletter heißt ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Wer war für dich die wichtigste Begleitperson auf deinem bisherigen Weg?
Meine Mama. Sie hat unglaublich viel abgefangen – von der Freude bei Siegen bis hin zur Traurigkeit und den Zweifeln nach Niederlagen oder in schwierigen Zeiten mit Verletzungen. Wenn ich aufgeben wollte, hat sie mich immer ermutigt. Sie war diejenige, die sich zu mir gesetzt und gesagt hat: Überleg dir das noch mal, die Zeit kommt nicht wieder, das ist ein Privileg. Aber auch, dass ich diese Leidenschaft mit meiner Schwester teilen kann, ist etwas ganz Besonderes. Wir unterstützen uns extrem.

Foto: Paula Simon
Redaktion und Lektorat: Lena Krey, Katalina Farkas, Aron Farkas. Fotos: Paula Simon. Grafische Umsetzung: Anna Kraus. ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Profisportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über jegliche Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]
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