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Schön, dass ihr dabei seid!

Hier schreibt Katalina von ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Ihr ahnt es vielleicht schon, aber mein Herz schlägt besonders heftig für all jene Sportarten, die man gemeinhin als Randsportarten bezeichnet.

Dem Begriff an sich kann ich wenig abgewinnen, ich finde, er macht den Einsatz der Sportler*innen unnötig klein. Gleichzeitig finde ich es umso faszinierender, wenn man sich Woche für Woche im Training aufreibt in einer Sportart, die man anderen immer wieder erklären muss, oder sich voller Hingabe in ein Ligaspiel wirft, auch wenn man weiß, dass kaum jemand zuschaut.

Und jetzt zum Sport

Enter: Wasserball. Eine Sportart, die ich – um ehrlich zu sein – bislang eher nicht auf dem Schirm hatte.

Vor einigen Wochen fand in Berlin das entscheidende dritte Spiel um die deutsche Meisterschaft im Wasserball statt, zwischen Spandau 04 und Blau-Weiß Bochum. Ich fuhr hin, an einen von außen nur wenig charmanten Ort zwischen einer mehrspurigen Straße und einem Autobahnkreuz, in die Sport- und Schwimmhalle in Schöneberg. Die Halle wurde in den Fünfzigern erbaut, hier wurde ausgiebig Sportgeschichte geschrieben, sie hat ihre besten Tage aber auch lange hinter sich.

Damals als hochmodernes Sportzentrum errichtet (mit einem Aufzug zum 10-Meter-Sprungturm!), bestach sie an diesem Maitag vor allem durch Patina, die einem aus allen Ecken entgegen kroch. Es roch nach Chlor, nach abgestandener Luft, im Bistro gab es mit Wasserkristallen dekoriertes Eis am Stiel (nur Bargeld, klar), ich fand es fantastisch.

(Okay, ich habe auch ein Faible für heruntergekommene Sporthallen. In den Umkleiden hängt noch der Duft von billigem Deo, die Seife in den Waschräumen wurde zuletzt 1997 aufgefüllt und in den Duschen gibt es nur eiskaltes Wasser? Count me in!)

Weniger fantastisch fand ich, wie leer die Ränge waren. Aus Bochum waren ein paar Fans mitgereist, sie hatten Trommeln dabei und machten Stimmung, auch wenn Blau-Weiß schon früh in Rückstand geriet und das Spiel nicht mehr drehen konnte.

Am Ende stand es 15:9 für Spandau 04. Nicht ganz überraschend, für Spandau war es die siebte deutsche Meisterschaft in Folge. Das Team ist – bis auf eine einzige Ausnahme – seit Jahren in der Bundesliga ungeschlagen, kämpft international aber um den Anschluss.

Ich war hooked. Nicht nur, weil im Spiel einige Ellenbogen flogen, Kappen verloren gingen, und jede Menge Unterwasser-Fouls verteilt wurden, von denen sicherlich nicht alle geahndet wurden. Sondern auch, weil ich die Lage der nur sechs Teams umfassenden Bundesliga spannend fand: Wie motiviert man sich, wenn man schon vorher weiß, dass man immer nur gewinnt? Wie geht man damit um, dass die Aufmerksamkeit für den Sport bestenfalls ausbaufähig ist? Und warum ist Wasserball so unfassbar physisch?

Diese Fragen – und noch viele weitere – hat Gesa Deike mir für ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN beantwortet. Das Interview lest ihr weiter unten. Paulina Hildesheim hat die fantastischen Fotos gemacht. Nicht in Schöneberg, sondern im Forumbad am Olympiastadion – das auch nicht gerade arm an Patina ist.

Projekt: ERSTE

Ihr kennt es schon: ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, eine Community, eine Mission. Wir wollen ein gedrucktes Magazin auf den Markt bringen; eines, das sich einzig und allein dem Sport der Frauen widmet. Das Projekt Magazin ist zuletzt langsamer vorangegangen als geplant. Aber es stagniert nicht. Wir sind ein kleines Team, aber wir sind dran. Einige Ergebnisse aus der Umfrage, an der so viele von euch teilgenommen haben (Danke! ❤️), teilen wir ganz bald mit euch.

Weiterhin gilt: Bitte erzählt von uns, tragt die Mission weiter, schreibt uns (wir lieben euer Feedback und eure tollen Nachrichten!) – und meldet euch bei uns, wenn ihr Partner*innen werden wollt.

Ready, set, go!

Foto: Paulina Hildesheim

Unter Wasser ist eigentlich erstmal alles erlaubt

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Gesa Deike die beste Wasserballerin Deutschlands ist. Die 31-Jährige führt nicht nur die Nationalmannschaft als Kapitänin an, sondern auch Spandau 04 – den Berliner Verein, der die deutsche Bundesliga seit Jahren nach Belieben dominiert. Zum Wasserball kam Gesa in Hannover, nachdem sie dem Sport anfangs – damals noch als Leistungsschwimmerin – so gar nichts abgewinnen konnte. Irgendwann ließ sie sich jedoch von ihrer Schwester überreden – und hat ihre Entscheidung seither keine Sekunde bereut. 2022 wechselte sie nach Berlin, im Herbst startet sie in ihre vierte Saison mit den Spandauerinnen.

Im Interview erzählt Gesa, warum Wasserball so hart ist, welche Tricks sie selbst einsetzt und ab wann es unsportlich wird. Sie erklärt, warum sie sich auch vor den Spielen motivieren kann, die sportlich keine große Herausforderung darstellen – oder bei denen sie von vornherein weiß, dass die Chancen auf einen Sieg verschwindend gering sind. Außerdem geht es darum, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung aus dem Leistungssport zu finden – und um ihre jüngere Schwester Ira, ebenfalls bei Spandau 04, die Gesas größte Motivation ist, gegen die sie im Training aber trotzdem lieber nicht spielt.

Gesa, ihr habt im Mai die deutschen Meisterschaften gewonnen, jetzt hast du frei und bist im Urlaub. Gehst du in der Sommerpause schwimmen?

Ich versuche, mich ein bisschen zu zwingen, um das Wassergefühl beizubehalten. Ansonsten meide ich es, so gut es geht. Ich würde jetzt nicht freiwillig ins Freibad gehen, um Bahnen zu ziehen.

Einfach, um ein bisschen Abstand zu bekommen?

Wenn man täglich so viel trainiert, dann ist man nach der Saison ein bisschen satt. Abstand tut dann gut. Auch, damit man dann zum Saisonbeginn wieder richtig Bock auf Wasserball hat. Aber ich hätte jetzt schon Lust, zu zocken, es ist ja eine Spielsportart. Es macht einfach Spaß, im Training zu spielen und die anderen Hops zu nehmen, einfach besser zu sein als die Gegnerinnen, das fehlt mir schon. Man merkt auch, wie viel Energie man beim Wasserball loswird. Es ist ein körperbetonter Sport. Man lässt mit Absicht mal den Ellenbogen stehen oder zieht halt mal ein Knie ran – und man kriegt selbst genauso viel ab. Das fehlt mir.

Warum ist der Sport denn so hart? War das schon immer so?

Der Sport war schon immer hart, aber er wird auch immer schneller und griffiger. Und ja, er wird sicher auch ein bisschen brutaler, also in Anführungszeichen. Bei den Frauen kommt dazu, dass wir so viel Angriffsfläche mit dem Badeanzug bieten. Viele unterschätzen auch, wie hart das eigentlich unter Wasser zugeht. Es ist schon ruppig, nicht zu vergleichen damit, im Urlaub im Wasser ein paar Bälle hin und her zu werfen. Man muss sich Vorteile erkämpfen gegenüber der Gegenspielerin. Da ist die Härte, das Körperbetonte, ein Schlüssel zum Erfolg.

Warum bietet der Badeanzug eine Angriffsfläche?

Weil man überall reingreifen kann. Man kann am Hals reingreifen, aber auch an der Seite, und daran ziehen, um sich irgendwie an der Spielerin vorbeizuziehen. Klar, das darf der Schiri nicht sehen, man muss es schon geschickt machen, aber wenn man da erstmal reingekommen ist, kann man sich schnell einen Vorteil verschaffen. Ich habe ein paar Narben auf dem Dekolleté, man bekommt Kratzer ab. Das ist mühsam und tut weh. Eigentlich müsste man mal einen Badeanzug erfinden, bei dem das nicht geht, das würde das Spiel komplett verändern.

Wie sieht es mit den Kappen aus?

Bei einem Spiel während der Europameisterschaft saß meine Kappe nicht mehr stramm am Kopf, und man konnte daran ziehen. Meine Gegenspielerin hat das genutzt und mich unter Wasser gezogen, das war echt krass. Ich konnte machen, was ich wollte, ich kam da nicht raus. Das war gefährlich, ich hatte danach Strangulationsmuster. Ich spiele seit 15 Jahren auf dem Niveau und hatte noch nie solche Angst. Natürlich zieht man auch selbst mal an den Kappen der Gegnerinnen, um die ein bisschen zu ärgern. Aber ich würde sie niemals sekundenlang unter Wasser halten, bis sie in Panik ausbrechen, das ist dann einfach grob unsportlich.

Foto: Paulina Hildesheim

Wie viel körperliche Härte ist denn überhaupt offiziell erlaubt?

Unter Wasser ist eigentlich erstmal alles erlaubt, weil es der Schiri nicht sieht. Es gibt mittlerweile auch einen Videobeweis, der ist aber nur über Wasser. Und ich meine, wenn jemand einer meiner Teamkolleginnen ein Knie mitgibt, dann gibt man das auch in der Regel zurück. Was nicht erlaubt ist, ist über Wasser zu foulen oder wenn die Zeit gestoppt wird. Aber ich habe das Gefühl, die Schiris sehen nur die einfachen Fouls.

Geht es im Training auch so hart zu?

Das ist die Krux: Man muss hart spielen, um es zu trainieren. Es geht ja auch darum, sich im Spiel wehren zu können. Es wird also schon hitzig. Man gibt sich mal eine mit, aber man weiß auch, bei welchen Spielerinnen man das lassen sollte. Ich kann im Training zum Beispiel überhaupt nicht gegen meine Schwester spielen, das schaukelt sich richtig hoch. Manche sind auch schmerzempfindlicher als andere. Ich gehe immer voll rein, ich kann gut einstecken, aber ich verletze mich auch schnell. Meine Schwester sagt immer, mir fehlt da so ein bisschen das Stoppschild, dass ich die Gefahren nicht mehr richtig einschätzen kann. Aber wir versuchen, es so fair wie möglich zu halten.

Welche Verletzungen trägt man beim Wasserball davon?

Ich habe mir schon zweimal die Rippe und zweimal die Nase gebrochen. Einmal war es eine Ferse, die ich ins Gesicht gekriegt habe und einmal war es ein Ellenbogen. Bei den Rippen war es jeweils ein Knie. Dann habe ich mir meine Hand schon einmal gebrochen und jetzt im Februar den Daumen.

Wie geht man denn danach miteinander um, wenn es eine solide Rauferei unter Wasser gab? Wie legt man dann den Schalter um, damit man danach wieder miteinander reden kann? Also jetzt nicht nur im Training, sondern auch bei Ligaspielen. Du kennst ja auch viele deiner Bundesliga-Gegnerinnen aus der Nationalmannschaft.

Das ist relativ einfach. Das Wasser ist die Grenze. Das eine passiert im Wasser, das andere bleibt draußen, am Beckenrand. Das ist bestimmt auch ein Vorteil den Hallensportarten gegenüber. Da ist es sicherlich schwieriger, die Gefühle auf der Platte zu lassen. Und wir haben ja auch gemeinsame Ziele, mit der Nationalmannschaft beispielsweise. Und man wird mit der Zeit besser darin. Es ist ein Lernprozess, den man durchlaufen muss.

Foto: Paulina Hildesheim

War das bei dir auch so?

Ja, ich bin ja jetzt auch eine der älteren Spielerinnen in der Bundesliga. Anfangs war es schwer, vor allem, wenn man dann nicht die deutsche Meisterschaft holt und dann kurz darauf mit den Spielerinnen, gegen die man gerade noch verloren hat, in der Nationalmannschaft spielt. Und dann denkt man sich: Die da hat mir doch gerade noch die Nase gebrochen, total unnötig! Aber es wird von Jahr zu Jahr einfacher. Wir sind Leistungssportlerinnen. Man muss sich Zwischenziele setzen, muss wissen, wo man hinwill. Es gibt immer Stolpersteine. Aber es geht darum, immer weiterzumachen. Und irgendwann kommt es ganz automatisch, dass man nur noch an das nächste Spiel denkt und sich gar nicht mehr so daran aufhängt, gegen wen oder ob man verloren hat.

Du spielst deine vierte Saison mit Spandau 04 und in der sehr kleinen deutschen Bundesliga seid ihr extrem erfolgreich. Niederlagen kennt ihr eigentlich gar nicht, die erste kam zuletzt in einem der drei Bundesliga-Finalspiele. Wie viele Tage wart ihr zuvor in der Liga ungeschlagen?

Ich glaube, es waren 1592 Tage.

Also ungefähr vier Jahre. Woher kommt diese Dominanz?

Das ist schon bemerkenswert: Als Spandau 2019 angefangen hat, ein Frauenteam aufzubauen, gab es nur zwei bis drei Wasserballspielerinnen. Damals haben sie aktiv Spielerinnen aus anderen Sportarten gesucht, auch unter den Schwimmerinnen, und haben gesagt: Habt ihr Bock auf Wasserball? Wir brauchen 100 Prozent eures Commitments und dann versuchen wir, die deutsche Wasserball-Liga aufzumischen.

Dazu kommt die Professionalisierung, also genug Wasserfläche, genügend Trainingszeiten, Physiotherapie, Eisbad. Da ist Spandau sehr gut aufgestellt. Es ist super attraktiv, nach Berlin zu gehen. Und über die Jahre sind immer mehr deutsche und internationale Spielerinnen auf Spandau aufmerksam geworden.

Und wie fühlt sich das im Liga-Alltag an?

Die Dominanz ist Segen und Fluch zugleich. Es ist toll, alles zu gewinnen. Und auch nicht schwierig, sich zu motivieren. Man will sich ja verbessern. Ein Spiel mit 30 Toren zu gewinnen ist ja auch eine Trainingseinheit. Vielleicht nicht die Trainingseinheit, die man sich erhofft, um international weiterzukommen, aber wir müssen halt spielen und wollen jedes Mal unser bestes Wasserballspiel abliefern. Aber klar, manchmal ist es auch zäh, wenn man schon vorher weiß: Wird das jetzt ein 35:4 oder ein 28:3. Da ist es dann meine Aufgabe als Kapitänin, die anderen voranzutreiben. Wenn wir alle Urlaub machen im Spiel, dann wird es schwer. Das will ich auch den Jugendspielerinnen vermitteln. Nur, weil sie bei Spandau spielen, heißt es nicht, dass sie automatisch besser werden. Man muss sich jeden Tag beim Training hundertprozentig anstrengen. Und wir sehen es auch: Wir tragen Herzfrequenzmesser beim Spiel und beim Training, und meine Belastung ist in der Bundesliga genauso hoch wie in internationalen Spielen.

WISSEN TO GO: Die Wasserball-Bundesliga der Frauen

Die deutsche Frauen-Wasserball-Bundesliga ist die höchste nationale Spielklasse im Frauenwasserball und wird unter dem Dach des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) ausgetragen. In der Liga treten sechs Mannschaften gegeneinander an und kämpfen in einer Hauptrunde sowie anschließenden Play-offs um die deutsche Meisterschaft. In den vergangenen Jahren hat Spandau 04 die Liga dominiert. Neben Spandau zählen der SV Blau-Weiß Bochum, der SC Chemnitz, Uerdinger SV 08, der SSV Esslingen und der ETV Hamburg zu den festen Größen der Liga. Aufgrund ihrer Dominanz in der Liga vertreten die Spielerinnen aus Spandau regelmäßig Deutschland in der Qualifikation zur Frauen-Champions League; 2025 erreichte Spandau als erster deutscher Frauenverein überhaupt die Hauptrunde des Wettbewerbs – ein Meilenstein für den deutschen Wasserball der Frauen.

Wenn der Verein 100-prozentiges Commitment verlangt, gibt er das auch zurück, indem euch faire Honorare gezahlt werden?

In Deutschland ist das schon außergewöhnlich, was Spandau macht. Wir haben Wohnungen und das Champions-League-Team ist voll bezahlt. Die Nachwuchsspielerinnen, die noch zu Hause wohnen, kriegen ein Taschengeld, aber keine richtige Bezahlung. Bochum fängt an, mehr zu investieren, weil die einen großen Sponsor gewonnen haben. Wir haben hier das Glück, dass Spandau als Verein viel investiert, auch mithilfe privater Sponsoren, damit das alles laufen kann. Nichtsdestotrotz ist der Gap zu dem Herrenwasserball, auch zum Herren-Team bei Spandau 04, riesengroß. Da geht es dann um Wasserzeiten und darum, wer die frühen und späten Einheiten bekommt. Und auch um Zuschüsse. Da tut sich seit drei, vier Jahren gar nichts.

Wer blockiert da?

Ich glaube, die Strukturen sind einfach festgefahren. Die Nationalmannschaft der Männer war mal sehr erfolgreich, da heißt es immer: Die kommen wieder zurück. Aber die waren zuletzt 2014 erfolgreich. Klar, wir sind ebenfalls hinter den Erwartungen bei der EM zurückgeblieben, aber wir haben so viele tolle junge Spielerinnen, die haben richtig Bock. Aber der Schwimmverband ist nicht bereit, in Frauenwasserball zu investieren, das muss man ganz klar sagen. Es heißt immer, es sei kein Geld da. Aber dann gibt es doch genug Geld, um für die Herren zwei Trainingsspiele gegen die holländische Nationalmannschaft zu finanzieren oder in Duisburg ein Spiel in einem Freibad auszurichten. Das ist eine coole Sache. Aber warum hätte man das nicht gemeinsam mit den Frauen machen können? Bei den Frauen sind immer alle Töpfe leer. Dann springen private Sponsoren ein, die uns Trainingslager im Ausland finanzieren.

Foto: Paulina Hildesheim

Du hast es vorhin schon angedeutet: International gibt es erste Erfolgserlebnisse, aber der Anschluss zu den Top-Nationen fehlt. In welche Länder blickt man da?

Ganz groß geschrieben wird der Wasserball der Frauen in Spanien, in Griechenland und in Holland. Das ist so krass, das ist so ein kleines Land, und trotzdem schaffen die es, Europameister zu werden und haben sich schon mehrfach für die Olympischen Spiele qualifiziert. In Ungarn ist der Sport auch riesig. Und in Kroatien hat sich einiges getan. Als ich angefangen habe, haben wir noch mit 20 Toren gegen die gewonnen, und jetzt sind sie Europa-Sechste. Die haben Strukturen geschaffen, um den Nachwuchs zu fördern. In meiner Karriere schaffe ich das nicht mehr, aber wenn man jetzt mit den jüngeren Spielerinnen anfängt und in sie investiert, denke ich schon, dass wir auch an die großen Nationen rankommen könnten.

Wenn man auf die von dir angesprochenen Nachwuchsspielerinnen schaut: Was müsste man tun, um international aufzuschließen?

Das System muss viel breiter gefächert werden. Wir machen immer nur einzelne Maßnahmen, also Lehrgänge, und dann passiert wieder ein halbes Jahr nichts. Es gibt zwar schon eine kleine Nachwuchs-Bundesliga der U16, aber man müsste sich viel regelmäßiger mit den guten Nationen messen. Ich war über Ostern für zehn Tage mit den 14- bis 16-Jährigen in Spanien, und es ist unglaublich, wie sehr sich die Spielerinnen da verbessert haben. Du wirfst die für die erste Einheit ins Wasser und denkst dir nur: Oh mein Gott, wie sollen die hier gegen die spanischen Topteams bestehen, und am Ende haben sie ein wahnsinniges Verständnis für Spielzüge aufgebaut. Aber oft ist es so, dass die Frauen einfach nur nebenherlaufen. Und dass die jungen Spielerinnen so ein bisschen allein gelassen werden. Und am Ende fragt man sich, warum eigentlich niemand besser wird. Und das finde ich einfach schade, weil Wasserball eine sehr coole Sportart ist.

Jetzt kommen die Spotlights – die News aus der Welt des Sports der Frauen, die uns in den letzten Tagen bewegt haben. Danach geht es mit dem Interview weiter.

SPOTLIGHTS

Fatales Signal Vom 26.-28. Juni fanden in Thüringen die deutschen Meisterschaften im Straßenradsport statt. Im Nachwuchsbereich starteten 341 Jungen und 111 Mädchen. Die Preisgelder? Mehr als ungleich verteilt. Der erstplatzierte U17-Fahrer erhielt beispielsweise 100 Euro, die erstplatzierte U17-Fahrerin nur 50 Euro (die ganze Preisgeld-Liste könnt ihr hier einsehen). Auf Instagram hat das Cyclits Cycling Collective (“Cyclits CC”) rund um die ehemalige Bahnrad- und Straßenfahrerin Alex Jontschew auf die Ungleichbehandlung aufmerksam gemacht und viel digitalen Zuspruch erhalten. Wir haben uns die Geschichte angeschaut, bei den Verbandsverantwortlichen nachgefragt – und ihre mehr als verwunderlichen Antworten auf unserem LinkedIn-Kanal für euch aufbereitet.

Überfälliger Perspektivwechsel Die European Broadcasting Union (EBU) hat neue Leitlinien für die Medienberichterstattung in der Frauen-Leichtathletik veröffentlicht. Das Ziel: Der Sexualisierung und Objektifizierung von Sportlerinnen in TV-Übertragungen endlich einen Riegel vorzuschieben. Heißt konkret: Statt Close-ups auf bestimmte Körperpartien oder Zeitlupen-Wiederholungen in entwürdigenden Positionen soll der Fokus dort liegen, wo er hingehört – auf dem technischen Können und der sportlichen Leistung. Unterstützt wird die Initiative von Top-Athletinnen wie der ehemaligen Stabhochspringerin Holly Bradshaw und Weitspringerin Ivana Španović. Der freiwillige Leitfaden steht ab sofort allen beteiligten Sendeanstalten zur Verfügung. Bleibt zu hoffen, dass die Empfehlungen auch wirklich umgesetzt werden.

Historisches Double Die Zukunft des deutschen Frauen-Handballs ist nicht rosig, sie ist vergoldet! Komplett ungeschlagen nach sieben Spielen stürmten die U20-Juniorinnen des DHB in China im Finale gegen Dänemark (33:26) zum Weltmeistertitel. Damit haben sie Historisches geschafft: Nach der U19-Europameisterschaft im letzten Jahr halten sie nun beide Titel gleichzeitig. Ein Kunststück, das vor ihnen überhaupt erst zwei Nationen (Norwegen und Dänemark) gelungen ist. Uns macht dieser Erfolg verdammt viel Bock auf die Zukunft im deutschen Frauen-Handball.

Eigene Liga Triathletin Lucy Charles-Barclay hat bei der Challenge Roth einmal mehr ihre absolute Ausnahmeklasse im Schwimmen unterstrichen. Für die 3,8 Kilometer benötigte sie spektakuläre 50:23 Minuten. Kaum an Land, wurde direkt fleißig gerechnet, welchen Platz sie damit im Schwimmen bei den Männern belegt hätte (eine Top-10-Platzierung wäre es auf jeden Fall gewesen). Viel wichtiger: Die Leistung braucht keinen männlichen Maßstab, um monumental zu sein. Lucy schwamm schlichtweg in einer eigenen Liga – und das, obwohl sie zuvor dachte, das Rennen nur als Trainingseinheit zu nutzen. Zur Erinnerung: Wir reden hier von 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und einem Marathon zum Schluss. Am Ende belohnte sie sich mit einem starken zweiten Gesamtplatz hinter Alanis Siffert.

Die Allererste Die Eishockeyspielerinnen des ERC Ingolstadt gehen mit einer absoluten Ansage in die neue Saison: Mit Marion Allemoz werden sie künftig die erste hauptamtliche Cheftrainerin der deutschen Frauen Eishockey Liga haben. Historisch, ja – aber alles andere als einfach. “Wenn man unser Budget mal mit dem von den Männern vergleicht und die Zahlen ausspricht, wird einem schlecht“, erzählt uns Teammanager Thorsten Krestel am Telefon. Der Club habe unter anderem entschieden, das Budget umzuschichten: weniger sogenannte Importspielerinnen, dafür aber eben eine Trainerin. Der Grund für den Strategiewechsel? “Wir wollen kein Geld ausgeben, um für ein Jahr kurzfristigen Erfolg mit teuren Spielerinnen zu kaufen. Wir investieren in eine hauptamtliche Trainerin, um einen Entwicklungsstandort zu schaffen, von dem wir in drei, vier Jahren zehren können.” Dass Allemoz aktuell die einzige Cheftrainerin der Liga ist, überrascht den Teammanager nicht: “Ich glaube, dass in den Organisationen auf Vereins- und Verbandsebene unglücklicherweise immer noch sehr viele alte, weiße Männer sitzen. Eishockey ist einfach extrem männerdominiert, aber die Frauen kommen.” Yes, and they are here to stay!

Spotlight-Autorinnen: Lena Krey & Nicole McDermott

Foto: Paulina Hildesheim

“Im Frauensport werden einem ständig Steine in den Weg gelegt

Hier geht es weiter mit dem zweiten Teil unseres Gesprächs. Es geht um Zuschauer*innenzahlen, ausgediente Schwimmhallen und die Kunst, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung zu finden.

Beim dritten Spiel um die deutsche Meisterschaft – dem entscheidenden Spiel – habt ihr in Berlin-Schöneberg vor beinahe leeren Rängen gespielt. Was müsste man tun, um mehr Aufmerksamkeit für den Sport zu erlangen?

Bei Bundesligaspielen ist das normal. Da ist wirklich keiner da. Also wirklich keiner. Wir versuchen dann, es ein bisschen ins Lächerliche zu ziehen. Bei den Männern ist es ähnlich, obwohl die Hallen früher voll waren. Aber diese ganze Community, die gibt es nicht mehr. Plakate aufzuhängen, bringt auch nichts. Wir haben in Berlin mal im Sommer im Forumbad gespielt, also draußen, und da sind auf einmal so viele Leute da geblieben und haben uns gefragt, ob es mehr von diesen Spielen gäbe. Das ist natürlich leichter in Ländern wie Kroatien oder Serbien, wo im Hafenbecken oder in Flüssen gespielt wird. Das sieht geil aus, da denken sich die Leute: Lass uns da mal hingehen. Bei uns ist das anders, hier bekommt es ja keiner mit.

Die Schwimmhalle in Schöneberg ist jetzt auch nicht unbedingt so ein wahnsinnig attraktiver Ort, in den man einfach so mal reinstolpert.

Ja, auf jeden Fall. Die ist schrecklich, oder? Aber die Halle macht es auch nicht mehr lange. Sie hat ihren Dienst geleistet. Aber bevor wir in eine andere Trainingshalle wechseln, ist meine Karriere schon vorbei.

Was kommt danach?

Ich sage mir schon seit ein paar Jahren, dass ich nur noch eine letzte Saison spiele. Aber dieses Jahr fühlt es sich anders an. Ich hatte immer Angst, den Absprung nicht zu schaffen. Irgendwann ist man die Älteste im Team, dann hören plötzlich die ersten Jüngeren auf und man fragt sich: Wann ist eigentlich der richtige Moment? Ich denke manchmal: So viel habe ich nicht gerissen. Mir war immer klar, dass wir es mit der Nationalmannschaft während meiner Zeit wahrscheinlich nicht zu Olympischen Spielen schaffen und auch nicht um die Medaillen bei Europameisterschaften spielen würden. Ich wollte einfach jeden Tag besser werden, mich mit den besten Spielerinnen messen und schauen, was ich noch lernen kann. Und letzte Saison habe ich in der Champions League 15 oder 16 Tore gemacht – das sind dann schon Erfolge, bei denen man merkt: Es hat sich doch gelohnt.

Foto: Paulina Hildesheim

Wie findet man den richtigen Zeitpunkt, um aufzuhören?

Meine Eltern fragen auch immer: Wie lange willst du das noch machen? Gerade im Frauensport werden einem ständig Steine in den Weg gelegt, finanziell lohnt es sich sowieso nicht. Aber ich wollte nie wegen dieser Widerstände aufhören. Ich habe immer versucht, mich auf das zu konzentrieren, was ich selbst beeinflussen kann. Dieses Jahr merke ich zum ersten Mal, dass ich vielleicht langsam ein bisschen satt vom Wasserball bin. Das liegt auch daran, dass ich letztes Jahr mit meinem Papa und meinem Bruder ein Start-up gegründet habe. Dadurch sehe ich, dass es auch noch ein Leben außerhalb des Sports gibt. Das hat mir geholfen, den Blick etwas zu weiten.

Trotzdem ist das mit dem Karriereende gar nicht so einfach. Wenn ich sage, ich höre nach der Saison auf, dann kommt die EM-Qualifikation. Und wenn wir uns qualifizieren, ist kurz darauf schon die Europameisterschaft. Deshalb sage ich lieber: Sag niemals nie. Solange mein Körper mitmacht, ich Spaß habe und der Nationalmannschaft oder Spandau helfen kann, schließe ich nichts aus. Aber ich merke inzwischen auch, dass es noch etwas anderes gibt als Wasserball. Man muss der Wahrheit dann ja auch schon ins Auge gucken. Und sich um seine Rente kümmern. Also ich kann ja später auch nicht irgendwo von Luft und Liebe leben.

Könntest du dir auch vorstellen, Trainerin zu werden, und so den Wandel selbst voranzutreiben?

Ich habe eine A-Trainerlizenz und war bei der U17-Nationalmannschaft schon Co-Trainerin, das hat viel Spaß gemacht. Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann eine Bundesligamannschaft zu trainieren. Aber nur die Mädels oder Frauen, das macht mehr Spaß. Dafür brenne ich. Und wenn der DSV mich fragen sollte, wie man Dinge vorantreiben kann, wäre ich auf jeden Fall bereit.

Du warst Leistungsschwimmerin und bist dann in der Jugend zum Wasserball gewechselt. Welche Vorurteile gegenüber deinem Sport musstest du revidieren?

Ich glaube, es gibt immer noch so viele Vorurteile! Zum Beispiel, dass Wasserball nur die spielen, die klein sind und nicht gut schwimmen können. Oder dass Wasserball zwar eine Mannschaftssportart ist, aber dass sich eigentlich nur jeder auf die Fresse haut. Mein Vater hat 2008 einen Verein gegründet und meine Schwester hat damals mit Wasserball angefangen und wollte mich immer überreden, auch anzufangen. Und irgendwann, so 2010, kam ich beim Schwimmen nicht weiter, mir fehlte das Kreuz und ich hatte auch keine Lust mehr, Kacheln zu zählen. Und dann hat mich ein Trainer angesprochen. Ich wollte aber auf gar keinen Fall zum Wasserball. Ich dachte mir: Bloß nicht, wie peinlich, wenn mich die anderen Schwimmerinnen sehen! Und dann bin ich doch mal zum Training gegangen, in eine gemischte Gruppe, und habe alle abgezogen. Das hat sich so gut angefühlt! Auch, weil ich gemerkt habe, dass ich mit meiner Schwimmkompetenz den anderen helfen kann. Ich habe gemerkt, wie cool es ist, zusammenzuspielen. Und trotzdem dachte ich, dass ich weniger wert bin, wenn ich Wasserball spiele. Und das ist ja eigentlich der größte Mist. Meinem Schwimmtrainer habe ich erst nach Wochen gebeichtet, dass ich jetzt Wasserball spiele. Er hat nur gelacht. Er wusste von Tag eins an, was los war!

Unser Newsletter heißt ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Wer hat dich auf deinem Weg begleitet?

Meine Schwester, ganz klar. Ohne sie hätte ich niemals angefangen und wäre niemals drangeblieben. Sie hat mir alles erklärt. Auch die Dinge, die mir mein Vater nicht beibringen konnte, der ja selbst sehr hinterher war, dass ich besser werde. Ich spiele immer noch mit ihr. Sie war die größte Mentorin in meiner ganzen Karriere.

Foto: Paulina Hildesheim

Redaktion und Lektorat: Katalina Farkas, Nicole McDermott, Lena Krey, Fred Grimm, Aron Farkas. Fotos: Paulina Hildesheim. Layout und Umsetzung: Anna Kraus

WHAT TO WATCH

08.07 – 12.07. | Volleyball | Nations League Nach dem beeindruckenden Sieg gegen den WM- und Olympia-Dritten Brasilien will die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft um Topangreiferin Leana Grozer den nächsten Schritt gehen und sich die Teilnahme an der Finalrunde Ende Juli in Macao sichern. Dafür sind weitere Siege in der letzten Vorrundenwoche in Belgrad notwendig, wo Deutschland auf die Niederlande, Serbien und Bulgarien trifft. Die Spiele werden im ZDF-Livestream übertragen.

10.07. | 18:00 Uhr | Fußball | U19-Europameisterschaften Am Freitag trifft Deutschland im Finale der Juniorinnen in Sarajevo auf Spanien. Das deutsche Team qualifizierte sich mit einem engen 1:0-Sieg nach Verlängerung gegen Österreich, bei dem Tessa Zimmermann in der Verlängerung das entscheidende Tor erzielte. Wir drücken die Daumen für das Finale. Übertragen wird das Spiel ab 18 Uhr, live auf DFB.TV und RTL+.  

10.07 – 17.07. | Sitzvolleyball | Weltmeisterschaften Bei den Sitzvolleyball-Weltmeisterschaften im chinesischen Hangzhou trifft die deutsche Nationalmannschaft in der Vorrunde auf die Ukraine, die USA und die Niederlande. Wer die Spiele live verfolgen möchte, muss früh aufstehen, da die Partien bereits in den Morgenstunden deutscher Zeit stattfinden. Wir verfolgen das Turnier auf der offiziellen Veranstalter-Seite.

ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Spitzensportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]

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