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Foto: Paula Simon

Schön, dass ihr dabei seid!

Hier schreibt Katalina von ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Die Sommerferien sind vorbei – und wir dürfen unser erstes Event ankündigen: Am 4. September schauen wir mit euch das erste WM-Spiel der deutschen Basketballerinnen. Im Jungen Tanzhaus Berlin. Ab 17 Uhr. Yay!

Raus aus der Bubble

Unser Event findet ihm Rahmen der Basketball-Weltmeisterschaft statt, die in diesem Jahr Berlin beehrt. Wir wollen damit ganz bewusst raus aus der Basketball-Bubble – und rein in das gemeinsame Sporterlebnis. Wir lieben es, beim Sport mitzufiebern, anzufeuern, mit Gleichgesinnten zu quatschen. Das ist der Zweck unseres Events: Wir möchten Spiele schauen und Spaß dabei haben. Basketball-Vorwissen ist nicht vonnöten.

Klar, wenn ihr euch seit Monaten auf die Heim-WM freut und die 16 Teams der vier Vorrundengruppen im Schlaf aufsagen könnt: Kommt vorbei! (Wobei wir in diesem Fall davon ausgehen, dass ihr ein Ticket habt.) Aber wir wollen genauso die Menschen einladen, die bisher vielleicht nur wenig mit dem Sport anfangen konnten und die beim Eurostep an die wildesten Dinge denken, nur nicht an eine Basketball-Bewegung.

Ich nehme in Berlin gerade zwei Dynamiken wahr. Die einen reden seit einer halben Ewigkeit von der WM. Und die anderen wissen gar nicht, dass sie stattfindet, weil das Event ihre Social-Bubble nicht erreicht hat. Und weil die Litfaßsäulen, auf denen in Berlin für das Event geworben wird (love them), eben doch nicht genug Aufmerksamkeit generieren.

Ganz grundsätzlich frage ich mich, ob wir einander sportartenübergreifend noch mehr abfeiern könnten. Ob wir – egal ob Basketball-, Fecht-, oder Hockeyfans – häufiger über den sportlichen Tellerrand und gemeinsam die Spiele anderer Sportlerinnen und Sportarten schauen könnten. Ob ein Fußballclub sich beispielsweise vornehmen könnte, einmal in der Saison zu einem Volleyballspiel zu gehen. Ob die Basketballerinnen in ihrer Offseason mal ein Tennis-Turnier besuchen könnten. Denn es geht ja nicht nur dem Basketball so, dass Aufmerksamkeit rar ist: Oder wusstet ihr, dass am vergangenen Wochenende die Flag-Football-WM in Düsseldorf stattgefunden hat? Und dass gerade eine Hockey-WM in den Niederlanden und Belgien läuft? 

Unser hot take: Der Support einer anderen Sportart ist gut investierte Zeit. Denn ihr wisst ja: We rise by lifting others.

Für uns heißt das: Raus aus der Bubble. Rein in die Halle – oder eben, am 4.9.2026, ins Junge Tanzhaus Berlin. Wir wollen gemeinsam Basketball zelebrieren, wollen Ansätze diskutieren, wie man Mädchen und junge Frauen langfristig im Sport behält und vor allem zeigen, dass der Sport der Frauen extrem viel Spaß machen kann. Sportartenübergreifend.

Dafür haben wir uns mit zwei fantastischen Berliner Sportclubs zusammengetan: Mit Türkiyemspor Berlin, die unter anderem ein tolles, auf Mädchen und Frauen ausgerichtetes Basketballprogramm rund um Franziska Keich aufgebaut haben – und Polar Pinguin, deren Mitglieder unter der Ägide von Safa Semsary daran arbeiten, Sportvereine geschlechtergerechter zu gestalten.

Wir wollen euch treffen – kommt vorbei!

We’d love to meet you! Hier könnt ihr euch für das Event anmelden. Die Anmeldung ist nicht verpflichtend, ihr könnt auch einfach so vorbeikommen und alle eure Freund*innen und Teamkolleg*innen mitbringen. Die Liste hilft uns nur, einen groben Überblick über die Anzahl an Teilnehmer*innen zu erhalten. Und falls ihr jetzt denkt: Aber Katalina, ich habe doch schon 17 andere Sporttermine im Kalender – fair enough. Aber dann leitet das Event doch gerne an eine Person weiter, von der ihr denkt: Das könnte was für sie sein. Dafür könnt ihr beispielsweise diesen Flyer nutzen. Wir würden uns auf jeden Fall sehr freuen, wenn ihr kommt!

Und jetzt zum Sport.

Woran bemisst sich der Wert einer Sportlerin? An ihren Medaillen? An ihren Erfolgen? Daran, wie lange sie durchhält? Wir haben mit der ehemaligen Nationalkader-Säbelfechterin Léa Krüger darüber gesprochen, warum sie ihre Karriere bereits mit 29 Jahren beendet hat – und warum sie schon früh eine sportpolitische Karriere eingeschlagen hat. Die übrigens beeindruckend ist: Léa sitzt im Präsidium von Athleten Deutschland e.V. und ist stellvertretende Vorsitzende im Aufsichtsrat der nationalen Antidoping-Agentur (NADA). Außerdem hat sie gemeinsam mit Ben Ellermann die Initiative “Mehr als Muskeln” gegründet. Wir sprechen mit ihr über mentale Gesundheit, ihre schwere Erkrankung – und über ihren Weg, mit dem Leistungssport abzuschließen. Für die Fotos haben wir Léa am Olympiastützpunkt in Dormagen getroffen. Es war ein sehr berührendes Treffen. Warum, lest ihr im Interview.

Projekt: ERSTE

ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, eine Community, eine Mission. Wir wollen ein gedrucktes Magazin auf den Markt bringen, das sich einzig und allein dem Sport der Frauen widmet. Weil Sportlerinnen und ihre Leistungen vom klassischen Sportjournalismus viel zu lange übersehen und ihre Geschichten immer noch viel zu selten erzählt werden. Dazu erzählen wir euch mehr, wenn die Basketball-WM vorbei ist. Die bindet nämlich gerade unsere Kapazitäten. Ansonsten gilt, wie immer: Erzählt von uns. Tragt das Projekt weiter. Schreibt uns: [email protected]. Und nicht vergessen: Spread the love. Kommt zu unserem Event! ERSTE wird man schließlich nicht allein.

Ready, set, go!

Foto: Paula Simon

“Mentale Gesundheit muss genauso behandelt werden wie die körperliche.”

Vor einem Jahr legte Léa Krüger den Säbel nieder, und das ganz buchstäblich. Nach ihrem letzten Gefecht – den deutschen Meisterschaften, die im Rahmen der Finals in Dresden stattfanden – beendete die Säbelfechterin ihre Karriere mit 29 Jahren. Léa war deutsche Meisterin mit dem Team, ging bei Welt- und Europameisterschaften an den Start – und hatte trotzdem das Gefühl: Es reicht.

Nach dem Karriereende musste Léa nicht nur Abschied von ihrem Sport nehmen, sondern auch von einem Leben, in dem sich lange alles um Leistung und Anerkennung gedreht hat. Zwei Jahre kämpfte sie während ihrer Karriere mit einer Essstörung. Heute spricht sie offen darüber – und über das, was im Spitzensport passieren muss, damit die mentale Gesundheit von Athlet*innen nicht erst dann ernst genommen wird, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Katalina hat Léa in Dormagen getroffen – an dem Ort, der ihr Leben als Leistungssportlerin geprägt hat. Für die Fotos hat uns die wunderbare Paula Simon begleitet.

Léa, ich würde gerne mit einer Szene in dieses Interview einsteigen. Wir sind für unsere Fotoproduktion zusammen mit dem Auto von Köln aus zum Olympiastützpunkt in Dormagen gefahren, zu deiner alten Trainingshalle, rund 25 Kilometer von deinem Zuhause entfernt. Und irgendwann hast du einfach wie selbstverständlich die Navigation übernommen – und wirktest gleichzeitig ein bisschen ergriffen.

Ich bin den Weg im letzten Jahrzehnt jeden Tag zweimal gefahren. Und irgendwann habe ich realisiert: Wow, ich war seit einem Jahr nicht mehr hier, aber gleichzeitig fühlt es sich an, als wäre ich erst gestern dort gewesen. Es war absolute Vertrautheit, das Gefühl, ein Stück weit nach Hause zu kommen, zurück in dieses Leben zu blicken. Und das war schön, aber da kamen dann auch Nostalgie und ein bisschen Trauer dazu.

Als wir angekommen sind, hast du deinen alten Trainer getroffen, Olaf Kawald. Er sagte: "Ich habe noch was für dich …" und hat dir eine Medaille überreicht.

Das war meine letzte Medaille! Ich habe vor genau einem Jahr mein letztes Turnier gefochten. Die deutschen Meisterschaften, bei den Finals. Es war mein letztes Gefecht, und es war auch nur ein Team-Gefecht. Dormagen gegen Künzelsau, wir trainieren zusammen in einer Trainingsgruppe. Man kennt sich in- und auswendig. Das war natürlich hoch emotional für mich. Ich habe grottig gefochten, wurde dann auch ausgewechselt. Das war nicht schlimm, die anderen haben das super gemacht und wir haben das Ding gewonnen. Aber es gab zu wenige Medaillen, wir haben sie nur für die Siegerehrung bekommen und mussten sie danach wieder abgeben. Später wurden die Medaillen zum Verein geschickt. Aber ich habe nach meinem Karriereende einen Cut gemacht und konnte auch erst mal nicht in diese Halle. Ich brauchte räumlichen Abstand vom Fechten, um zu verdauen, dass ich raus bin. Dass Olaf mir die Medaille gegeben hat, dazu die Fotoproduktion, das war ein Full Circle Moment. Ich habe ein paar Tränen verdrückt, weil ich mich auch so in diese Zeit zurückversetzt gefühlt habe.

Foto: Paula Simon

Du hast 14 Jahre in Köln und Dormagen gelebt. Wie kann man sich den Alltag einer jüngeren Léa Krüger vorstellen, die noch im Fechtkader ist?

Ich bin jeden Morgen zur ersten Trainingseinheit von Köln nach Dormagen gefahren. Meist habe ich im Auto gefrühstückt. Das war das Training mit der Spitzengruppe, viel Arbeit mit dem Säbel oder auch mal eine Athletikeinheit – und dann ging es schon wieder zurück, damit ich um 12 Uhr in der Uni sitzen konnte. Danach ging es an den Schreibtisch, und um 18 Uhr haben wir wieder in Dormagen trainiert. Eine Zeit lang konnten wir auch am Stützpunkt zu Abend essen, das ist dann leider wieder eingestellt worden aufgrund von mangelnden Geldern. Die Alternative war dann oft ein Shake, was nicht wirklich gut für die Regeneration ist. Danach ging es nach Hause. Das war viel Zeit auf der Straße, aber trotzdem war es das wert. Ich wollte das so. Und habe es gefeiert.

Du hattest im Vorfeld der Finals angekündigt, dass es dein letzter Wettkampf sein wird. Was hat dich zu der Entscheidung bewogen?

Leistungssport ist etwas, was man nur machen kann, wenn man zu 1000 % dabei ist. Wenn man es will, dafür brennt und weiß, warum man es tut. Ich habe eine wunderschöne Karriere gehabt, ein sehr besonderes Leben, obwohl ich es nie zu den Olympischen Spielen geschafft und keine große Medaille gewonnen habe. Natürlich habe ich mich immer hinterfragt. Bemisst sich mein eigener Wert an den Medaillen? In den drei Jahren vor meinem Rücktritt habe ich sehr an diesem Selbstwertgefühl gearbeitet. Auch im Zuge einer mentalen Erkrankung. Ich bin an Bulimie erkrankt, einer Essstörung, und habe es geschafft, mich da rauszukämpfen. Ich habe in der Zeit aber gemerkt, dass ich vielleicht keine Ausnahme-Spitzenfechterin sein werde, die regelmäßig große Medaillen gewinnt. Ich habe festgestellt: Vielleicht ist mein Leistungslimit erreicht. Ich bin nicht mehr bereit, diese ganzen Linien und Grenzen zu überschreiten, die man überschreiten muss, um noch weiter nach oben zu kommen.

Foto: Paula Simon

Du hast gemerkt, dass du nicht mehr zu einhundert Prozent dabei bist?

Irgendwann kam die Frage: “Wofür mache ich es noch?” Und die ehrliche Antwort wäre gewesen, dass ich die Routinen und die Sichtbarkeit gerne weiter gehabt hätte, weil es sehr cool ist, mit so einer riesigen Fechttasche durch die Welt zu fliegen, in Nationalmannschaftsklamotten rumzulaufen und Anerkennung dafür zu bekommen. Aber ich habe gemerkt, dass ich alles erreicht habe, was ich persönlich erreichen konnte. Ich war bei Weltmeisterschaften, ich habe viele Europameisterschaften gefochten. Ich bin mehrfach deutsche Meisterin mit dem Team geworden. Ich bin im Einzel deutsche Vizemeisterin geworden, während meiner Bulimie. Und als mir das klar geworden ist, habe ich gemerkt: Gut, dann war's das jetzt. Alles, was jetzt noch gekommen wäre, wäre so ein Zögern gewesen, ein krampfhaftes Festhalten an diesem Leben, und das wollte ich nicht. Ich habe gemerkt: Es ist gut, es reicht jetzt.

Du warst auch verletzt, richtig?

Ich habe zwei Jahre lang mit der Bulimie gekämpft und war mangelernährt. Nachdem ich mich zurückgekämpft hatte, war ich auf einem sehr guten Weg und wurde wieder für die Nationalmannschaft nominiert. Mein Trainer hat mich mit nach Belgien genommen, zum letzten Turnier der Olympia-Qualifikation. Und ich sollte wieder im Team fechten. Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Aber im zweiten oder dritten Gefecht bin ich auf der Bahn ausgerutscht. Es war ein Ausfallschritt und ich habe sofort gemerkt, dass etwas in meinem Bein kaputt gegangen ist. Ich hatte mir die Hamstring-Sehne am Ansatz abgerissen oder angerissen. Ich weiß es bis heute nicht genau. Aber mir wurde in den Monaten danach klar: Mein Körper ist für den Hochleistungssport nicht mehr gemacht.

Foto: Paula Simon

Hast du die Entscheidung vor allem mit dir selbst ausgemacht?

Es gab Leute, die mich begleitet haben. Also ich mache grundsätzlich sehr viel mit mir selber aus, aber ich habe auch außerhalb des Fechtsports sehr enge und sehr gute Freunde, mit denen ich darüber sprechen kann. Und natürlich habe ich auch mit meinen Therapeuten daran gearbeitet.

Wer oder was hat dich dazu bewegt, eine Therapie zu machen? Kam der Impuls aus deinem sportlichen Umfeld oder von deinen Freund*innen?

Ich habe einen Tritt von außen gebraucht. Er kam von meinem besten Freund. Er hat mitbekommen, was passiert, und mir gesagt: Das ist kein normales Verhalten. Für mich war das aber normal. Ich dachte, das bisschen Übergeben ist okay, ich habe alles unter Kontrolle. Aber er war dann irgendwann so: “Ich kann das nicht mehr. Ich will, dass du dir Hilfe holst.” Er hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt. Und dann hatte ich sehr viel Glück, weil ich recht schnell einen Therapieplatz bekommen habe. Und dann saß ich in meiner ersten Therapiestunde und dachte, ich nehme jetzt anderen den Platz weg, die viel schlimmer dran sind. Aber der Therapeut hat eine atypische Form der Bulimie diagnostiziert. Und ich dachte: Moment mal, was? Ich habe doch keine Essstörung.

Wann ist dir klar geworden, dass es eine ist?

Ich wollte von ihm wissen, was die Definition von Bulimie ist. Ich brauchte etwas Greifbares. Bei mir war es nicht unbedingt an Essen gekoppelt, sondern auch an Emotionen. Bulimie ist eine Sucht. Das habe ich irgendwann verstanden. Ich war süchtig danach, Gefühle wegzumachen, die ich nicht fühlen wollte. Die Kontrolle darüber zu behalten. Diese kam durch das Übergeben zurück. Ja, und dann haben wir angefangen, miteinander zu arbeiten, das lief dann zum Glück ganz gut.

Hattest du das Gefühl, dass dein sportliches Umfeld ausreichend verstanden hat, dass du Hilfe brauchst?

Nein.

Denkst du, dass – wenn das Thema mentale Gesundheit schon einen größeren Stellenwert eingenommen hätte im Hochleistungssport – die Unterstützung größer hätte sein können?

Ja. Mein sportliches Umfeld war damals überfordert. Es gibt nach wie vor dieses riesengroße Tabu, auch außerhalb vom Spitzensport. Niemand weiß: Wie geht man mit jemandem um, der eine Essstörung hat. Das fällt selbst mir schwer. Es ist ein super persönliches, sensibles Thema und wirkt sich bei jedem anders aus. Man hat gesehen, dass es mir schlecht ging. Ich war super dünn, ich konnte meine Leistung nicht mehr bringen auf der Bahn. Aber ich habe versucht, es mit Strahlen und Positivität zu überdecken. Als ich meinem Trainer von der Krankheit erzählt habe, hat er menschlich sehr schön reagiert, hat mich in den Arm genommen und gesagt: “Hey Léa, wir schaffen das zusammen, nimm dir Zeit. Ich nehm dich erst mal aus dem Team.” Er wollte mich schützen.

Hat dir das geholfen?

Seine Reaktion beschreibt den Kern des Problems. Als Trainer muss er das bestmögliche Team zusammenstellen. Und um mentale Erkrankungen herrscht sehr viel Unwissenheit. Wenn jemand an einem Muskelfaserriss leidet, weiß man: Das dauert vier bis acht Wochen. Aber mentale Erkrankungen sind anders: Es gibt keinen Behandlungsplan. Man weiß nicht, wie lange es dauert. Aber der Trainer hat Druck, Leistung zu bringen für den Verband, damit der Verband Gelder bekommt. Es geht die ganze Zeit nur um dieses Geld, um Leistungsdruck, um Erfolg. Das ist Leistungssport, das ist das System, sonst würde es nicht funktionieren.

Foto: Paula Simon

Was müsste man ändern?

Wir müssen frühzeitig und ordentlich darüber aufklären, dass es diese Erkrankungen gibt. Wir müssen das Betreuungspersonal schulen. Wir müssen unabhängige Anlaufstellen schaffen, nicht nur für die Athleten, auch für die Teams. Ich glaube, dann ist schon sehr viel erreicht, aber das gibt es in der Form noch nicht. Insbesondere in der Trainerausbildung müsste es dringend präsent werden. Das passiert nicht. Es ist natürlich nicht die Aufgabe von einem Trainer oder dem Umfeld, den Athleten wieder gesund zu machen. Aber es ist die Aufgabe, auch für sich selbst Unterstützung zu holen und dann gemeinsam mit dem Athleten zu gucken, was das Beste ist.

Also vor allem die Signale frühzeitig erkennen, um direkt Hilfe anzubieten und die ausgewachsene Erkrankung gar nicht erst entstehen zu lassen?

Es wäre auch toll, wenn Sportpsychologie selbstverständlich wird. Wenn es normal ist, zu einem Sportpsychologen zu gehen, so wie zu einem Physiotherapeuten. Da geh ich ja auch nicht immer nur hin, wenn ich eine Verletzung habe. Auch die mentale Gesundheit muss präventiv gepflegt werden.

Sollten Sportpsychologie und Physiotherapie den gleichen Stellenwert einnehmen?

Auf jeden Fall. Es müsste in jedem Stützpunkt einen Sportpsychologen geben. Dass der Leistungssport nicht gesund ist, wissen wir. Aber Athleten sind Menschen und müssen auch so behandelt werden. Für die meisten Verbände ist das Thema der mentalen Gesundheit jedoch nicht wichtig genug, um hier Strukturen zu schaffen und Geld reinzustecken. Vereine und Verbände sind chronisch unterfinanziert, überall. Es gibt kein Geld für gar nichts. Da könnte man jetzt wieder sagen, der Bund muss mehr Geld geben und die mentale Gesundheit stärker finanziell fördern. Macht er aber nicht. Es gibt halt nur einen Topf, den die Verbände dann verteilen.

Gibt es eigentlich verpflichtende mentale Check-ins für Kaderathlet*innen?

Eigentlich sollte jeder Verband einen Sportpsychologen haben. Das war sogar mal DOSB-Voraussetzung. Dann wurde die Verantwortung wieder an die Verbände abgegeben, jetzt darf jeder für sich entscheiden. Beim Fechterbund gibt es einen Sportpsychologen. Aber einige Verbände setzen es nicht um oder möchten kein Geld dafür in die Hand nehmen.

Ich bin gegen verpflichtende Check-ins, die man ja sonst locker an die sportmedizinische Untersuchung anhängen könnte. Weil sie nicht unabhängig sind – und weil man nicht weiß, ob es einem am Ende nicht doch zum Nachteil wird, wenn ich ein bestimmtes Kästchen auf dem Fragebogen ankreuze und darüber vielleicht meinen Kaderstatus verliere. Athleten sollten geschützt werden, aber es muss unabhängig laufen.

Inwiefern wirkt sich eine mentale Erkrankung auf den Kaderstatus aus?

Es kommt darauf an. Manche erbringen ja weiterhin ihre sportlichen Leistungen. Aber wenn es nicht mehr geht, dann wird man aus dem Team genommen. Bei einer mentalen Erkrankung gibt es keine klaren Regularien. Das ändert sich gerade – aber langsam. De facto gibt es aber keine finanziellen Auffangstrukturen für Athletinnen und Athleten, die an einer mentalen Erkrankung leiden. Mit einer neuen kleinen Ausnahme: Die deutsche Sporthilfe hat den #comebackstronger-Fonds. Darauf kann man zurückgreifen, wenn man eine körperliche Verletzung hat und Gefahr läuft, aus dem Kader zu fliegen. Der Fonds wurde dieses Jahr für mentale Gesundheit geöffnet.

Hast du daran mitgewirkt?

Vielleicht habe ich einen Impuls geben können (sie lacht). Aber der Fonds ist leider nur für absolute Top-Athleten, die im WM-Kader oder im Olympiakader stehen. Das heißt, ich hätte nicht darauf zurückgreifen können.

Hier kommen die Spotlights – die News aus der Welt des Sports der Frauen, die uns in dieser Woche bewegt haben. Danach geht das Interview postwendend weiter.

SPOTLIGHTS

Zeichen setzen A-WM? Ohne uns. Österreichs Nationalspielerinnen haben genug vom Umgang des Österreichischen Eishockeyverbands (ÖEHV) mit dem Frauen-Nationalteam. Kapitänin Anna Meixner sagte der österreichischen Kronen Zeitung: “Unter dieser Führung und diesen Bedingungen werden wir nicht mehr für Österreich spielen.” Wenn sich nichts ändere, sei sie bereit, auf die A-WM im November zu verzichten, “damit es der nächsten Generation besser geht.” Weitere Leistungsträgerinnen taten es ihr gleich. Sie fordern professionelle Betreuung, bessere Trainingsbedingungen und Unterkünfte und respektvolle Kommunikation, fixe finanzielle Rahmenbedinungen. The bare minimum, könnte man meinen. Inzwischen ist der Konflikt weiter eskaliert. Bei einem Vorbereitungscamp in der Slowakei fehlten mehrere Stammspielerinnen, weitere wurden gar nicht erst nominiert. Sportlich könnte der Zeitpunkt kaum absurder sein: Österreich hat gerade den größten Erfolg in der Geschichte des Frauen-Eishockeys im Land gefeiert und sich erstmals für die Top-Division qualifiziert. Die A-WM findet vom 6. bis 16. November in Dänemark statt – auch Deutschland ist dabei. Der Verband erklärte, er nehme die Anliegen der Spielerinnen “sehr ernst” und arbeite an Lösungen. Von 2027 an solle ein neues Vergütungs- und Entschädigungsmodell für alle Nationalteams gelten. Das gemeinsame Ziel bleibe eine erfolgreiche Teilnahme an der A-WM. Schöne, leere Worte, finden wir – auf die hoffentlich gehaltvolle Taten folgen.

Power. Grace. Rhythm. Unter diesem Motto standen die in der vergangenen Woche ausgetragenen Weltmeisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) in der Festhalle in Frankfurt am Main. Und was sollen wir sagen: Es war ein Fest! Und was für eins. Im Mittelpunkt stand, natürlich, Darja Varfolomeev. Sie ist die erste Deutsche, die jemals bei den Olympischen Spielen Gold im Einzelmehrkampf gewann, lieferte auch bei der Heim-WM eine grandiose Show – und krönte sich mit drei goldenen und einer Bronzemedaille. Dabei sah es zunächst so aus, als könnte der Druck der Heim-WM doch zu übermächtig sein. Varfolomeev patzte am Reifen, kämpfte sich aber eindrucksvoll zurück und gewann am Ende den Mehrkampf. Angesprochen darauf, was sie von dieser Heim-WM mitnehme und was ihr in Erinnerung bleiben werde, antwortete sie im Sportschau-Interview schlicht: „Alles!“ Dem haben wir nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass wir wirklich beeindruckt waren von der RSG-Community – an den Finaltagen war die Frankfurter Festhalle, die 4.000 Sitzplätze umfasst, restlos ausverkauft.

Zeitenwende Es gibt Momente im Sport, die sich rückblickend als Ausgangspunkt für herausragende Entwicklungen und spätere Erfolge herausstellen. Die Leichtathletik-WM 2023 in Budapest kann als ein solcher gelten. Team Deutschland holte damals keine einzige Medaille. Und jetzt, nur drei Jahre später, folgte ein wahrer Medaillenregen bei der EM in Birmingham. 21 Medaillen holten die deutschen Leichtathlet*innen. Gekrönt von Gesa Krauses geschichtsträchtigem dritten EM-Titel über 3.000 Meter Hindernis waren Yemisi Mabry mit Bronze im Kugelstoßen, Olivia Gürth mit Bronze über 3.000 Meter Hindernis, Shanice Craft mit Silber im Diskuswurf, Rebekka Haase und Gina Lückenkemper mit Silber in der 4×100-Meter-Mixed-Staffel sowie Julia Ulbricht mit Silber im Speerwurf erfolgreich. Vor allem die Silbermedaille von Julia Ulbricht hat uns berührt: Nach einer Verletzung wurde sie nicht mehr für den Bundeskader nominiert. “Ich habe jedes Jahr eine Kader-Norm gejagt und sie nicht geschafft”, zitiert sie die Welt. “Deswegen war ich schon oft an dem Punkt, wo ich mich gefragt habe, ob ich es einfach sein lasse.” Wie gut, dass sie es nicht getan hat.

Lieben wir Für alle Millennials und Sporty Spices hier im Raum die vielleicht schönste Randnotiz dieser Tage – wir haben über The Rise of Women’s Football davon gehört: Mel C wird in der kommenden Saison Trikotsponsorin des Frauenteams von Sheffield FC. Ein Teil der Einnahmen aus dem Shirt-Verkauf fließt direkt ins Team und in den Breitensport. Das finden wir fantastisch. Bleibt nur eine Frage: Wie kommen wir an das Shirt?

Foto: Paula Simon

“Ich habe gemerkt, dass ich etwas bewirken kann, wenn ich mich einsetze.”

Hier kommt der zweite Teil des Interviews mit Léa Krüger. Es geht um ihre zweite sportliche Karriere, um Gefühle in Zoom-Calls – und um die Ziele ihrer Initiative “Mehr als Muskeln.”

Du hast dich schon früh sportpolitisch engagiert. Woher kam das Interesse?

Max Hartung, der Gründer von Athleten Deutschland, hat sich schon früh für Athletenrechte eingesetzt – ich war damals noch viel zu jung und dachte nur: “Was macht der Junge da, mit seiner Politik?” Ein paar Jahre später wurde ich dann selbst gefragt, ob ich Athletenvertreterin beim Deutschen Fechter-Bund werden will, und irgendwann hat mir das so viel Spaß gemacht, dass Max mich ermutigt hat, mich auch bei Athleten Deutschland aufstellen zu lassen. Seine Worte – “Mach das mal!” – waren der Startschuss und sind ein bisschen zu meinem Mantra geworden. Den endgültigen Turning Point brachte dann der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine: Als russische Fechter trotzdem wieder zu Wettkämpfen zugelassen wurden, habe ich mit anderen Athletinnen und Athleten einen offenen Brief an das IOC und unseren Weltverband organisiert, der am Ende von rund 300 Menschen unterschrieben wurde. In dem Moment habe ich gemerkt, dass ich vielleicht nie diese große Ausnahmefechterin sein werde, aber dass ich etwas bewirken kann, wenn ich mich einsetze. Und dass wir Athletinnen und Athleten eine Stimme haben.

Ist "Mehr als Muskeln", die Initiative, die du 2024 ins Leben gerufen hast, ebenfalls in dem Selbstverständnis entstanden?

“Mehr als Muskeln” ist eher aus der Bulimie heraus entstanden, weil ich in diesen zwei Jahren, in denen ich selber erkrankt war, viele andere Athletinnen und Athleten kennengelernt habe, denen es ebenfalls nicht gut ging. Aber keiner konnte wirklich offen sprechen. Und dann habe ich Ben Ellermann kennengelernt. Er saß auf einem Podium, ich im Publikum. So ein bärtiger, muskelbepackter Rugbyspieler. Und er sitzt da und redet offen über seine depressiven Phasen. Nach der Podiumsdiskussion bin ich zu ihm hin und meinte: “Wir zwei müssen hier mal kurz sprechen.” Und dann haben wir etwas später “Mehr als Muskeln” ins Leben gerufen.

Was ist euer Ziel?

Wir wollen Sichtbarkeit schaffen und unsere eigenen Geschichten nutzen. Wir möchten Athletinnen und Athleten stärken, uns gegenseitig unterstützen. Und wir wollen die Überforderung, die ich anfangs angesprochen habe, nehmen, um Tabus aufzubrechen. Das Ziel: Mentale Gesundheit muss genauso behandelt werden wie die körperliche. Dafür brauchen wir die richtigen Strukturen sowie finanzielle und soziale Absicherung. Zunächst einmal wollten wir aber Raum für Austausch bieten. Wir haben einen geschlossenen “Safe Space” geschaffen. Mit Zoom-Calls, mit denen wir 2024, unterstützt von Athleten Deutschland, angefangen haben, die wir anbieten und an denen schon über 200 Athletinnen und Athleten teilgenommen haben.

Foto: Paula Simon

Wie kann ich mir das vorstellen? Eine Zoom-Konferenz erscheint mir erst einmal nicht unbedingt wie ein Ort, an dem man sich öffnet.

Ja, es ist überraschend, wie gut das funktioniert. Vielleicht auch, weil es recht niedrigschwellig ist. Du musst die Kamera nicht anmachen. Du kannst etwas sagen, aber du musst nicht. Und wir haben auch immer einen Therapeuten dabei. Beim letzten Zoom-Call war außerdem Benedikt Höwedes mit dabei, der Fußballspieler, da ging es um das, was während eines sportlichen Höhepunktes und danach passiert. Er hat viel von der WM 2014 erzählt. Und wenn du dann jemanden hast, der anfängt zu erzählen, dann ist es erstaunlich, was alles geteilt wird. Und man denkt so oft, man ist allein damit, aber man ist nicht allein damit. 

Nachdem du deine Karriere beendet hast, hast du den Abschied mit Liebeskummer verglichen. Wie bist du auf den Vergleich gekommen?

Es ist Liebeskummer, und ich habe in diesem Jahr alle Phasen des Liebeskummers durchlebt. Du trennst dich von etwas, was du geliebt hast, was dir wahnsinnig viel gegeben hat. Es ist wie eine Beziehung mit Höhen und Tiefen, in der man sich immer wieder die Frage stellt: Wie geht es weiter, lohnt sich das alles, wohin gehen wir gemeinsam, der Sport und ich. Und irgendwann kam eben der Punkt, an dem man sich auseinandergelebt hat. Sich von etwas zu trennen, was man liebt, ist hart. Und dann kommt die große Frage: Wer bin ich ohne Sport? Diese ganze Zeit, dieser Austausch, dieses Unmittelbare, das ist weg. Das ist ein Verlust. Dann rennt man los und macht andere Sachen und ballert sich das Leben voll, weil man ja jetzt “Zeit hat”. Und irgendwann kommt der Moment, in dem man es realisiert. Das tut dann nur noch weh. Weil man weiß: Es gibt kein Zurück.

Du warst gerade bei der Fecht-WM in Hongkong. Wie hat sich das angefühlt?

Ich hatte Respekt davor, weil ich nicht wusste, wie es wird, wenn ich die anderen auf der Bahn fechten sehe. Und ich stand dort und habe begriffen: Ja, ich bin traurig, aber es ist eher eine versöhnte Traurigkeit und vor allen Dingen auch Akzeptanz und ein Stück weit einfach Anerkennung für das Leben, was ich damals hatte. Und ich weiß nach dieser Woche auch ganz genau, dass ich auf der Fechtbahn nichts mehr zu tun habe. Ich bin genau da, wo ich jetzt auch sein sollte.

Unser Newsletter heißt ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Wer hat dich auf deinem Weg begleitet?

Definitiv meine Mutter – es fiel ihr als Alleinerziehende schwer, mich damals ausziehen zu lassen, aber sie hat mich einfach machen lassen. Dann Olaf, mein Trainer: Ohne ihn wäre ich damals nicht nach Dormagen gegangen. Auch das Umfeld dort, dazu gehören die Damen- und Herrensäbel-Nationalmannschaften, aber auch die Trainingsgruppe, die mich willkommen geheißen hat und deren Fechterinnen heute zu meinen engsten Freundinnen gehören. Und dann noch mal ganz besonders mein bester Freund, der mich aus diesem ganzen Leistungsdenken rausgeholt hat – ohne ihn würde ich heute nicht hier sitzen, glaube ich. Und hätte Max Hartung mir damals nicht gesagt “Mach das mal!“, dann wäre ich auch nicht hier.

Foto: Paula Simon

Katalina Farkas hat Léa im Juli in Dormagen getroffen, und das Interview im Anschluss per Video-Call geführt. Sie hätte noch stundenlang weiterfragen können – und könnte sich gut vorstellen, das Gespräch hier irgendwann noch einmal fortzusetzen. Hier findet ihr mehr Informationen zu Léas Initiative “Mehr als Muskeln”. Redaktion und Lektorat: Katalina Farkas, Nicole McDermott, Aron Farkas. Fotos: Paula Simon. Gestaltung: Anna Kraus

ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Profisportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über jegliche Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]

Unser nächster Newsletter erscheint am Donnerstag, den 3. September. Es geht – ihr könnt es euch vielleicht schon denken – um die anstehende Basketball-WM!