
Schön, dass du dabei bist!
Das hier ist unser zehnter Newsletter – und das macht uns wirklich stolz. Denn hier und auf unserem Instagram-Kanal lesen mittlerweile mehr als 1000 Menschen mit.
Das freut uns riesig. Klar, wir wollen noch viel größer werden – und trotzdem: Wir nehmen es nicht für selbstverständlich, wie viele Menschen ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN unterstützen, unsere Mission teilen, uns beraten, mit uns planen und uns wertschätzende Nachrichten oder Kommentare schicken.
Keine Sorge, es geht hier nicht um uns, diese Plattform ist für euch – all jene, die sich mehr Sichtbarkeit für den Sport der Frauen wünschen. Für Basketball, Fechten, Fußball und Handball, für Eishockey, Radsport und Triathlon. Die Liste ist endlos – und wir sind froh, sie mit euch weiterschreiben zu dürfen.
Also: Wir freuen uns! Und sind gleichzeitig auch irre dankbar für das Vertrauen, das uns unsere ersten Interviewpartnerinnen entgegengebracht haben.
Und jetzt zum Sport
In dieser Ausgabe ist es Laura Philipp, die sich Zeit für uns genommen hat, bevor sie sich am vergangenen Wochenende mit einer furiosen Aufholjagd in Hamburg zur Ironman-Vize-Europameisterin gekürt hat. Nachdem sie das Radrennen mit acht Minuten Rückstand auf die Norwegerin Solveig Løvseth beendete, konnte sie diese im anschließenden Marathon fast noch einholen und ist mit einer Gesamtzeit von 8:12:29 Stunden ins Ziel gelaufen.
Auch wenn immer mehr Frauen beim Ironman starten: Die Triathlon-Serie über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen ist immer noch eine Männerdomäne. In diesem Jahr erreichte der Anteil der Frauen beim Hamburger Ironman einen Höchstwert – von überschaubaren 15 Prozent. Das schmälert nicht die Leistung der Athletinnen, die sich bei feinstem norddeutschen Ekelwetter – inklusive Regen und starken Windböen – in Hamburg gemessen haben. Was die Anzahl der Teilnehmerinnen angeht, gilt aber: Da geht noch mehr.
Die Antwort auf die Frage, warum immer noch so wenige Frauen mitschwimmen, mitfahren und mitlaufen, können wir euch heute noch nicht liefern, auch wenn wir ein paar Hot Takes hätten. ERSTE-Autorin Verena Beck arbeitet aber derweil daran, dies zu ändern: Sie trainiert für ihren ersten Wettkampf in der Triathlon-Mitteldistanz. Ein Ironman? Nicht ausgeschlossen.
Projekt: ERSTE
ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, eine Community, eine Mission. Wir wollen ein Magazin auf den Markt bringen, das sich einzig und allein dem Sport der Frauen widmet. Dafür möchten wir euch ein paar Fragen stellen. Unsere Umfrage haben wir im vergangenen Newsletter schon geteilt, sie läuft noch bis zum 30. Juni. Wir würden uns freuen, wenn noch mehr von euch mitmachen.
Unter allen Personen, die an der etwa 3-minütigen Umfrage teilnehmen, verlosen wir ein fantastisches Goodie: Das Trikot der London City Lionesses mit dem TOGETHXR-Aufdruck “Everyone Watches Women's Sports” (Teilnahmebedingungen und Datenschutzhinweise findet ihr hier).
Ansonsten gilt, wie immer: Erzählt von uns. Tragt das Projekt weiter. Spread the love. ERSTE wird man schließlich nicht allein.
Ready, set, go!

Foto: Teamsprint Media
“Wir werden darauf getrimmt, zu funktionieren.”
Laura Philipp, 39, ist eine der erfolgreichsten Triathletinnen ihrer Generation. Und das, obwohl sie erst relativ spät mit dem Leistungssport begonnen hat. Vielleicht ist der späte Einstieg aber auch der Grund, warum Lauras Freude am Sport immer noch währt: Bevor sie sich voll und ganz dem Triathlon gewidmet hat, hat sie eine Berufsausbildung absolviert, gearbeitet, Partys gefeiert, ein Leben ohne den Druck aus dem Leistungssport gelebt – und startet deshalb auch heute, so ihre Worte, immer noch voller Abenteuerlust auf der Langdistanz-Strecke.
Die wiederum – Abenteuerlust hin oder her – fordert dem Körper einiges ab: Weshalb beim Triathlon der Kopf entscheidend ist, welche Tools sich in ihrer mentalen Werkzeugkiste befinden, und warum ein gesunder Zyklus für sie der beste Gradmesser für einen gesunden Körper ist, hat Laura uns im Interview erzählt.
Laura, du hast erst mit 24 Jahren angefangen, Kraulen zu lernen, das ist verhältnismäßig spät. Mit 37 Jahren, 2024, bist du Ironman-Weltmeisterin geworden. Wann hast du zum ersten Mal gedacht: Ich glaube, ich bin wirklich gut in diesem Sport?
Das ist eine schöne Frage, weil sie meine Reise so gut zeigt. Ich bin in den Sport gestartet, ohne jeden Gedanken daran, das mal beruflich machen zu wollen. Es war ein Hobby. Beim ersten Rennen habe ich gemerkt, dass mir der Wettkampf einfach Freude macht, und dass ich mehr davon möchte.
Ich kam immer relativ weit hinten aus dem Wasser, und habe mich dann auf dem Rad und beim Laufen nach vorne gearbeitet. Und irgendwann bin ich bei den Rennen in die Preisgeld-Range gekommen. Im Triathlon bekommst du das Preisgeld aber nur mit einer Profi-Lizenz. Also habe ich mir gedacht: Obwohl ich mich komplett amateurmäßig fühle, muss ich mir wohl so eine Lizenz holen. Und dann habe ich gemerkt: Krass, ich nehme hier gerade wirklich Geld mit nach Hause – mit meinem Hobby.
Und wann ist daraus der Glaube gewachsen, dass du ganz oben stehen könntest?
Den entscheidenden Moment hatte ich eigentlich erst in einer Rennsituation. Ich war beim Laufen auf einmal an einem Punkt, wo ich meine Vorbilder vor mir hatte. Also Frauen, zu denen ich aufgeschaut habe. Und ich habe mich nicht getraut, sie zu überholen. Philipp [ihr Ehemann und Trainer] stand am Streckenrand und hat mir irgendwann zugerufen: Jetzt geh endlich mal vorbei. Ich habe diesen kleinen Tritt gebraucht, um den Mut zu haben, das auch wirklich zu tun.
Das zieht sich durch meine ganze Karriere: Ich habe mentale Barrieren meist erst in dem Moment verschoben, wo ich sie live erlebt habe. Als Quereinsteigerin hatte ich keinen klassischen Leistungssportweg, bei dem man früh auf die großen Ziele hinarbeitet. Bei mir war es oft dieser Überraschungseffekt plötzlich mitten im Duell, und die Erkenntnis: Krass, ich gehöre dazu. Das war erfrischend, weil ich ohne riesige Erwartungen in die Rennen gegangen bin und mich einfach überraschen konnte. Mit den ersten echten Siegen kam dann der Glaube: Ich kann vielleicht sogar mal eine Weltmeisterschaft für mich entscheiden.
Denkst du, dass dir dieser Weg auch etwas gegeben hat, was anderen fehlt?
Es hat Vor- und Nachteile. Der offensichtliche Nachteil: Langjähriges Schwimmtraining als Erwachsene nachzuholen geht fast nicht. Man kann ein gewisses Niveau erreichen – das zeige ich ja auch –, aber wirklich vorne aus dem Wasser zu kommen, wird für mich nicht mehr möglich sein.
Und die Vorteile?
Viele meiner Konkurrentinnen sind seit über 20 Jahren im Leistungssport, weil sie als Kind angefangen haben. Ich habe erst knapp zehn Jahre im Spitzensport auf dem Buckel. Das ist vielleicht vorteilhaft für meine mentale und orthopädische Gesundheit. Ich hatte eine ganz normale Jugend, konnte alle Sachen erleben, auf die andere im Leistungssport immer verzichten mussten. Ich hatte ein Partyleben, ich hatte einen Beruf. Das führt dazu, dass ich mental noch deutlich frischer bin. Mein Trainingsalter ist einfach noch nicht so alt.
Außerdem: Wenn ich jetzt Kinder im Schwimmbad sehe, weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob mir das Freude bereitet hätte, stumpf auf die Linie am Boden zu schauen und 5-Kilometer-Einheiten durchzuziehen. Die Stimmung im Training ist oft nicht kindgerecht, sondern schon sehr leistungsorientiert. Der Hauptantrieb, der mich von Anfang an begleitet hat, war die Freude an der Bewegung. Dazu kam die Neugier: Was brauche ich, um noch besser zu werden? Ich glaube, diese Abenteuerkomponente wäre in einem klassischen System verloren gegangen.

Foto: Teamsprint Media
Triathlon wirkt nach außen brutal physisch. Was bestimmt beim Rennen, was passiert – der Körper oder der Kopf?
Der Kopf ist definitiv im Driver’s Seat. Du brauchst einen ersten Impuls, um deinem Körper zu sagen: Let’s go. Das Anschwimmen am Anfang ist super wichtig, weil das in einer deutlich höheren Intensität passiert als der Rest des Rennens. Gerade beim Ironman, wo man auf seine Pace achtet und nicht überziehen darf. Da muss der Kopf bereit sein, trotzdem hart ins Rennen zu gehen. Wenn man eine schlechte Nacht hatte und das Nervensystem runtergefahren ist, dann zu sagen: Jetzt gebe ich alles. Das ist schwer, das kenne ich aus eigener Erfahrung.
Gilt das umso mehr, je länger die Distanz ist?
Ja. Der mentale Aspekt wird immer wichtiger. Über 100 Meter kann nicht so viel passieren, das Leiden ist kurz. Beim Ironman über acht Stunden musst du wissen, warum du das machst. Du brauchst so eine Art mentale Werkzeugkiste: verschiedene Szenarien im Kopf, Antworten auf die Frage, warum du das wirklich willst. Dann kannst du, egal was kommt, irgendwie damit umgehen.
Was kann denn in so einem langen Rennen alles schiefgehen – und wie gehst du damit um?
Es gibt unendlich viele Krisenmomente. Schon beim Schwimmen: Du verlierst die Füße der vor dir Schwimmenden, schwimmst plötzlich allein. Ich hatte Momente, wo ich aus dem Wasser kam und mir gesagt wurde, ich habe zehn Minuten Rückstand. Dass so eine Information einen dann nicht mental killt, darauf muss man vorbereitet sein. Dann gibt es mechanische Defekte auf dem Rad. Ich habe auch einmal eine Zeitstrafe bekommen, die ich völlig ungerecht fand, musste ins Penalty-Tent, alle fuhren an mir vorbei, und ich wusste: Das Rennen um den Sieg ist gelaufen. Trotzdem habe ich mich von Position 50 noch auf Platz 4 vorgearbeitet. Das ist mehr eine mentale als eine physische Leistung.
Wie schaffst du es, in solchen Momenten weiterzumachen?
Wichtig ist, glaube ich, dass man auf sich vertraut. Egal, was passiert: erst mal durchatmen, kurz neu sortieren: Was ist hier passiert, wie gehe ich damit um? Und dann weiß ich auch: Ich bin um die Welt gereist, um dieses Rennen zu machen. Ich gebe nicht auf, weil noch viel passieren kann. Wenn man diese Grundeinstellung mit ins Rennen nimmt, kann man mit jeder Krise irgendwie umgehen.
Und wenn es wirklich gar nicht läuft?
Dann ist es wichtig, dass man für sich Zwischenziele definiert. Selbst, wenn an diesem einen Tag der Traum nicht in Erfüllung geht. Manchmal ist es eine krasse Errungenschaft, überhaupt das Ziel zu erreichen. Das sind die Momente, wo man nicht nur als Sportlerin etwas erreicht, sondern wo man im Rennen eine Persönlichkeitsentwicklung durchmacht und sich selbst beweist, was man physisch und mental schaffen kann.

Foto: Teamsprint Media
Hast du konkrete Techniken, zu denen du zurückkehrst, wenn es wirklich hart wird?
Ja. Erstens: Negative Gedanken sind für mich immer auch ein Hinweis, meinen Blutzucker zu checken. Wenn man sich zu wenig verpflegt hat, kommen schlechte Gedanken viel schneller. Also erst mal nachschauen, ob die Verpflegungsstrategie eingehalten wurde. Zur Not dann auch mal ein Gel extra nehmen.
Und dann habe ich ein paar ganz simple Wörter, die ich mir in schwierigen Momenten sage. Zum Beispiel: Relax, Laura. Einfach entspannen, bewusst ausatmen. Ich hatte Rennen, wo ich im Nachgang gedacht habe: Habe ich überhaupt ausgeatmet? Es war so intensiv, ich war so angespannt – ich war die ganze Zeit Beifahrerin, nie wirklich Fahrerin. Also: Atme ich richtig? Ein Schritt vor den anderen. Das klingt simpel, aber es hilft, weil du dem Gehirn sagst: Es ist alles unter Kontrolle.
Wie schafft man es, auf einer Langdistanz gute acht Stunden lang positiv zu bleiben?
Ich nutze die Verpflegungsstationen als Reset-Punkte. Ich schließe kleine Verhandlungen mit mir selbst: Mir geht’s gerade total schlecht, aber bis zur nächsten Station versuche ich’s. Ich hatte mal einen Ironman mit Verdauungsproblemen durch den gesamten Marathon, wollte nicht anhalten, weil es Zeit kostet. Also hab ich mir immer nur gesagt: Das nächste Dixi-Klo. Immer nur das nächste. Am Ende habe ich keinen Stopp eingelegt und bin sogar schnell gelaufen – vermutlich, weil ich so schnell wie möglich ins Ziel wollte, um aufs Klo gehen zu können. Aber es zeigt: Sich selbst ein bisschen auszutricksen hilft extrem.
Nach den Spotlights geht es weiter. Laura erklärt, warum sie ihren Zyklus als Geschenk empfindet und wie er sich auf ihr Training auswirkt.
SPOTLIGHTS
Soccer Moms Es geht eben doch. Die US-amerikanische NWSL zeigt der Fußballwelt schon länger, wie moderne Vereinbarkeit von Muttersein und Profifußball gelebt wird. Mit 28 aktiven Müttern feiert die Liga in dieser Saison einen historischen Höchstwert. Das Erfolgsrezept ist, nun ja, eigentlich sehr simpel: In den USA erhalten die Spielerinnen unter anderem sechs Monate voll bezahlten Mutterschutz, medizinische Betreuung und eine vom Verein organisierte Kinderbetreuung. Klingt nach Mindeststandards, scheint für andere Ligen trotzdem immer noch unerreichbar zu sein. Frauen-Bundesliga – we’re looking at you!
Podiums-Party 30 Sekunden. So winzig war am Ende der Abstand zwischen Antonia Niedermaier und dem ganz großen Triumph beim Giro d’Italia. Die 23-Jährige ist sensationell auf Platz zwei gefahren. Damit feierte sie das beste Ergebnis ihrer Karriere bei einer großen Rundfahrt und brach nebenbei einen 13-jährigen Bann: Sie ist die erste Deutsche seit Claudia Lichtenberg auf dem Giro-Podest.
Gipfelstürmerinnen Die deutschen Frauen haben bei der Berglauf- und Trailrunning-EM in Slowenien abgeräumt. Viermal Gold, einmal Silber und einmal Bronze gehen auf das Konto des Teams. Neben den Julia Ehrle, Gloria Herold und Laura Hottenrott machte Hanna Gröber beim Up & Down das Rennen ihres Lebens und wurde Europameisterin. Ihre Botschaft nach dem Gold-Lauf: "Ich war in der Jugend keine große Nummer. Aber ich bin drangeblieben, habe mich jedes Jahr verbessert und jetzt hat sich das alles so toll ausgezahlt.”
Königliche Woche Paris war schon immer ein Disney-Sehnsuchtsort, jetzt haben die French Open ihre ganz eigene Cinderella-Story geschrieben. Maja Chwalińska, die vor dem Turnier trotz Weltranglistenplatz 114 nicht einmal über einen Outfit-Sponsor verfügte, spielte sich über die Quali sensationell bis ins Finale (und auf den 21. Weltranglistenplatz). Beeindruckend ist das auch aufgrund ihrer Vergangenheit: Nach einer depressiven Phase im Jahr 2021, in der sich Chwalińska laut eigenen Angaben “völlig leblos” fühlte, hat sich die 24-Jährige zurück ins Leben und jetzt sogar bis in die Weltspitze gekämpft.

Foto: Teamsprint Media
“Ich sehe meinen Zyklus als Geschenk.”
Hier kommt der zweite Teil des Interviews mit Ironman-Ikone Laura Philipp. Es geht (wir erwähnten es ja schon), um den weiblichen Zyklus als Trainings-Tool, und um die positiven Effekte von Offenheit – und um die Partner*innen, die Laura auf ihrem Weg begleitet haben.
Du arbeitest sehr eng mit deinem Mann Philipp zusammen, der auch dein Trainer ist. Ihr habt in der Szene Themen populär gemacht, die vorher kaum diskutiert wurden – zyklusbasiertes Training zum Beispiel. Wie kam das?
Zyklusbasiertes Training war für Philipp als Sportwissenschaftler komplettes Neuland, weil es schlicht nicht gelehrt wurde. Alle Trainer, die Athletinnen betreuten, hatten eigentlich kein Wissen darüber, dass man Frauen hier und da anders trainieren sollte als Männer. Ich habe in der Vergangenheit dasselbe gemacht wie die Männer. Heute mache ich vieles noch genauso, aber eben nicht alles. Der größte Unterschied ist, dass ich über meinen Zyklus Variationen einbaue. Männer können oft immer dieselben Einheiten wiederholen. Ich nicht.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Der Austausch mit Philipp ist entscheidend. Er sagt zum Beispiel: Du bist gerade in der zweiten Zyklushälfte, es kann sein, dass dir diese Einheit schwerer fällt. Dann schieben wir auch mal eine Intervalleinheit auf den Zeitpunkt nach der Periode – da weiß ich, dass ich mich sowohl mental als auch physisch stärker fühle. Diese Anpassung hat mir eine viel bessere Verbindung zu meinem Körper gegeben. Und gleichzeitig weniger mentale Krisen, weil ich jetzt Erklärungen habe für Momente, die sich früher einfach seltsam angefühlt haben.
Wie sind die Reaktionen auf diese Offenheit?
Was ich persönlich erlebe: Weil ich offen damit umgehe, ist es für mein Gegenüber viel einfacher, es auch zu sein. Für Philipp war es im ersten Moment sogar überraschend – plötzlich kamen viel mehr Athletinnen auf ihn zu, weil sie wussten, da gibt es keine Hemmschwelle. Er hat mir erzählt, dass Frauen aus dem Bekanntenkreis auf ihn zugekommen sind und gesagt haben: Ich habe das mit meinem Partner noch nie besprochen, aber ich bespreche das gerade mit dir.
Tut man sich im Sport immer noch schwer damit, über Themen wie den weiblichen Zyklus und die eigene Periode zu sprechen?
Im Sport ist es stellenweise noch sensibel, weil wir darauf getrimmt werden, zu funktionieren, und es als Eingestehen von Schwäche gilt, wenn man an ein paar Tagen nicht ganz so gut funktioniert. Dabei ist das Gegenteil wahr. Ich sehe meinen Zyklus als Geschenk. Er ist mein monatlicher Gesundheitscheck: Wenn ich zu viel trainiere oder mich schlecht versorge, sehe ich es direkt. Er ist ein Tool. Und ich kann nur jeder Frau empfehlen, ihn als solches zu nutzen. Sich zu hinterfragen, ob man seinen Körper gerade überfordert oder ihm genug Ruhe gibt, sich gut versorgt. Seitdem ich das verstanden habe, sehe ich gar keinen Grund mehr, es als Tabuthema zu behandeln. Ich hatte auch lustige Erlebnisse bei Wettkämpfen, wo Frauen auf mich zugekommen sind und gefragt haben: In welcher Zyklushälfte bist du gerade?
Du hast konkret gemerkt, was das für deinen Sport bedeutet?
Im Leistungssport und auch im ambitionierten Hobbysport ist es nicht selbstverständlich, dass man einen funktionierenden Zyklus hat. Sehr viel Training ist gleichbedeutend mit sehr viel Stress für den Körper. Wenn eine Sportlerin einen funktionierenden Zyklus hat, ist es das beste Zeichen dafür, dass man im Gleichgewicht ist und den Sport langfristig gesund betreiben kann.

Foto: Teamsprint Media
Gibt es im Triathlon Themen, über die immer noch nicht gesprochen wird?
Triathlon ist da eigentlich vorbildlich und fortschrittlich. Das Thema Gewicht wird offen diskutiert, und das liegt auch daran, dass wir sehr unterschiedliche Athletentypen haben, die erfolgreich sind. Im Laufen sind es oft die sehr Dünnen. Im Triathlon ist dünn sein nicht unbedingt das Erfolgsrezept. Es geht darum, stark zu sein und gesund zu sein. Wir sehen gerade Athletinnen wie Kat Matthews oder Solveig Løvseth, die in der Außenwahrnehmung vielleicht nicht dem klassischen Ausdauersportlerinnen-Bild entsprechen – und trotzdem die Besten der Welt sind. Das finde ich so cool, dass wir verschiedene Körpertypen haben, die alle zeigen, dass es möglich ist, schnell zu sein.
Wo siehst du noch Nachholbedarf?
Bei der Sichtbarkeit der Frauen. Wir waren auf einem sehr guten Weg mit den geteilten World Championships. Ein eigener Tag, an dem alle Medien gezwungen waren, nur über die Frauen zu berichten. Das war ein Riesenschritt. Jetzt geht es zurück zum gemeinsamen Format, und Ironman verspricht 50/50 Coverage. Ich bin gespannt und skeptisch zugleich. Ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, als Erste die Ziellinie zu überqueren. Das hast du als Frau nicht, wenn die Männer vorneweg starten. Wenn es blöd läuft, laufen mit dir in dem Moment noch drei Männer ins Ziel, die dich absprinten, weil sie nicht von einer Frau überholt werden wollen. Da entstehen Bilder, die einfach nicht so schön sind. Ich will mich aber nicht beschweren. Ich will durch Performance und Unterhaltung zeigen, dass wir es wert sind. Die Zahlen belegen es schon: Als die Rennen noch separiert waren, wurde das Frauenrennen genauso oft angeschaut wie das der Männer. Das ist die Währung, die zählt.
Was ist schwieriger: einen Titel anzugreifen oder ihn zu verteidigen?
Verteidigen ist schwieriger. Wenn du Titelverteidigerin bist, hast du die Zielscheibe auf dem Rücken. Die anderen wissen, wie deine Strategie war, die zum Sieg geführt hat. Du hast gezeigt, wie du es gemacht hast, und musst dir jetzt viel mehr Raffinesse einfallen lassen, um sie wieder zu überraschen. Davor warst du selbst eine der Jägerinnen und konntest noch hier und da einen versteckten Move machen. Das fällt weg.
Unser Newsletter heißt ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Du bist Einzelsportlerin – gilt das trotzdem?
Absolut. Ich würde anfangen bei meinen Eltern. Ich bin so aufgewachsen, dass ich nie das Gefühl hatte: Weil ich ein Mädchen bin, kann ich das nicht. Dass mir alle Türen offenstehen, wenn ich wirklich etwas will und dafür arbeite, das ist etwas, was mir enorm hilft. Sportlich war es entscheidend, dass ich Philipp kennengelernt habe. Am Anfang war er mein Partner, mit dem ich gemeinsam Sport gemacht habe. Er war aber auch der Erste, der mein Training in die Hand genommen hat. Und dann kamen immer mehr Menschen dazu: Experten für Neuroathletik, Physiotherapeuten, Bewegungsexperten. Ich lasse mich sehr gerne von Athletinnen und Athleten aus anderen Sportarten inspirieren. Wenn man in ein anderes System hineinschaut, nimmt man immer etwas mit. Eine Athletin macht zum Beispiel 400-Meter-Lauf und ich laufe Marathon, aber trotzdem gibt es Dinge, die sich überschneiden und die man am Ende gemeinsam trainieren könnte.
Danke, Laura! Wir freuen uns schon auf die Challenge Roth, bei der du an den Start gehst – und fiebern der Ironman-WM entgegen, die im Oktober auf Hawaii stattfindet.
Verena Beck und Katalina Farkas haben Laura bereits im April zum Video-Interview getroffen, Katalina hat Laura im vergangenen Jahr für Die Zeit interviewt und ist dabei der Frage nachgegangen, warum viele Ausdauersportlerinnen mit dem Alter immer besser werden. Redaktion und Lektorat: Katalina Farkas, Verena Beck, Nicole McDermott, Lena Krey, Aron Farkas. Die Fotos vom Trainingscamp aus Nizza haben Laura Philipp und Philipp Seipp uns zur Verfügung gestellt.

Foto: Teamsprint Media
WHAT TO WATCH
11.6.–14.6. | Kanu-Slalom | Weltcup Rund 250 Athletinnen aus 40 Nationen stürzen sich in den Augsburger Eiskanal, wo sie im Kanu-Slalom und im Kayak Cross um Weltcupsiege kämpfen werden. Gleichzeitig dient der Wettbewerb als Generalprobe für die in den USA stattfindenden Weltmeisterschaften Ende Juli. Insgesamt 14 deutsche Athlet*innen sind im Starter*innenfeld vertreten. Nach dem letzten Weltcup in Prag, der aus deutscher Sicht hinter den Erwartungen zurückblieb, ruhen die Hoffnungen erneut auf Ricarda Funk, die dort als einzige Deutsche Medaillen gewinnen konnte. Die Rennen werden auf der Veranstalter-Homepage sowie am 12.06. ab 16:25 Uhr in der ARD-Mediathek übertragen.
15.6.–21.6. | Tennis | WTA 500 | Berlin Tennis Open Nach dem grandiosen Finale des letzten Jahres, wo Aryna Sabalenka gegen Elena Rybakina ein mitreißendes Duell geliefert hatte, dürfen sich in diesem Jahr nicht nur neun der Top 10 der Welt gegeneinander messen, darüber hinaus gibt Tennis-Ikone Serena Williams nach vier Jahren im Ruhestand ihr WTA-Comeback im Doppel. Als einzige gesetzte deutsche Spielerin im Einzel geht Eva Lys mit einer Wildcard an den Start. Sky überträgt das gesamte Turnier live.
15.6.–20.6. | Special Olympics | Nationale Spiele im Saarland Über 4.000 Athlet*innen aus den 16 deutschen Landesverbänden werden beim größten Multisport-Event für Menschen mit geistiger Behinderung im Saarland an den Start gehen. Das Sportkonzept von Special Olympics ist besonders: Die Athlet*innen werden nicht nach Art ihrer geistigen Behinderung eingeteilt, sondern ausschließlich nach ihrem Leistungsvermögen. Zudem gibt es einzelne Sportarten, in denen Menschen mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam in Teams antreten und somit Inklusion aktiv gelebt wird. Die Eröffnungsfeier wird am 15. Juni ab 20:15 Uhr live in der ARD-Mediathek sowie im SR Fernsehen übertragen. Weitere Medienpartner sind unter anderem MagentaTV, ZDF, DAZN und viele weitere.
ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Profisportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über jegliche Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]
Unser nächster Newsletter erscheint am Donnerstag, den 25. Juni.