Handball-Vizeweltmeisterin im extralangen Interview – US-Basketballerinnen erstreiten historischen Deal – mehr Sports Bras, bitte! – Weltfussball mit Frauenquote – umstrittener IOC-Test

Schön, dass du dabei bist!
…oder auch: Howdy, y’all! Wir schreiben diesen Newsletter aus dem Land der unbegrenzten sportlichen (Un-)Möglichkeiten, wo Katalina gerade unterwegs ist und sich neben ihren eigentlichen Verpflichtungen der inoffiziellen Mission verschrieben hat, so viel Sport-Merch wie möglich zu kaufen. Frauen-Sport-Merch, versteht sich. So viel sei gesagt: Es läuft ganz gut.
Die USA lassen uns nicht los: Einerseits Garant für katastrophale News, sind sie gleichzeitig immer wieder richtungsweisend für den Sport der Frauen – und lassen uns vorsichtig hoffen, dass die Euphorie, aber auch die Gelder, die dem Frauensport hier zufließen, irgendwann nach Europa schwappen.
Zuletzt haben die Basketballerinnen der WNBA unter Mithilfe von Claudia Goldin, Nobelpreisträgerin für Wirtschaft, einen historischen Deal über Gehälter und Rechte erstritten, außerdem ist es hier mittlerweile (fast) selbstverständlich, dass in den Sports Bars auch Sportlerinnen über die Bildschirme laufen. Zurzeit bedeutet das vor allem: dribbeln. Die US-amerikanischen Hochschulen messen sich im Rahmen des NCAA-Basketballturniers, das gemeinhin als March Madness bekannt ist und das mit einer medialen Aufmerksamkeit bedacht ist, von der beinahe sämtliche deutsche Sportarten nur träumen können.
Darüber hinaus gibt es immer mehr Bars, die ausschließlich den Sport der Frauen zeigen, angelehnt an das Original mit dem fantastischen Namen The Sports Bra in Portland, Oregon. Wir wollen an dieser Stelle ausdrücklich zur Nachahmung im deutschsprachigen Raum ermuntern! Wer macht den ersten Move?
Und jetzt zum Sport
Oder besser gesagt: zurück zu den Bildschirmen. Die sind in Deutschland ja immer noch vor allem männlichen Fußballern vorbehalten. Dass dabei oft am Publikum vorbei entschieden wird, bewies zuletzt die WM der Handballerinnen, die 2025 in Deutschland und den Niederlanden ausgetragen wurde. Ihr erinnert euch? Kurz vor Beginn der Spiele verkündeten ZDF und ARD, erst ab dem Viertelfinale zu übertragen, was Grit Jurack zu ihrem jetzt schon historischen Zitat veranlasste, sie fände es „zum Kotzen, dass im frei empfangbaren Fernsehen in Deutschland Fußball-Mist aus der vierten Liga gezeigt wird, anstatt die Vor- und Hauptrunde einer Heim-WM im Handball.“ Well said, Grit!
Handball-Nationalspielerin Emily Vogel (ehemals Bölk) kann darüber nur müde mit den Schultern zucken. „Ich bin da mittlerweile relativ abgestumpft“, sagt sie im Gespräch mit ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, „oder besser: erfahren.“ Die Debatte um Übertragungen ist nicht neu – wohl aber eine, auf die Spielerinnen nur einen begrenzten Einfluss haben: „Man kann darauf hinweisen, bitten, sich einsetzen. Am längeren Hebel sitzen aber andere Leute. Oftmals Männer.“ Emily spielt seit einigen Jahren in Ungarn. Dort werden die Ligaspiele auch im frei empfangbaren Fernsehen übertragen – was die Bekanntheit des Sports enorm steigert.
Projekt: ERSTE
Wir können es nicht oft genug sagen: Sichtbarkeit ist wichtig, im Fernsehen, im Internet und auf gedruckten Seiten. Auch deshalb haben wir ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN gestartet. Denn wir finden: Die Zeit ist reif für eine neue Medienmarke für den Sport der Frauen. Das hier ist unser fünfter Newsletter. Hier kannst du ihn abonnieren, sollte er dir von anderswo zugespielt worden sein. Außerdem wollen wir das erste Magazin im deutschsprachigen Raum auf den Markt bringen, das sich einzig und allein dem Sport der Frauen widmet. Ihr wollt als Partner*in dabei sein? Meldet euch bei uns!
Ansonsten gilt wie immer: Unterstützt uns, in dem ihr anderen vom Projekt erzählt. Leitet den Newsletter an Sportbegeisterte und Fans weiter, folgt uns bei Instagram, tauscht euch mit uns aus. Wir freuen uns über jede und jeden, der oder die mitliest. Und auf eure Ideen, Gedanken und Vorschläge unter: [email protected]
Ready, set, go!

Foto: Petra Kutasi
“Ich möchte andere inspirieren und Vorbild sein.”
Emily Vogel ist eine der besten deutschen Handballerinnen. Bölk, ihren Geburtsnamen, trägt sie mittlerweile nur noch auf Instagram – er ist eng mit deutscher Handballgeschichte verwoben: Emilys Eltern spielten professionell Handball, und schon ihre Großmutter lief in der Handballnationalmannschaft der DDR auf. Ihre Mutter gewann die bisher einzige deutsche Handball-Goldmedaille bei einer WM der Frauen.
Das Talent wurde Emily also quasi in die Wiege gelegt – and she doesn’t disappoint: 2018, 2019 und 2023 wurde sie zur Handballerin des Jahres gewählt. Sie hat den DHB-Pokal gewonnen, den ungarischen Pokal und die ungarische Meisterschaft – und unlängst, mit der deutschen Nationalmannschaft, den zweiten Platz bei der Weltmeisterschaft 2025 erkämpft.
Emily, du spielst beim ungarischen Ferencvárosi TC Budapest. Die Ungar*innen sind ja begeisterte Handballfans. Kannst du uns mal mitnehmen in die Halle?
Die Atmosphäre ist einzigartig. Man kann das mit deutschen Fußball-Ultras vergleichen. Da hat keiner eine Klatschpappe in der Hand, die beim DJ-Einsatz für zehn Sekunden bewegt wird. In Ungarn kommen alle mit Trikots, mit Schals, singen durch. Selbst wenn wir verlieren, stehen die da und feiern uns. Es gibt Leute, die zu allen Auswärtsspielen kommen, egal wie bescheiden die Flugverbindungen sind. Hier in Ungarn wird auch alles im Fernsehen gezeigt. Im Free-TV, nicht hinter einer Paywall. Das wird staatlich unterstützt, klar. Aber die Leute bleiben hängen und müssen nicht erst nach dem Livestream suchen. Daher kennen einen auch alle.
Wirst du angesprochen, wenn du durch Budapest läufst?
Nicht andauernd. Es war beim ersten Mal aber trotzdem ein kleiner Schock. In Buxtehude, meiner Heimatstadt, passiert das auch. Aber da ist Bundesliga-Handball das Nonplusultra, es gibt 40.000 Leute und ich habe mein ganzes Leben dort verbracht. In Erfurt hat das niemanden interessiert und dort wohnen 200.000 Leute. Und dann komme ich nach Budapest, in eine Zwei-Millionen-Stadt, und werde erkannt. Ich will nicht sagen, dass wir hier Stars sind, aber hier wird definitiv anders über uns Profisportlerinnen gesprochen. Weil wir in der Öffentlichkeit stattfinden.
Hier in Ungarn habe ich zum ersten Mal gesehen, was Profibedingungen bedeuten.
Wie wirkt sich das auf das Sportliche aus?
Das ist unglaublich. Ich habe den Kontrast erlebt: Ich bin im Corona-Jahr gekommen, wir haben vor leeren Rängen gespielt. Jetzt ist richtig Feuer drin, das ist krass, wie viel einem das gibt. Da verstehe ich, warum man von Heimvorteil spricht.
Du spielst seit 2020 in Budapest, mit einem der besten Teams der Welt. Was hat dich nach Ungarn gebracht?
Mein Vertrag in Thüringen lief aus und ich wollte raus aus Deutschland. In eine neue Liga mit neuen Gegnerinnen, einer anderen Mentalität. Budapest hat mich überzeugt. Unser damaliger Coach war dafür bekannt, junge Spielerinnen noch besser zu machen, und damals war ich mit gerade 22 noch eine junge Spielerin, jetzt bin ich das ja nicht mehr (lacht). Die Stadt ist wunderschön. Ich wollte Champions League spielen. Die finanzielle Komponente spielt mit rein. Und vor Ort bin ich aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen.
Warum?
Ich habe in meiner Jugend ein Jahr in Dänemark gespielt, wo die Bedingungen sehr professionell waren. Aber das hier ist eine andere Dimension. Ein Sportkomplex, kurze Wege, Physio direkt vor Ort. Der Staff ist fast größer als die Mannschaft. Es gibt keine Schule, mit der wir uns die Halle teilen. In Deutschland ist das vielerorts ein Traum. Hier in Ungarn habe ich zum ersten Mal gesehen, was Profibedingungen bedeuten.

Foto: Petra Kutasi
Seid ihr alle Vollzeitprofispielerinnen?
Ja. Die ungarische Liga wird auch staatlich gefördert, was ein gewisses Basisgehalt für Vereine ermöglicht. Die Gehälter sind hier ganz anders als in Deutschland.
Es ist absurd, dass ich dir eine solche Frage stelle. Du bist eine der höchstdekorierten Spielerinnen Deutschlands, und ich frage danach, ob du angemessen bezahlt wirst.
Ja, das zeigt viel. Das ist in Deutschland nach wie vor nicht normal. Ludwigsburg ist ja leider insolvent gegangen. Die waren alle Vollprofis dort. In Dortmund ist es ähnlich. Da muss keiner arbeiten, manche machen es freiwillig, weil sie Lust darauf haben. Und dann wird es schon eng.
Wäre denn der Wille da, das zu ändern? Sind es die fehlenden Sponsoren, oder sind die Vereine einfach in alten Strukturen gefangen?
Jeder schiebt es ein bisschen hin und her. Der Verband hat sich mit der Liga Auflagen verpasst, LED-Banden, Handballböden, Hallenkapazitäten. Das soll es einheitlicher und professioneller machen. Die Vereine stellen sich nur die Frage, wie sie das alles stemmen sollen. Die können ja kaum die Gehälter zahlen. Aber es gibt auch eine gewisse Hemmnis, Strukturen aufzubrechen. Und Sponsoren fragen: Was kriegen wir für unser Geld? Handball läuft nicht im TV. Mit den Streams ist es ein bisschen besser geworden. Aber man müsste kreativer werden.
Wo könnte man ansetzen?
Ich hoffe, dass wir als Nationalmannschaft ein Zugpferd sein können. Wie im vergangenen Dezember: Wir spielen zu Hause, zeigen inspirierenden Handball, sind erfolgreich. Und auf einmal werden Spiele im Fernsehen übertragen und sechs Millionen Leute schauen Frauenhandball.
Was Emily von ihrem Sport gelernt hat – und warum sie dem Handball der Frauen eine goldene Zukunft prognostiziert, lest ihr nach dem Spotlight.
SPOTLIGHT
She's the boss Künftig müssen alle Teams, die an einem FIFA-Frauenturnier teilnehmen, entweder eine Cheftrainerin oder eine Co-Trainerin haben. Bislang sind die Trainerpositionen im Frauenbereich überwiegend mit Männern besetzt. Die neuen Regeln schreiben außerdem eine weitere Mitarbeiterin auf der Bank vor sowie mindestens eine Frau im medizinischen Stab. PS: Wir haben uns die Kommentarspalten auf Instagram und Co. erspart – wir erahnen sie schon, jene Kommentare, die wutentbrannt fordern, nach Leistung einzustellen und nicht nach Geschlecht. Als hätten inoffizielle Quoten (im Sinne von: Männer stellen halt gerne Männer ein) nicht schon immer existiert.
Förderung sieht anders aus Um den Spitzensport in Deutschland besser zu fördern, soll bald eine zentrale Agentur die Gelder verteilen. Der Referentenentwurf sorgt nicht nur für Euphorie: Athleten Deutschland zeigte sich schockiert, weil der Entwurf keine effektive Athlet*innenvertretung innerhalb der Agentur vorsieht. Die Vorstände werden vom Bundeskanzleramt und dem organisierten Sport ausgewählt. Der Entwurf verpasse zudem die Chance, wirksamen Schutz vor Gewalt als Fördervoraussetzung zu verankern, so Athleten Deutschland. Ziel des Gesetzes ist es, wieder mehr Medaillen nach Deutschland zu bringen. Offenbar vergessen wurde dabei, dass Athlet*innen vor allem dann Bestleistungen erbringen, wenn sie sich sicher, ernst genommen und respektiert fühlen.
(Nicht) Nur ein Test Das IOC hat beschlossen, dass trans* Sportlerinnen nicht mehr in der Frauenkategorie antreten dürfen, und dass Mädchen und Frauen, beginnend mit den Olympischen Spielen von Los Angeles 2028, verpflichtende Geschlechtertests ablegen müssen. Der Test soll Fairness schaffen, ist aber nicht nur diskriminierend, sondern könnte in der Praxis auch zum Instrument gegen jede Athletin werden, die nicht dem gängigen Bild von Weiblichkeit entspricht. Zu muskulös, zu schnell, zu stark: Plötzlich hat das alte Vorurteil, dass Frauen das schwächere Geschlecht sind, eine bürokratische Grundlage. Wir sehen es so: Eine Politik, die Fairness verspricht, aber Kontrolle über weibliche Körper ausübt, schafft kein Vertrauen. Und wissen: Räume, in denen trans* Frauen ausgegrenzt werden, sind meist auch für Cis-Frauen kein sicherer Ort. Die Debatte um trans* Frauen im Sport ist vielschichtig. Die politisch motivierte IOC-Entscheidung ist es nicht.
Lieben wir Und jetzt noch ein paar positive Nachrichten aus der Welt des Fußballs: 31.736 Fans schauten in der zweiten Liga zu, als der VfB Stuttgart die Gegnerinnen vom 1. FSV Mainz 05 empfing. In den USA kamen sogar 63.004 Fans zum Match zwischen Denver und Washington (mit Starspielerin Trinity Rodman). Ebenso schön ist es, der amerikanischen Fußballerin Janella Hernandez dabei zuzusehen, wie sie gedankenverloren mit dem Ball durch Los Angeles tanzt. „I want to be as girly as I can be", sagt Janella im Video, mit dem sie auch ihre guatemaltekischen Wurzeln zelebriert, „but still show off some skills." Das Video könnt ihr euch hier anschauen.

Foto: Petra Kutasi
“Mir ist klar geworden, was mediale Aufmerksamkeit für ein Zündstoff sein kann.”
Hier kommt der zweite Teil des Interviews mit Emily Vogel. Es geht um die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft – und um das, was sie sich für ihren Sport wünscht.
Es gibt wahrscheinlich kaum etwas Größeres als eine WM im eigenen Land. Und dann kommt raus: Im Fernsehen wird es erst ab der KO-Phase übertragen. Was passiert da in einem?
Das ist ein Kampf, den wir schon jahrelang führen. In Gesprächen, in Interviews, gegenüber dem Verband. Man ist ein bisschen limitiert in dem, was man selber tun kann. Man kann darauf hinweisen, bitten, sich einsetzen. Am längeren Hebel sitzen aber andere Leute. Oftmals Männer. Für mich bedeutet das: Ich kann durch meinen Handball begeistern und mit der Nationalmannschaft erfolgreich sein, sodass keiner an uns vorbeikommt. Und natürlich immer wieder fordern. Das bringt eine gewisse Fallhöhe mit sich. Wenn wir nicht erfolgreich sind, kommt das doppelt und dreifach zurück. Aber wenn wir nichts einfordern würden, würden auch alle über uns herziehen. Dementsprechend bin ich da mittlerweile relativ abgestumpft, oder besser: erfahren. Trotzdem: Ich bin gerne laut und weiß, was ich draufhabe und für was ich einstehe. Wenn es dann so läuft wie im vergangenen Dezember: umso schöner.
Würdest du dich selbst als Vorbild bezeichnen?
Absolut! Ich möchte andere inspirieren und Vorbild sein. Aber ich bekomme das auch oft zurückgemeldet. Nicht nur von kleinen Kids, sondern auch von Erwachsenen oder Partnern, mit denen ich zusammenarbeite.
Deine Eltern spielten Handball, deine Großmutter auch. Konntest du dich überhaupt frei für den Sport entscheiden?
Der Weg war mit Sicherheit vorgezeichnet. Ich habe meine frühen Kindheitstage in der Halle verbracht und es geliebt, dem Ball hinterherzulaufen, während Mama trainiert hat. Das war ein sanfter Übergang zum eigenen Training. Ich habe auch andere Sachen ausprobiert, aber nirgendwo ist der Funken so übergesprungen wie beim Handball. Es ist der Ort, an dem ich meine besten Freunde gefunden habe. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich aufhören wollte.
Wie eng hat dich deine Familie in deiner Karriere begleitet?
Sie haben mich immer unterstützt. Sie konnten verstehen, warum ich heule, wenn wir ein wichtiges Spiel verloren haben. Sie waren da, wenn ich Durchhänger hatte. Meine Mum hat mir immer gesagt: „Immer locker bleiben, das kommt wieder, du kriegst das Gefühl.“ Meine Eltern haben mir auch immer mal wieder Hinweise gegeben. Wenn ich dafür in der richtigen Stimmung war (lacht). Aber vor allem waren sie bei all meinen größten Erfolgen dabei, von den Minis bis hin zur Nationalmannschaft und der Champions League.
Du hast WM-Silber gewonnen, deine Mutter die Goldmedaille. Gibt es jetzt eine Inhouse-Competition?
Als wir letztens in Dortmund gespielt haben, war meine Familie auch da. Und da kam eine Mutter mit zwei Kids auf mich zu und hat gefragt, ob sie ein Foto mit mir machen können. Und danach schickt sie ihre Kinder zu meiner Mama mit den Worten: „Jetzt geht mal da rüber, das ist eine richtige Weltmeisterin!“ Das fand ich total witzig. Ich würde dem Ganzen gerne nacheifern und auch eine Goldmedaille holen. Aber ich bin nicht eifersüchtig, sondern einfach nur stolz, dass meine Mama das erreicht hat.
Wir wissen, was wir können. Und nehmen das immer wieder mit auf die Platte.
Trotz der Silbermedaille fühlt es sich an, als hättet ihr bei der WM vor allem gewonnen.
Für mich war vor allem das Viertelfinale eine emotionale Geschichte, weil wir so oft an diesem Punkt gescheitert sind. Da ist es einfach aus mir rausgebrochen. Beim Halbfinale war für mich dann irgendwie klar: Es geht jetzt bis zum Ende. Aber nach der WM sind so viele Leute auf mich zugekommen. Am Rathausplatz in Dortmund, am Flughafen in Düsseldorf und Zürich, in Budapest im Krankenhaus, auf dem Weihnachtsmarkt in Buxtehude. Die haben mir ihr Herz ausgeschüttet, wie toll das war, uns spielen zu sehen. Da hätte ich noch mal losflennen können. Mir ist klar geworden, was mediale Aufmerksamkeit für ein Zündstoff sein kann. Hier in Ungarn findet das jede Woche statt. Und in Deutschland freuen wir uns schon, wenn ein WM-Halbfinale oder WM-Finale übertragen wird. Das ist eigentlich ein Witz.
Glaubst du, dass Deutschland es schafft, einen Teil dieser Euphorie mitzunehmen und aufrechtzuerhalten?
Ich hoffe es sehr. Ich glaube es auch. Ab diesem Jahr gibt es Free-TV-Rechte für unsere Spiele der Nationalmannschaft. Dafür haben wir jahrelang gekämpft. Und wenn wir dann so einen Handball spielen wie im Dezember, schön anzuschauen, begeisternd, inspirierend, dann wird das richtig gut.
Du hast dem Frauenhandball eine „geile Zeit“ prognostiziert. Was stimmt dich sonst noch optimistisch?
Diese gewisse Dominanz in unserem Spiel, die wir über das gesamte Turnier gezeigt haben. Das gibt uns Selbstbewusstsein. Wir wissen, wie es sich angefühlt hat, ins Halbfinale und ins Finale einzuziehen, den amtierenden Weltmeister zu schlagen. Selbst wenn Medien immer noch versuchen, den Erfolg zu schmälern: Wir wissen, was wir können. Und nehmen das immer wieder mit auf die Platte.
Woher kommt die neue Souveränität der Nationalmannschaft?
Viel mehr Spielerinnen sind in der Champions League unterwegs und haben den Weg ins Ausland gewählt. Ich will die Deutsche Liga nicht schlechtreden, aber es macht etwas mit einem, wenn man sich in einem anderen Land durchbeißt. Da reift man auch als Person. Auch der Anspruch an die eigene Qualität steigt. Da sind wir alle viel selbstbewusster, im Sinne von: Ich weiß, was ich brauche, um Top-Leistungen abzurufen. Das läuft in die richtige Richtung.
Am 12. April steht ja ein Länderspiel an. Du bist nicht dabei, die EM-Qualifikation ist bereits geschafft. Wie geht man so ein Spiel an?
Der Coach hat sich dafür entschieden, neue Gesichter zu testen. Denen die Chance geben, oben reinzuschnuppern. Selbst wenn Deutschland jetzt beide Spiele mit 30 Toren verliert: Das juckt niemanden, wir sind Erster in der Qualigruppe. Trotzdem wollen wir immer gewinnen. Egal mit welchem Kader, die individuelle Qualität sollte höher sein als die der Gegnerinnen.
Du selbst hattest eine bewegte Nationalmannschaftskarriere mit Höhen und Tiefen. Was hast du vom Handball gelernt?
Ich würde sagen: alles. Teamfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Resilienz, Durchhaltevermögen. Den Ehrgeiz, über sich hinauszugehen und für sich selbst einzustehen. Das ist ein neueres Learning: an sich selbst zu glauben, auch wenn andere einen unterbuttern wollen oder gegen einen arbeiten.

Foto: DHB / Kenny Beele
Was wünschst du dir für deinen Sport?
Ich wünsche mir, dass noch ganz, ganz viele Menschen, die bisher wenig Kontakt zu Handball hatten, sich davon begeistern lassen. Und nicht nur für Handball, sondern generell: Ich wünsche mir, dass Deutschland versteht, dass wenn man eine gewisse Erwartungshaltung hegt, was Erfolge und Medaillen angeht, auch ein gewisses Investment erfolgen muss. Dass Deutschland medial die Vielfalt abbildet, die wir in unserem Sport haben. Am liebsten würde ich das als Gesetz sehen, dass Nationalmannschaftsturniere und -spiele im Free-TV übertragen werden sollten. Es sollte für alle möglich sein, ihr Land zu supporten. Nicht nur Handball, nicht nur Frauen. Für alle Sportarten sollte eine Bühne geschaffen werden. Nicht immer nur für den Fußball.
Unser Format heißt ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN: Wer hat dich auf deinem Weg begleitet, und was haben die dir mitgegeben?
Mein Dad hat irgendwann mal gesagt: „Locker bleiben und Spaß haben, Handball ist auch nur ein Spiel." Das kann man auf alle Sportarten übertragen. Es geht darum, Spaß zu haben. Wenn man verliert, geht die Welt auch nicht unter. Josephine Waschul, damals Techert, eine frühere Teamkollegin, hat in meinem ersten Jahr in der Bundesliga gesagt: „Nach Regen kommt immer wieder Sonnenschein." Klingt vielleicht ein bisschen nach Binsenweisheit, aber es ist so. Keep on going, dann kommt das Feeling wieder, dann kriegst du den Flow. Das hat sich in meiner Karriere bestätigt. Und ohne Tiefpunkte, wären die Erfolge nicht so besonders und schön!
Du hast ein Haus in Budapest gekauft, hast gesagt, du fühlst dich da zu Hause – gibt es irgendeine Chance, dass Emily Vogel irgendwann noch mal für einen Champions-League-Verein in Deutschland aufläuft?
Sag niemals nie. Ich habe hier erst noch mal verlängert, dementsprechend sehe ich uns in den nächsten Jahren auf jeden Fall hier. Aber man weiß ja nie, wie sich der Handball entwickelt, wie es finanziell weitergeht. Es sind auch politische Sachen. In diesem Jahr sind Wahlen, und da die ungarische Liga auch staatlich finanziert wird, muss man schauen, wie es sich mit einem möglichen Wechsel entwickelt. Das sind Sachen, die man nicht zu 100 Prozent planen kann. Solange ich Handball spielen kann, möchte ich das priorisieren. Falls sich mein Weg noch mal aus Budapest heraus entwickeln sollte, wäre auch ein Schritt zurück nach Deutschland möglich, wenn sich das richtig anfühlen sollte. Aber aktuell fühle ich mich hier gut aufgehoben.
Interview & Editorial: Katalina Farkas. Lektorat: Nicole McDermott, Fred Grimm, Aron Farkas. Fotos: Petra Kutasi, Benny Keele.

Foto: Petra Kutasi
WHAT TO WATCH
04.-05.04 | College-Basketball: March Madness Jetzt schon historisch: Zum zweiten Mal in der Geschichte des Formats sind die Teams unter den besten vier, die auch im vergangenen Jahr dort gespielt haben: UConn, South Carolina, UCLA und Texas. UConn – mit Superstar Azzi Fudd – geht als leichter Favorit ins Rennen. (DYN) Auch in der DBBL laufen seit Mittwoch die Playoffs. Hier sind Keltern und Saarlouis favorisiert, für eine Überraschung könnte Alba Berlin sorgen (DYN).
12.04. | 18:00 Uhr | Handball: EM-Qualifikation Trotz bereits erfolgter Qualifikation der deutschen Nationalmannschaft verspricht das letzte Spiel der Gruppenphase Spannung, insbesondere mit Hinblick auf die Debüts zahlreicher Neu-Nationalspielerinnen. (ProSieben MAXX)
11.-19.04. | Tennis: Porsche WTA 500 Grand Prix Weltranglistenerste Aryna Sabalenka und Coco Gauff gehen bei diesem Klassiker an den Start, und auch vier deutsche Spielerinnen sind im Hauptfeld vertreten. Laura Siegemund, Eva Lys, Ella Seidel und Noma Noha Akugue. (Sky und Eurosport)
12.04. | 07:45 Uhr | Duathlon: Deutsche- und Europameisterschaften Alsdorf bei Aachen richtet zum wiederholten Mal die Deutschen und Europäischen Duathlon-Meisterschaften aus. Duathlon? Ja! Richtig gehört. Zwar weniger bekannt als Triathlon (#swimbikerun), verspricht Duathlon (Laufen, Radfahren, Laufen) einen nicht weniger spannenden Wettkampf. Die deutschen Hoffnungen ruhen auf der vielfachen Weltmeisterin Merle Brunnée, die bereits beim Ironman auf Hawaii am Start war. (Den Livestream gibt es hier)
14.04. | 18:15 Uhr | Fußball: WM-Qualifikation Zwei Siege haben die deutschen Fußballerinnen in der Qualifikation bereits eingefahren. Ein Dritter soll gegen Österreich folgen. Diesmal mit den Rückkehrerinnen Cora Zicai und Selina Cerci. Torschützin und Debütantin Larissa Mühlhaus fehlt aufgrund von U23-Verpflichtungen. Wir hoffen, dass sich das bald ändert und wir sie dann wieder in der A-Riege begrüßen dürfen. (ZDF)
ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Profisportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über jegliche Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]
Unser nächster Newsletter erscheint am Donnerstag, den 16. April.