
Achtung, wir starten mit Zahlen, die nicht besonders schön sind – umso schöner, dass du dabei bist!
Media Affairs aus Österreich hat analysiert, wie oft dort über den Sport der Frauen berichtet wird. Das Resultat: ernüchternd. Um Sportlerinnen ging es in Printmedien zwischen September 2024 und August 2025 in gerade einmal 15 Prozent der Artikel. Das bedeutet im Gegenzug: 85 Prozent der rund 40.000 ausgewerteten Texte waren männlichen Sportlern gewidmet.
Während Sportlerinnen also vielerorts Rekorde brechen, Tarifverträge erstreiten oder für ihre grundlegenden Rechte einstehen, stehen sie im medialen Raum nach wie vor am Spielfeldrand. Und während sich die Studie von Media Affairs nur auf Österreich bezieht, sieht es anderswo nicht besser aus. In Irland lag die Berichterstattung zum Sport der Frauen im Vorjahr bei 18 Prozent, in Deutschland bekamen Sportlerinnen in der Sportberichterstattung 2021 nur zehn Prozent der medialen Aufmerksamkeit.
Auch wenn die österreichischen Autor*innen eine leichte Verbesserung attestieren (2022 lag der Anteil bei 12 Prozent): Das Sichtbarkeitsproblem bleibt bestehen. Wenn man etwas nicht sieht (weil es medial nicht stattfindet), wie soll man dann Fan werden, eine Leidenschaft entwickeln – oder gar sagen: Ey, so möchte ich auch mal sein?
Und nein, wir möchten jetzt keinen Abgesang auf Print oder gar die klassischen Medien im Allgemeinen hören, im Sinne von: Liest doch eh niemand mehr. Denn es gibt sie noch, die Menschen, die ganz analog lesen. Dazu gehören auch Sponsor*innen von Teams und Vereinen, die mitunter noch ganz oldschool nachzählen, ob und in welchem Kontext ihr Unternehmen im Rahmen der Sportberichterstattung genannt oder abgebildet wird, und davon vielleicht künftige Sponsorings abhängig machen – also darüber entscheiden, ob Geld in den Sport fließt oder eben nicht.
Abgesehen davon sieht es im Digitalen auch nicht gerade glanzvoll aus: In den österreichischen Mediatheken liegt der Frauenanteil im Sportangebot ebenfalls bei 15 Prozent, auf den Social-Kanälen der untersuchten Medienhäuser bei 12 Prozent – obwohl Beiträge über Sportlerinnen im Schnitt höhere Interaktionsraten und ein stärkeres User-Engagement erzielen als Beiträge über männliche Athleten (wobei dieses Engagement sicher nicht immer nur positiv ist. Aber das ist ein anderes Thema, für einen anderen Newsletter).
Wir sehen in den 15 Prozent vor allem eine verpasste Chance. Das Interesse am Sport der Frauen ist da. Einschaltquoten und Besucher*innenzahlen zeigen: Es ist nicht die Nachfrage, die fehlt. Es ist die konsequente mediale Sichtbarkeit. Und die ist kein Nice-to-have. Sie spielt bei der Wahrnehmung, der Wertschätzung und der Entwicklung des Sports eine zentrale Rolle.
Die 15 Prozent bedeuten auch für uns: We’ve come a long way. Und haben gleichzeitig noch einen weiten Weg vor uns. Zum Glück sind wir dabei nicht allein. Und übrigens auch nicht die Allerersten oder Einzigen. Es ist schön, dass wir viele sind.
Projekt: ERSTE
Wir sind Journalistinnen, Fotografinnen, Sportlerinnen und Fans – und bauen mit euch zusammen nicht nur eine neue Medienmarke, sondern auch eine wundervolle Community auf. Bitte schickt uns weiterhin so tolle Themenvorschläge, bitte tauscht euch weiterhin mit uns aus.
Und bitte: Lest weiter mit! Unser Newsletter erscheint alle zwei Wochen und richtet den Blick dabei immer wieder auch auf Sportarten, denen bislang nur geringe mediale Aufmerksamkeit zuteilwurde.
Für diese Ausgabe hat Nicole McDermott mit der Taekwondo-Kämpferin Ela Aydin Konstantinidis gesprochen. Es ging um den Druck, den man als Einzelkämpferin aushalten muss, um Gewicht, um Verletzungen und um die Freude am Sport. Fotografin Sinah Bruckner hat Ela für die Fotos ins Dojang begleitet – und ist mit fantastischen Aufnahmen zurückgekehrt.
ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN – das heißt auch: Wir brauchen euch. Wir möchten das erste deutschsprachige Magazin gründen, das sich einzig und allein dem Sport der Frauen widmet. Ihr habt auch Bock darauf? Dann leitet diesen Newsletter doch an eine Person weiter, von der ihr denkt, dass sie sich auch für mehr Sichtbarkeit von Sportlerinnen einsetzt. Und beantwortet uns – wenn ihr möchtet – eine Frage:
Würdest du ein gedrucktes Magazin für den Sport der Frauen abonnieren?
Ansonsten gilt wie immer: Schreibt uns, teilt eure Gedanken und Vorschläge mit uns – und macht uns darauf aufmerksam, wenn euch etwas fehlt. Hier erreicht ihr uns: [email protected]
Ready, set, go!

Foto: Sinah Bruckner
“Es ist kein Geheimnis, dass Leistungssport nicht gesund ist.”
Von klein auf hat Ela Aydin Konstantinidis gelernt, dass man sich Leistung hart erarbeiten muss. Dass man zwar Vorbilder und Motivation braucht, aber seinen eigenen Stil finden muss, damit am Ende alles passt. Und dass selbst dann eine unachtsame Bewegung die jahrelange Arbeit in einem Moment zunichte machen kann.
Die 27-jährige Münchnerin ist eine der erfolgreichsten deutschen Taekwondo-Kämpferinnen: Sie war viermal deutsche Meisterin (die acht Junioren-Titel nicht mit eingerechnet), mehrfache Medaillengewinnerin bei Europameisterschaften, und außerdem die erste Frau der Deutschen Taekwondo Union (DTU), die eine Medaille bei einem Grand Prix gewann. Bei der anstehenden EM in München kann sie verletzungsbedingt nicht antreten. Mit Nicole spricht sie unter anderem über Gewicht – das messbare auf der Waage und das mentale, das der Sport mit sich bringt.
Ela, du hast einmal gesagt: “Be the athlete nobody wants to compete against.” Was bedeutet das konkret?
Es bedeutet: Sei der disziplinierte Sportler, bei dem jeder weiß: “Sie ist in Topform, es wird super schwer, gegen die Person zu gewinnen. Ich will so spät wie möglich, am besten nur im Finale, gegen diesen Athleten kämpfen.”
Als Einzelkämpferin bist du sehr mit dir selbst beschäftigt. Was geht kurz vor einem Kampf in dir vor?
Ich musste erst lernen, ruhig und gelassen an die Sache heranzugehen. Als Jugendliche habe ich ganz viel nach oben geschaut, zu den Senioren. Ich habe gesehen, welche Titel es zu gewinnen gibt, wie sich das Leben nach solchen Titeln verändert, wie bekannt du wirst. Das war mental oft eine Motivation, aber manchmal auch der Punkt, an dem ich mir selbst Druck gemacht habe. Jetzt, mit meiner Erfahrung, gehe ich mit klarem Ziel in den Wettkampf und kann auch stolz auf mich sein, wenn es nicht klappt. Ich kann den Weg dahin sehen und nicht nur das Ergebnis.

Foto: Sinah Bruckner
Jeder Wettkampf ist ein Geschenk.
Du sagst: Im Kampfsport entscheidet oft das Mentale. Warum?
Vor allem bei hochklassigen Wettkämpfen geht mental viel ab. Ich sage das auch zu jüngeren Athleten. Spätestens bei den Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder beim Grand Prix kann jeder Taekwondo. Jeder kann gut kämpfen und dann kommt es wirklich auf diese mentale Stärke an. Dann musst du dich einfach wohlfühlen. Da sind schon kleine Sachen, die dich ablenken oder die dich prozentual ein bisschen runterziehen, am Ende entscheidend. Die Leistungsdichte ist einfach so hoch.
Du hast dich irgendwann entschieden, die Gewichtsklasse zu wechseln. Welche Rolle haben strenge 1200-Kilokalorien-Diäten dabei gespielt? Rückblickend hast du mal gesagt: Das tust du deinem Körper nicht mehr an.
Ich bin mit 18 zu den Senioren gekommen, und da war mein Körper einfach noch ein anderer. Da war ich noch nicht die Frau, die ich jetzt bin. Wir sind damals bis 53 Kilogramm an den Start gegangen, das ist so eine Zwischengewichtsklasse. Für die Olympiaqualifikation musste ich mich entscheiden, zwischen 49 und 57 Kilogramm. Mein natürliches Gewicht war zwar sehr niedrig, aber ich musste schon sehr darauf achten, die 49 Kilogramm nicht zu überschreiten. Das wäre jetzt gar nicht mehr machbar.
Gewichtsklassen im Taekwondo
Im olympischen Taekwondo gab es bis Dezember 2025 nur vier Gewichtsklassen für Frauen: bis 49 kg, bis 57 kg, bis 67 kg und über 67 kg. Künftig sollen es sechs sein. Damit nähert sich die Einteilung jener der Weltmeisterschaften, die von der World Taekwondo organisiert werden. Dort gibt es acht Gewichtsklassen: bis 46 kg, bis 49 kg, bis 53 kg, bis 57 kg, bis 62 kg, bis 67 kg, bis 73 kg und über 73 kg.
Die Olympische Qualifikation erfolgt auf Basis der Platzierung in der offiziellen Olympia-Rangliste von World Taekwondo, die sich aus den Leistungen der Athletinnen im vierjährigen Qualifikationszyklus zwischen zwei Olympischen Spielen ergibt.
Wird das Gewicht dann auch zum mentalen Ballast?
Ich bin im ersten Qualifizierungszyklus für die Olympischen Spiele von Tokio 2021 in der Gewichtsklasse bis 49 Kilogramm angetreten und habe dann die Quali ganz knapp verpasst. Ich habe im Halbfinale verloren und hätte, um die Qualifikation zu schaffen, ins Finale einziehen müssen. Meine Gegnerin, gegen die ich verloren hatte, ist dann bei Olympia gestartet und hat Bronze gewonnen. Am Ende liegen zwei bis drei WM-Gewichtsklassen in einer olympischen Klasse und in dieser musst du unter den besten Fünf sein. Dann bist du schon im Zwiespalt, für welche Gewichtsklasse du dich entscheidest. Olympisches Edelmetall, das ist der Traum, und nach den Olympischen Spielen fängt der neue Qualifizierungszyklus an. Und dann überlegst du eben schon: Jetzt kommt deine Primetime, was machst du? Das Gewicht hatte sich leicht nach oben entwickelt, aber es war immer noch im Rahmen. Ich habe mich dann doch noch mal für die untere Gewichtsklasse entschieden, weil ich Erfahrung in dem Wettbewerb hatte. Die letzten eineinhalb Jahre in dem Zyklus aber habe ich massiv mit Gewichtsproblemen gekämpft, weil der Körper sich verändert hat, weil ich eine Frau geworden bin. Unter 49 Kilogramm zu bleiben, war einfach nicht mehr machbar. Irgendwann habe ich gesagt: Ich möchte ein neues Kapitel öffnen.

Foto: Sinah Bruckner
War es eine Befreiung, sich auf den Sport und nicht mehr auf das Gewicht zu konzentrieren?
So habe ich es empfunden. Als dann klar war, dass ich die Gewichtsklasse wechsle, war auch ganz klar meine Kommunikation an den ganzen Trainerstab, dass ich nicht mehr den Fokus darauf lege, die Gewichtsklasse zu halten. Sondern darauf, dass ich in meiner besten Form bei den Wettkämpfen sein möchte. Alles andere ist zweitrangig geworden.
Was hat sich verändert, seit du in einer höheren Gewichtsklasse kämpfst?
Ich fühle mich auf jeden Fall besser, ja. Ich muss sagen, ich hatte großen Respekt vor der höheren Gewichtsklasse. Das sind natürlich nochmal acht Kilo Unterschied. Aber es hat mich positiv überrascht, weil ich sehr schnell mit den Topathleten mitkämpfen konnte und teilweise die Leute auch geknackt habe. Ja, also ich würde schon sagen, dass ich stärker geworden und mitgewachsen bin.
Wie es ist, mit ihrem Vater als Trainer zusammenzuarbeiten, warum Taekwondo sie immer noch begeistert und wie vielen Trainerinnen Ela im Laufe ihrer Karriere begegnet ist, lest ihr nach dem Spotlight.
SPOTLIGHT
Steilpass Die FIFA hat Afghan Women United als offizielle Frauen-Nationalmannschaft Afghanistans für internationale Wettbewerbe zugelassen – unabhängig von der von den Taliban kontrollierten Verbandsstruktur, die Frauenfußball verbietet. Afghan Women United vereint Nationalspielerinnen, die aus dem Land geflüchtet sind und die im Exil weitergespielt haben. “We played with passion, hope, and the dream of inspiring young girls back home. Today, that journey has become something much bigger. Today, we are fighting for justice, recognition, and the right for Afghan women to be seen, heard, and free”, schreibt Shabnam Ruhin, die früher für das afghanische Nationalteam spielte und jetzt in Hamburg lebt, dazu auf Instagram. Ein Gänsehaut-Moment.
Equal Play “Gleicher Fußball, gleiche Anforderungen. Immer noch nicht die gleichen Rechte”: Im französischen Frauenfußball fordern die Kapitäninnen der Liga mit diesen Worten gemeinsam mit der Spieler*innengewerkschaft UNFP erneut einen verbindlichen Tarifvertrag, da trotz zunehmender Professionalisierung weiterhin zentrale Schutz- und Arbeitsstandards fehlen. Die Initiative soll nach jahrelangen Verhandlungen ein deutliches Signal an Liga und Verbände senden, dass ohne rechtlich gesicherte Mindeststandards kein gleichwertiger Schutz im Vergleich zum Männerfußball gewährleistet ist.
Kontaktverbot Ein ehemaliger niederländischer Rollstuhlbasketball-Trainer wurde nach Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens, Manipulation und Einschüchterung vom Institute for Sports Justice (ISR) mit einem fünfjährigen Kontaktverbot belegt, schreibt die niederländische NOS. Zudem hat der Vorstand des niederländischen Basketballverbandes NBB die Mitgliedschaft des Trainers beendet, wodurch er keine Funktion mehr im niederländischen Basketball ausüben kann. Ende 2024 meldeten 14 Spielerinnen sein jahrelanges Fehlverhalten, berichteten von Manipulationen und Einschüchterungsversuchen.
Run Girl Run US-Sprintlegende Allyson Felix, 40, inzwischen auch als Unternehmerin erfolgreich, erwägt ein mögliches Olympia-Comeback. Sie würde gerne 2028 bei den Spielen in ihrer Heimat Los Angeles starten, gab sie gerade via Instagram bekannt. Angesichts der brutalen Konkurrenz im eigenen Land eigentlich ein aussichtsloses Unterfangen. Aber als sie ihre Karriere begann, war auch nicht damit zu rechnen, dass sie einmal elf olympische Medaillen gewinnt und zahlreiche Rekorde läuft. Der nächste käme dann 2028 dazu: Allyson Felix wäre die erste US-Sprinterin über 40, die an Olympischen Spielen teilnimmt.
Die Allererste Die Kenianerin Sharon Lokedi hat beim Boston-Marathon 2026 ihren Titel verteidigt, das Rennen in 2:18:51 gewonnen und ihren Status als eine der dominantesten Läuferinnen der Welt zementiert. Die allererste Frau, die mit einer Startnummer in Boston antrat, war Kathrine Switzer. 1967, als Frauen offiziell nicht zugelassen waren. Die Bilder von Kathrine und Rennleiter Jock Temple, der ihr die Startnummer entreißen wollte, gingen um die Welt. Mehr über die Vorreiterin erfahrt ihr in der NDR Sportclub Story – von 2021, aber immer noch sehenswert.

Foto: Sinah Bruckner
“Manchmal braucht man jemanden, bei dem man sich ausheulen kann.”
Hier kommt der zweite Teil des Interviews mit Ela Aydin Konstantinidis. Es geht um Eltern, die gleichzeitig Trainer*innen sind – wie sie mit Verletzungen umgegangen ist und warum sie nie aufgehört hat, ihren Sport zu lieben.
Dein Vater war sehr lange dein Trainer. Glaubst du, Eltern sind gute Trainer?
Es kommt ganz stark auf den Charakter an. Ich muss sagen, im Nachwuchsbereich war es eher schwieriger für mich. Ich hatte super viel Druck. Mein Papa ist sehr, sehr ehrgeizig und auch super streng. Deswegen war es für mich nicht immer so super cool. Aber je älter ich geworden bin, desto mehr habe ich es geschätzt. Und desto besser waren wir eingespielt aufeinander. Ich bin auch ein recht starker Charakter. Deswegen habe ich mich da nicht immer zurückgehalten. Und mein Vater musste lernen, dass er als Trainer trotzdem eine Sportlerinnen-Tochter hat, die auch ein bisschen ihren eigenen Kopf hat.
Ist das eine wichtige Eigenschaft, die man als Einzelkämpferin haben muss?
Das kann man pauschal gar nicht sagen. Es gibt Charaktere, die sind sehr in sich gekehrt, zurückgezogen. Sie würden weniger den eigenen Weg, sondern eher die geführte Schiene von einem Trainer wählen, was für sie auch super gut funktioniert.
Gibt es eigentlich viele weibliche Coaches beim Taekwondo?
Leider überhaupt nicht. Und das ist auch das große Problem und war auch schon seit klein auf meine Motivation, dass ich eben später nach der aktiven Karriere in die Trainerlaufbahn wechseln will. Einfach, weil ich als junge Sportlerin nie dieses nahe Vorbild oder diese Inspiration hatte, eine Trainerin zu haben, zu der ich aufschauen konnte. Ich hatte einmal eine Bundestrainerin, und das war auch der einzige Kontakt mit einer Damentrainerin in Deutschland. Deswegen habe ich mich schon ganz jung für die Trainerlaufbahn entschieden und interessiert. Und ja, wir haben heutzutage immer noch dasselbe Problem und mittlerweile bin ich 27.
Was fehlt einer Sportlerin, wenn es keine Trainerin gibt?
Ich würde sagen, dass sich eine Frau nochmal viel besser in unsere Lage reinversetzen kann, vor allem ab dem Eintreten der Pubertät. Also der Menstruationszyklus spielt da eine ganz große Rolle und auch das Verständnis. Ich habe in der Vergangenheit oft die Erfahrung gemacht, dass Männer einfach nicht so emotional sensibel sein können und verstehen können, wie es einer Frau geht. Manchmal braucht man jemanden, bei dem man sich ausheulen kann, auskotzen kann, und dann kann man aber auch weitermachen.
Taekwondo: Regeln
Taekwondo-Wettkämpfe werden im Vollkontakt ausgetragen. Eine Begegnung besteht aus bis zu drei Runden à zwei Minuten.
Die Athlet*innen tragen Schutzausrüstung, darunter eine elektronische Weste (Hogu) und einen elektronischen Helm. „Elektronisch“ bedeutet, dass in diesen Systemen Sensoren eingebaut sind, die gültige Treffer automatisch registrieren und Punkte vergeben.
Punkte werden wie folgt vergeben: 1 Punkt für einen Fauststoß zur Weste, 2 Punkte für einen normalen Tritt zur Weste, 3 Punkte für einen Tritt zum Kopf, Zusatzpunkte für Drehtechniken (z. B. +4 bei Drehtritt zur Weste bzw. +5 zum Kopf).
Strafen (Gam-jeom) führen dazu, dass die Gegnerin einen Punkt erhält.
Du hast dich sehr früh dafür entschieden, Taekwondo auf Leistungsniveau auszuüben. Mit 17 hattest du einen Kreuzbandriss. Für viele Sportler*innen ein Karrierebruch. Was hat dich damals weitermachen lassen?
Jetzt im Nachhinein würde ich sagen, ich war etwas naiv, weil ich nach sechs Monaten schon wieder auf der Kampffläche stand. Ich bin auch deutsche Meisterin geworden, aber es ist natürlich zeitlich fragwürdig. Das würde man heutzutage nicht mehr so machen. Warum bin ich dabei geblieben? Ja, da kommt mein Papa wirklich wieder ins Spiel. Der hat mich wirklich gut aufgefangen, hat mich immer motiviert. Ich wusste auch gar nicht, was ich mit der Diagnose Kreuzbandriss anfangen soll. Ich hatte zuvor nie Berührungspunkte damit gehabt, auch nicht bei Teamkollegen. Der Weg zurück war nicht einfach. Ich habe eine ambulante Reha gemacht und bin damals in die Schule gegangen. Ich hatte nicht den Fokus, den ich jetzt als Profi habe. Es war wirklich sehr stark meinem Papa zu verdanken, dass ich eben den Weg zum Leistungssport nicht verloren habe und auch wieder zurück ins Wettkampfgeschehen gefunden habe.
Ausdauereinheiten sind nie schön. Aber es muss halt sein und daher denke ich mir: train hard, win easy.
Dann hast du dich nach einiger Zeit am selben Knie verletzt…
Ich würde sagen, es hat lange durchgehalten. Ich bin mit 19 nochmal am Außenmeniskus operiert worden. Dann waren die zwei olympischen Zyklen und ich habe wirklich extrem viele Wettkämpfe gemacht, weil wir im Qualifikationssystem vier Jahre Punkte sammeln. Dann habe ich mir bei der Olympia-Qualifikation 2024 erneut das Knie verdreht. Es war kein klassischer Kreuzbandriss, sondern einfach Verschleiß durch die Jahre im Leistungssport.
Wie kämpfst du dich zurück? Und wann beginnt man als Athletin darüber nachzudenken, wann Schluss sein könnte?
Das ist für den Außenstehenden oder Laien manchmal nicht so nachvollziehbar und manchmal bekomme ich auch die Frage, wann ist genug oder wann entscheidest du dich gegen den Leistungssport. Es ist kein Geheimnis, dass Leistungssport nicht gesund ist. Aber es ist dennoch so, dass ich mich durch den Taekwondo-Sport und durch Wettkämpfe so lebendig und so erfüllt fühle, wie in keiner anderen Sache. Ich freue mich einfach bei jedem Wettkampf. Ich sage mir: Jeder Wettkampf ist wirklich ein Geschenk, dass ich es überhaupt machen darf und überhaupt noch kann.
Und solange ich eben erfüllt und glücklich bin, möchte ich es einfach noch nicht aufgeben, weil ja, ich bin 27, aber da sind schon noch hoffentlich einige Jahre in meinem Leben, die ich eben noch auf dieser Welt bin. Und ich liebe den Sport einfach.
Du trainierst, um deinen Körper gesund und stark zu halten, und gehst dann auf die Wettkampffläche, um jemanden zu treten und zu schlagen. Ist das für dich ein Widerspruch?
Tatsächlich denkt man das bei Kampfsportarten. Aber generell würde ich die Sportart eher als olympische Sportart sehen. Ich gehe nicht immer mit dem Gedanken rein: Ich will meinen Gegner jetzt komplett fertig machen, sondern ich gehe da rein, um mein Bestes zu geben und den Kampf für mich zu entscheiden.

Foto: Sinah Bruckner
Viele Frauen und Mädchen beginnen mit Kampfsport, um selbstbewusster zu werden. Siehst du das auch im Taekwondo?
Ja, würde ich auf jeden Fall so unterschreiben. Ganz, ganz toll ist – so kenne ich es auch aus meinem Verein – dass einfach die Gleichstellung da ist. Also es wird kein Unterschied im Training gemacht, ob es ein Junge ist, ob es ein Mädchen ist, ob es eine Frau ist, ob es ein Mann ist. Jeder trainiert mit jedem. Wir kämpfen auch im Training gegeneinander. Witzig ist: Ich habe oft das Gefühl, dass in sehr vielen Vereinen mehr Mädels und mehr Frauen am Start sind als Männer.
Taekwondo hat dich von klein auf fasziniert. Begeistern dich jetzt immer noch dieselben Dinge? Und welche Übungen langweilen dich?
Als Fünfjährige geht man ja eher spielerisch an die Sache heran. Heutzutage begeistert mich halt auch extrem dieser Leistungssportgedanke, einfach diese Disziplin, Grenzen zu verschieben, an sein Limit zu gehen. Und ja, speziell im Taekwondo sind es die Schnelligkeit und die Dynamik, das finde ich so nur im Sport. Also Ausdauereinheiten sind nie schön. Aber es muss halt sein und da denke ich mir oft: train hard, win easy.
Letzte Frage: ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN. Wer hat dir geholfen?
Meine Eltern haben sich getrennt, als ich fünf Jahre alt war. Und meiner Mama war es ganz wichtig, dass ich eine Sache mit meinem Papa teile und das sollte in Richtung Sport gehen, eben weil ich so ein aufgewecktes Kind war. Mein Papa war Trainer, sonst hätte ich gar keine Berührungspunkte mit dem Sport gehabt. Taekwondo ist ja leider eine Randsportart. Ich habe super schnell Freunde gefunden und dann auch Gefallen an der Sportart gefunden. Im Nachhinein habe ich dann Papa auch gefragt, warum Taekwondo und warum Einzelsport? Und er meinte: Es war mir wichtig, dass du selbst für deine Leistung arbeiten musst und dir das erkämpfen musst, um eigenständig zu sein.
Danke, liebe Ela, für deine Offenheit. Wir drücken dir die Daumen für die Recovery und hoffen, dass du ganz bald wieder vollständig genesen bist!
Redaktion und Lektorat: Nicole McDermott, Katalina Farkas, Fred Grimm, Aron Farkas. Fotos: Sinah Bruckner.

Foto: Sinah Bruckner
WHAT TO WATCH
29.4.–3.5. | Radsport (Gravel) | The Traka Das bedeutendste europäische Gravel-Event findet auch in diesem Jahr wieder im spanischen Girona statt. Bei “The Traka“ gilt es, sich auf 200 km bzw. 325 km mit den besten Fahrerinnen der Welt zu messen. Caro Schiff, Siegerin von 2023 und 2024, startet auf der kürzeren Strecke – die mit 80% Schotteranteil und 2650 Höhenmetern dennoch ein hartes Stück Arbeit werden dürfte. Ein Livetracking gibt es auf der Veranstalter-Homepage.
Übrigens: Caro schaut auch ganz bald bei uns im Newsletter vorbei – und spricht mit Autorin und Outdoor-Expertin Claudia Klingelhöfer über ihren Weg in den Profi-Radsport, Rückschläge und die Diagnose RED-S.
1.5./3.5. | Basketball | DBBL-Finalserie Nach zwei Siegen in drei Spielen über die Blue Dolphins aus Marburg könnten sich die Rutronik Stars Keltern im vierten Spiel der Best-of-Five-Finalserie den Meisterinnentitel in der DBBL holen. Spiel 4 wird am 1.5. um 16:00 Uhr hier live gestreamt.
2.5.–3.5. | Leichtathletik | World Athletics Relays Mit der “Staffel-WM” findet der erste internationale Höhepunkt der Freiluftsaison in Gaborone, Botswana statt. Sowohl in den Klassikern 4x100 oder 4x400 als auch in Mixed-Wettbewerben starten Teams aus 40 Ländern. Für Deutschland gehen unter anderem Sprint-Europameisterin Gina Lückenkemper, Rebekka Haase und Skadi Schier an den Start. Es geht nicht nur um vordere Plätze: Die jeweils besten acht Teams qualifizieren sich vorab für die Leichtathletik-WM 2027 in China. Eurovision Sport überträgt live.
3.5. | Fußball | Champions League (Halbfinal-Rückspiel) Nach einer starken Leistung beim 1:1 Hinspiel in München steht das Rückspiel gegen die dreimaligen Champions League-Siegerinnen vom FC Barcelona im sagenumwobenen Camp Nou an. Die favorisierten Spanierinnen können mit großer Unterstützung rechnen – bereits gut eine Woche vor dem Spiel waren über 42.000 Tickets verkauft. Das ZDF überträgt live ab 16:15 Uhr.
11.5–14.5. | Taekwondo | European Championships 2026 Die erste Heim-EM seit über 20 Jahren findet in diesem Jahr in München statt. Lorena Brandl, die bei der letzten EM Gold gewonnen hat, möchte ihren Titel verteidigen. Eurovision Sport überträgt im Livestream.
28.4.–3.5. | Tischtennis | Team-Weltmeisterschaften Mindestens das Halbfinale erreichen möchte das deutsche Team um Sabine Winter, Ying Han, Yuan Wan, Nina Mittelham und Annett Kaufmann bei den Team-Weltmeisterschaften 2026 in London. Das erste deutsche Spiel gegen Frankreich findet am 02.05. um 11:00 Uhr statt und wird live auf DYN übertragen. Zusätzlich ist ein Livestream des Tischtennis-Weltverbandes geplant.
ERSTE WIRD MAN NICHT ALLEIN, kurz: ERSTE, ist ein Newsletter, ein Magazin, ein Podcast, eine Mission. Wir schreiben die Geschichten des Sports der Frauen neu. Abonniert diesen Newsletter, wenn ihr ebenfalls findet, dass Profisportlerinnen mehr Sichtbarkeit verdient haben. Und schreibt uns! Wir freuen uns über jegliche Hinweise, Ideen und Vorschläge – und über neue, noch nicht erzählte Geschichten. [email protected]
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